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Wir können auch anders

Lotter glaubt an den ökonomisch mündigen und politisch souveränen Bürger. Nicht der Kapitalismus ist an allem schuld – es liegt an uns selbst.

Wolf Lotter ist ein Neo-Aufklärer der ersten Stunde. Der Mitgründer des Wirtschaftsmagazins „brand eins“ hat ein überragendes Projekt, dem er sich seit Jahrzehnten in Essays, Vorträgen und Büchern widmet: der längst „überfälligen ökonomischen Emanzipation“. Aufklärung definiert er im Kant’schen Sinn als die Befreiung des Menschen von seiner selbst verschuldeten ökonomischen Unabhängigkeit.

Nicht Kapitalismus, sondern die Politik ist an allem schuld

Nur so lassen sich Mythen bekämpfen. Etwa, dass „der Kapitalismus an allem schuld“ sei. Lotter schreibt von einem „Schauprozess gegen den Kapitalismus“. Wer Kapitalismus aber nur im Singular denkt, irrt. Die Ursache für die gegenwärtige Finanz- und Vertrauenskrise sei eine unheilvolle Allianz zwischen Sozialstaat, Banken und Konsumkapitalismus gewesen. Beide bräuchten den selbstständigen und souveränen Bürger nicht, sondern Verbraucher und Transferempfänger.

Verantwortlich dafür sei die Politik, genauer die „Politikerklasse“, die sich nun zum Richter aufschwingt und das Primat der Politik einfordert. Politiker und Banker spielen mit dem Geld anderer Leute: „Die Politik bestellte, die Banken lieferten und die Bürger nahmen, was sie kriegen konnten.“ Ein Machtfilz aus Bürokraten, Behörden und Banken sei ursächlich für das gegenwärtige Systemversagen.

Für einen Systemwechsel: basisökonomisch und basisdemokratisch

Die Gleichung „Kapitalismus ist Egoismus, Politik ist Gemeinsinn“ ist falsch, so Lotter. Sein Credo: „Der Kapitalismus stärkt vielmehr die Unabhängigkeit der Person, die gelernt hat, die Ökonomie als Werkzeug zur Emanzipation zu nutzen.“ Lotter glaubt an den ökonomisch mündigen und politisch souveränen Bürger. Sein Menschenbild ist ein völlig anderes als das der libertären Paternalisten „Der Mensch ist das Primat, das zählt.“

So ähnlich hat es auch die europakritische „Alternative für Deutschland“ plakatiert. Aber das Plagiat fürchtet der Autor nicht. Es geht ihm nicht um Politik, sondern um Emanzipation, um ein Bündnis aus Zivilgesellschaft und Zivilkapitalismus – ohne Politik und Manager, die sich aus der Verantwortung stehlen. Sein Projekt ist voraussetzungsvoll. Nur der materiell autonome Mensch kann frei und unabhängig sein. „Wer finanziell abhängig ist oder in Abhängigkeit gehalten wird, ist nicht Bürger der Zivilgesellschaft.“ Damit fällt gegenwärtig die große Mehrheit der Steuer- und Abgabenzahler durch den Rost.

Der Sozialunternehmer ist das neue Leitbild

Der zivile Kapitalismus setzt auf den engagierten sozial unternehmerischen Bürger. Bürger und Unternehmer sein wird eins. Das Ökonomische ist politisch, teilhaben und teilnehmen zugleich. Zivilkapitalismus und Zivilgesellschaft stehen für eine „Wiederinstandsetzung“ der Demokratie, für ein Bündnis aus bürgerlicher Freiheit und verantwortlichem Unternehmertum.

Doch wer soll das Projekt vorantreiben, damit es sich auch mehrheitlich durchsetzt? Die Frage stellt Lotter nicht und will sie auch nicht stellen. Ihm geht es nicht um Politik und den Kampf um Mehrheiten. Lotter geht es um das Projekt der Aufklärung. Sein Akteur ist das „Wir“: Es liegt an uns selbst. Wenn wir eine bessere Welt wollen und es selbst besser haben wollen, müssen wir selbst besser werden.

Wolf Lotter: Zivilkapitalismus. Wir können auch anders. Pantheon Verlag 2013. Euro 14,99. 224 Seiten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Daniel Dettling: Mythen und Fakten zu Ehe

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