Die Akademisierung der Gesellschaft | The European

Recht eingebildet

Daniel Dettling24.03.2014Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Selbst Erzieher und Optiker brauchen heute Uni-Abschlüsse. Doch eine Gesellschaft, in der alle studieren, ist nicht automatisch eine Gesellschaft, in der das Ziel „Bildung für alle“ umgesetzt ist.

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Vor bald 40 Jahren erschien ein Beitrag von Elisabeth Noelle-Neumann, der Ikone der Meinungsforschung, in der „Zeit“ unter der Überschrift „Werden wir alle Proletarier?“. Statt einer „Verbürgerlichung der Arbeiterschaft“ konstatierte die Allensbacher Demoskopin eine Anpassung der Angestellten und Selbstständigen an das Wertesystem der „Proletarier“, am deutlichsten bei der jungen Generation.

Zwar „verbürgerlichen“ die Arbeiter im materiellen Bereich, so Noelle-Neumann, im geistigen Bereich dagegen käme es zu einer Anpassung der Einstellungen und Werte an die „Unterschichtenmentalität“: Arbeitsunlust, Ablehnung von Anstrengung und Risiko. An die Stelle langfristiger Ziele würden der Drang nach „unmittelbarer Befriedigung, Egalität und Status-Fatalismus“ treten. Die Möglichkeit, durch eigene Anstrengung den eigenen Status zu verbessern, würde bezweifelt. Symbolisch stand für die Proletarisierung der Angestellten und Selbständigen das Tragen von Jeans. Diese „versinnbildlichen die Tendenz zur Egalisierung, die Anpassung an die Unterschicht“.

Das Abitur als Garant des sozialen Aufstiegs

Die Akademikerquote lag zu dieser Zeit, Anfang, Mitte der 1970er-Jahre, bei weniger als 20 Prozent. Heute sind es mehr als 50 Prozent (Hochschul- und Fachhochschulreife). Ein wesentlicher Motor dieser Entwicklung sind die Elternhäuser. Fast 70 Prozent der Eltern wünscht, dass ihre Kinder Abitur machen. Für viele Mütter und Väter ist das Abitur heute die Eintrittskarte in eine bessere Zukunft. Während das Gymnasium in allen Bundesländern kräftig gewachsen ist und heute rund 40 Prozent eines Jahrgangs anzieht, verlieren die Schulformen an Bedeutung, die keinen direkten Zugang zum Abitur anbieten. An einer Steigerung der Abiturienten- und damit der Akademikerquote scheint kein Weg vorbei zu führen.

Der Trend geht eindeutig hin zu einer „Akademiker-Gesellschaft“ auch in Deutschland. Ein Trend, den die OECD seit Jahren einfordert. Die Frage ist daher nicht, ob in Zukunft wirklich alle studieren _müssen_, sondern, ob (fast) alle studieren _wollen_. Die Grenzen zwischen dem eher theorieorientierten Studium und der praxisorientierten Berufsausbildung verschwimmen in einer komplexer werdenden Arbeitsgesellschaft. Die deutschen Hochschulen und Handwerksbetriebe sind auf diesen Megatrend kaum vorbereitet, wie der Sammelband von Tanjev Schultz und Klaus Hurrelmann („Die Akademiker-Gesellschaft. Müssen in Zukunft alle studieren?“) beschreibt. Die einen bejammern eine „Überfüllung“ der Universitäten, die anderen fürchten eine Fachkräftekatastrophe.

Schattenseiten der Hochbegabten-Utopie

Der Trend zur Akademisierung hat inzwischen auch Berufe wie Erzieher, Pfleger und Optiker erreicht. Der Bildungsforscher Heinz-Elmar Tenorth warnt vor einer Akademisierung solcher Berufe, weil sie viele abschrecken wird und eine Arbeitsgesellschaft drohe, die immer weniger inklusiv ist. Es sei nicht Aufgabe der Politik, für Statusambitionen zu sorgen und Privilegien jener zu sichern, die sich gegen Ansprüche von unten absichern wollen.

Eine Gesellschaft, in der alle studieren, ist nicht automatisch eine Gesellschaft, in der das Ziel „Bildung für alle“ umgesetzt ist. Sie ist aber auch keine Utopie, vor der man sich fürchten muss (Tanjev Schultz). Schultz und Hurrelmann plädieren in ihrem Abschlusskapitel für ein bundesweites „Zwei-Wege-Modell“ aus Gymnasium und einer „integrierten Sekundarschule“ bzw. „integrierten Oberstufe“.

_Tanjev Schultz, Klaus Hurrelmann (Hrsg.): “Die Akademiker-Gesellschaft. Müssen in Zukunft alle studieren?()”:http://www.beltz.de/de/verlagsgruppe-beltz/gesamtprogramm/detailansicht/titel/die-akademiker-gesellschaft.html Beltz Juventa. 232 Seiten. 19,95 EUR. Weinheim und Basel. 2013._

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