Europa zurückabzuwickeln – das wäre ein schrecklicher und historischer Irrtum. Hans-Dietrich Genscher

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Bald werden zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Kann das gut gehen? Stephen Emmott hat auf diese Frage eine Antwort gefunden, die gleichzeitig schockiert und motiviert.

Angstszenarien und Alarmismus provozieren Apathie und Aporie. Warum ist die „große Transformation“, die viele Klimawissenschaftler und Globalisierungskritiker seit Jahren fordern, bislang ausgeblieben? Eine aktuelle Antwort kommt von Stephen Emmott: „Wir sind nicht zu retten“ lautet die durchgängige Botschaft seines Bestsellers „Zehn Milliarden“. Dabei ist der Autor eigentlich von Berufs wegen zum Optimismus verpflichtet. Als Leiter eines Microsoft-Labors forscht er mit einem Team junger und exzellenter Kollegen über das Klima.

Zehn Milliarden Menschen, ein Albtraum

Die Fakten, die er auf fast jeder Seite zitiert, sind ernüchternd: Gegen Ende dieses Jahrhunderts werden mindestens zehn Milliarden Menschen auf dieser Erde leben. Ein Planet mit zehn Milliarden Menschen wird der reinste Albtraum sein: Der wachsende Energiebedarf und die zur Verfügung stehenden Ernährungsressourcen werden diesen Anstieg der Bevölkerung jedoch konterkarieren. Es drohen globale Klima- und Hungerkatastrophen.

Was können wir noch tun: Technologien oder gesellschaftliche Transformation?

Emmott sieht zwei Möglichkeiten: „Wir können versuchen, uns aus dem Schlamassel herauszutechnologisieren, oder wir ändern unser Verhalten, und zwar radikal.“ Diejenigen, die auf die Strategie der „Rettung durch Technologie“ setzen, bezeichnet Emmott als „rationale Optimisten“. Ihre alternativen oder kumulativen Lösungen lauten: Grüne Energie, Kernkraft, Entsalzung, Geoengineering und eine zweite Grüne Revolution.

Vier von ihnen erweisen sich für Emmott als unrealistisch, weil sie entweder zu lange brauchen oder zu große finanzielle Ressourcen binden. Die vor allem aus deutscher Perspektive verblüffende Antwort auf unser Energieproblem zumindest für die nächsten Jahrzehnte sieht Emmott in der Kernkraft. Um sie als Lösung auch gleich wieder zu verwerfen. Das sofort notwendige gigantische Programm zur nuklearen Energieerzeugung fällt aus.

Wenn uns keine Technologie rettet, sollten wir, so Emmott, die Haltung eines „rationalen Pessimisten“ einnehmen: „Wir müssen unser Verhalten ändern, und zwar radikal.“ Emmott sieht sich der Schule Karl Poppers verpflichtet, verliert aber die nötige Ruhe. „Radikal“ war Popper nie.

Wir müssen unser Verhalten ändern

Die einzige Alternative, die am Ende übrig bleibt, ist radikaler Konsumverzicht und ein sparsamer Umgang mit Ressourcen. Von der Politik erwartet Emmott dabei keine Unterstützung. Würden sie die notwendigen Entscheidungen treffen, wären sie sehr schnell unbeliebt. Eine soziale Bewegung zur Verhaltensänderung sieht Emmott jedoch auch nicht. Am Ende verfällt er in Ratlosigkeit und Resignation: „Ich glaube, wir sind nicht mehr zu retten.“

Die Strategie der Aporie ist sicher beabsichtigt. Sie fördert den Verkauf des Buches und verstört den Leser. Er ist aufgerufen, weiter zu denken, zu verändern und die Welt zu retten. Emmott sieht sich nicht als Vordenker einer neuen Öko-Bewegung, sondern als deren agent provocateur. Eine erstaunliche, beinahe sympathische Haltung: Ein Wissenschaftler, der hofft, dass er sich irrt. In Deutschland ist diese Gattung längst ausgestorben. An ihre Stelle sind Wissenschaftler getreten, die sich als Weltretter gerieren und um den Klimawandel und das Energieproblem eine neue Religion spinnen. Ihr Weg ins neue Paradies wird in der Hölle enden. In diese Falle tappt Stephen Emmott nicht. Dafür sollten wir ihm danken, sein Buch lesen und Stück für Stück versuchen, die Welt zu verbessern.

Stephen Emmott: Zehn Milliarden. Suhrkamp Verlag 2013. 206 Seiten. 14,95 €

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Daniel Dettling: Mythen und Fakten zu Ehe

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