Schöne neue Datenwelt

von Daniel Dettling2.12.2013Medien, Wirtschaft

Mit Big Data werden große Versprechen der Informationsgesellschaft wahr. Ein bisschen umdenken müssen wir trotzdem.

Der Fall des Vogelgrippe- und Schweinegrippevirus im Jahr 2009 machte weltweit Schlagzeilen und löste eine monatelange öffentliche Panik aus. Google verglich die 50 Millionen am häufigsten von US-Bürgern eingegebenen Suchbegriffe mit den Daten der amerikanischen Seuchenbekämpfungsbehörde und konnte die Ausbreitung der Grippe praktisch unmittelbar voraussagen.

Computerisierung unserer Lebens- und Umwelt

Die Methode basierte auf „Big Data“: “Informationen so zu nutzen, dass neue Erkenntnisse, Güter oder Dienstleistungen von bedeutendem Wert gewonnen werden”:http://www.theeuropean.de/debatte/452-big-data. Es geht dabei im Grunde um Vorhersagen, um die mathematische Verarbeitung riesiger Datenmengen zur Gewinnung von Wahrscheinlichkeiten. Und es geht um Teile unserer täglichen Lebenswelt, die bis jetzt allein der menschlichen Beurteilung unterliegen und in Zukunft durch Computersysteme ergänzt und ersetzt werden können. Amazon empfiehlt uns das passende Buch, Google die passende Website, Facebook kennt unsere Vorlieben und Parship unseren idealen Partner.

Big Data kann aber auch einen Beitrag zur Lösung weltweiter Probleme wie die Erderwärmung, die Seuchenbekämpfung oder den Klimawandel leisten. Das große Versprechen der Informationsgesellschaft scheint Wirklichkeit zu werden. Mit Big Data können wir schneller experimentieren und mehr Hypothesen nachgehen. Es ist ein Instrument, Innovationen zu verstärken und zu beschleunigen, aber auch nicht mehr. Erfindungen sind etwas, worauf man mit noch so vielen Daten nicht kommen kann, weil sie ja noch nicht existieren. Big Data ersetzt weder Kreativität noch Intuition oder unseren intellektuellen Ehrgeiz.

Die „schöne neue Datenwelt“, ihre Vorteile, Chancen, Risiken und Gefahren beschreiben die beiden Autoren Viktor Mayer-Schönberger und Kenneth Cukier eindrucksvoll und auf verständliche Weise. Ihr Buch ist jedoch vor der Snowden-Affäre geschrieben worden und geht zu wenig auf die Gefahr ein, die von öffentlichen und privaten Monopolen ausgeht. Wo Unternehmen riesige Märkte und Umsatzsprünge sehen, steigt die Angst vor Datenspionage und grenzenloser digitaler Überwachung. Wenn Geheimdienste auf die Daten von wenigen großen Internetunternehmen zugreifen können, sind unsere Freiheit und Grundrechte bedroht. Die viel beschworene „digitale Mündigkeit“ setzt Transparenz, das Wissen um Datenkontrolle voraus.

Ein digitales Fukushima: Die Snowden-Enthüllungen

Die Snowden-Enthüllungen werden sich eines Tages als ein „digitales Fukushima“ entpuppen. Als eine Art Super-GAU der Datenüberwachung durch das Land der großen Freiheit. Die aktuelle Diskussion um eine europäische Antwort wie etwa eine „Schengen-Cloud“ ist sicher notwendig. Aber nicht hinreichend. Die Antwort auf Fukushima war die „Energiewende“, ein Umdenken in Richtung eines kontrollierbaren Mixes aus erneuerbaren, dezentralen und konventionellen, nationalen Energien. Ähnlich muss die Antwort auf die Snowden-Enthüllungen lauten: Dezentralisierung bei gleichzeitiger Gewähr von einheitlichem Grundrechtsschutz und Infrastruktur. Die Diskussion allein den Geheimdiensten und Großunternehmen zu überlassen, hat sich als fatal herausgestellt.

_Viktor Mayer-Schönberger und Kenneth Cukier: Big Data – Die Revolution, die unser Leben verändern wird. Redline Verlag 2013. 304 Seiten. 14,99 Euro._

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