Ohne Teddy im Helikopter

Daniel Dettling8.10.2013Gesellschaft & Kultur

Ihr Ziel ist das perfekte Kind – am Ende könnte ein Mensch von der Stange stehen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, hat ein Buch über die Eltern von heute geschrieben.

In den USA heißen sie „Black Hawk Parents“. Gemeint sind Eltern, die ständig wie Beobachtungsdrohnen über ihren Kindern schweben und beim kleinsten seelischen oder körperlichen Wehwehchen herbeifliegen, um zu helfen. Ihnen hat Deutschlands oberster Lehrer, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, nun ein Buch gewidmet: „Helikopter-Eltern“. Gemeint sind Eltern, die ihre Kinder zu deren eigenem Schaden zu sehr fördern und ihnen jeglichen Freiraum nehmen.

Josef Kraus sieht zwei Typen Eltern als gesellschaftspolitisches Problem an: Die einen sind die Null-Bock-Eltern, die sich überhaupt nicht um ihre Kinder kümmern. Um diese versucht sich eine gut meinende und meist hilflose Schulbürokratie und Sozialpolitik zu kümmern. Zahlreiche Programme und Publikationen handeln von ihnen. Kraus geht es aber um die Eltern, die sich um alles und noch mehr kümmern – und ihre Kinder und die Lehrer damit erdrücken. Beide Typen machen jeweils 10 bis 15 Prozent, somit nicht einmal 30 Prozent aller Eltern aus. Die große Mehrheit (70 Prozent) befindet sich in der pädagogischen Normalzone. „Es gibt keinen generellen Erziehungsnotstand“, so lautet die beruhigende Klarstellung zu Beginn des Buches. Doch was ist dann das Problem?

Pädagogik der totalen Einmischung

Kraus schreibt als Lobbyist der Lehrerschaft und als Anhänger der traditionellen Pädagogik. Das Buch widmet er nicht seinen Kindern, sondern den eigenen Eltern Sophie und Joseph (!) Kraus. Sein Kampf gilt der modernen Pädagogik und Hirnforschung. Als Bewegung der totalen Einmischung geht sie im Unterschied zu früher quer durch alle Schichten und wächst. Kraus sieht sie als Reaktion auf die No-Education-Bewegung der 1980er-Jahre. Die Versuchskaninchen pädagogischer Experimente aus dieser Zeit sind heute selbst Eltern und wurden in der eigenen Kindheit ebenfalls verwöhnt, überbehütet und verschont. Ihr Ziel ist das perfekte Kind – und könnte am Ende ein Mensch von der Stange sein: junger Mann (oder junge Frau), 23 Jahre, mit Masterabschluss, mindestens vier Jahren Auslandserfahrung, vier Sprachen fließend sprechend.

Umfragen zufolge meinen fast 30 Prozent der Eltern, in der Schule werde heute so viel verlangt, dass man die Kinder zusätzlich fördern müsse – und mischen sich in die tägliche Hausaufgabenarbeit ihrer Kinder ein. Als spät gebärende und oft Teilzeit arbeitende Mütter würden sie ihre Elternschaft überhöhen, urteilt Kraus. Aber vielleicht ist es nur Angst und Sorge um den Nachwuchs, der die Mütter in die Sprechstunden und Schulversammlungen treibt? Und wo bleiben die Väter, fragt Kraus. Erziehung wird zunehmend zu einer Domäne der Frauen, mit Mutter, Kindergartenerzieherin und Grundschullehrerin. Doch sein Appell „Mehr Väter im Alltag“ wirkt hilflos. Die nötigen Schlüsse zieht er nicht, aus Angst vor deren Konsequenzen?

Zeit, Zeit, Zeit – aber mit wem und wo?

Die drei wichtigsten Dinge in der Erziehung sind nach Kraus: Zeit, Zeit, Zeit. Deutsche Eltern haben sie zur Genüge. Ihre Zahl der Kinder ist geringer als früher, die eigene Arbeitszeit kürzer. Also stopfen sie den eigenen Kalender wie den der Kinder voll mit Fördermaßnahmen am Nachmittag. Viele Kinder haben bereits einen Terminkalender, der kaum Zeit für das eigene Spielen lässt. Im Unterschied zu Ländern mit einer Kultur der Ganztagsschule geht das deutsche Bildungswesen davon aus, dass die Kinder am Nachmittag von den Müttern bespaßt und betreut werden. Für die Kinder, deren Mütter dazu nicht in der Lage sind, weil sie weder gut deutsch sprechen noch über die nötigen Informationen zur Förderung ihrer Kinder verfügen, ist dies fatal.

Die Bildungsdurchlässigkeit stagniert seit Jahrzehnten in Deutschland. Und für die Mädchen und Jungen aus der breiten Mitte ist der real existierende Zustand ebenfalls schlecht, wie Kraus zutreffend beschreibt. Zwischen 9 und 17 Uhr sollten die Kinder ihre Zeit an guten und ihre Kreativität fördernden Schulen verbringen. Davor und danach bleibt noch genug Zeit – für Mami und Papi.

_Josef Kraus: Helikopter-Eltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung. Rowohlt, Hamburg 2013. 224 Seiten. € 18,95._

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