Matthias Horx' neues Buch „Zukunft wagen“ | The European

Die Furcht vor dem Fremden

Daniel Dettling25.02.2014Wirtschaft, Wissenschaft

Matthias Horx über unseren Umgang mit dem Unvorhersehbaren.

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Don McCullough

Matthias Horx ist ein Zukunftsoptimist. In seinen Büchern will er uns Leser fit für das Unvorhersehbare machen. Ziel ist die „future fitness“ als Rüstzeug für ein besseres Leben. Der große Gegner des Fortschritts ist für Horx die Angst. Genauer: der Umgang mit Angst. Wie können wir frei von Angst werden? Indem wir die Furcht vor dem Fremden, dem Unverständlichen und Unbekannten besiegen.

Adressat seines neuen Buchs „Zukunft wagen“ ist nicht _die_ Gesellschaft oder _die_ Politik oder _die_ Wirtschaft. Horx geht es um die Zukunft in uns. Es geht um die mentalen Modelle und unsere Irrtümer mit ihnen. Jeder von uns sieht Zukunft zunächst einmal als vorweggenommene Erinnerung, so wird der israelisch-amerikanische Nobelpreisträger Daniel Kahnemann zitiert. Die Erinnerungen sind es, die wir nach vorne projizieren und für Zukunft halten. Dabei irren wir uns oft.

Evolutionärer Humanismus statt linearistisches Weltmodell

Horx vertritt die Theorie des evolutionären Humanismus, einer Verbindung der Kognitionsforschung und der evolutionären Psychologie, der Neurologie und der Soziobiologie. Er sieht in dem Phänomen der Komplexität eine Chance und keine Gefahr. Und er wehrt sich gegen linearistische Weltmodelle wie die des Club of Rome, die immer wieder zu denselben Denkfallen führen. „Die Grenzen des Wachstums“ haben, so Horx, zu jener Weltuntergangsparanoia beigetragen, die unsere Kultur immer mehr zu durchdringen scheint.

Statt ständig von einem „Ende des Ölzeitalters, der Rohstoffe oder seltenen Erden“ zu reden, setzt der Zukunftsforscher auf „cradle-to-cradle-Konzepte“. Diese gehen einen neuen ökologischen Weg und konstruieren „Kreislaufsysteme der Üppigkeit“. Das bekannte Knappheitsmodell der Ökonomen? Veraltet. Aus dem allgemeinen Energieproblem wird ein Kohlenstoff-Managementproblem. Wenn es gelingt, Kohlenstoff so zu managen, dass er nützlich wird, dann kann man mit ihm sehr verschwenderisch umgehen.

Für rund 80 Prozent aller Menschen auf der Erde haben sich die Lebensbedingungen in den letzten zwei Jahrzehnten verbessert. Für etwa 16 Prozent sind sie gleich geblieben. Gut vier Prozent der Menschen haben von Globalisierung und Wachstum nicht profitiert, sondern sind zurückgefallen. Allein in China sank die extreme Armut von 85 auf 13 Prozent. Und 1,4 Milliarden Menschen leiden heute an Übergewicht, 800 Millionen an Hunger.

Nein, die Welt ist nicht heil. Aber es gibt erheblichen Fortschritt. Wir leben nicht in einer Welt der endlichen Knappheiten, sondern in einer unlimitierten Welt. Die Zukunft ist offen, sie ist dynamisch und nicht linear und vorbestimmt.

Fortschritt durch Irrtum und Komplexität

Wir verbessern uns durch evolutionäre Fitness, durch den Irrtum und Revision. Durch den Umgang mit Störungen und Scheitern und durch Resilienz, widerstandsfähigen und dynamischen Systemen. Komplexe Systeme brechen nicht zwangsläufig zusammen, im Gegenteil: „Komplexität ist Selbstorganisation, deren Evolution durch Krisen angetrieben wird und die dabei nach und nach immer mehr Resilienz ausbildet.“ Daher wird Europa, wird die Europäische Union auch nicht scheitern, sondern sich durch seine Krisen weiterentwickeln.

„Zukunft wagen“ ist ein nachdenkliches, bisweilen autobiografisches Buch. Matthias Horx geht es um unsere Haltung zur Zukunft, um unseren Umgang mit Irrtümern, Selbsttäuschungen und ihre Überwindung. Es ist ein intelligentes, schönes und sehr menschliches Buch geworden.

_Matthias Horx: Zukunft wagen. Über den klugen Umgang mit dem Unvorhersehbaren. 320 Seiten. Deutsche Verlagsanstalt. 2013. 22,99 €._

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