Rezension von „Risiko“ | The European

Scheinkatastrophen und Schockängste

Daniel Dettling10.09.2013Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Bürger sind nicht besonders risikokompetent. Muss sich der Staat also allumfassend um sie kümmern? Gerd Gigerenzer wagt in seinem Buch einen Gegenentwurf.

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C.Bertelsmann

Leben wir in der gefährlichsten aller Welten? Obwohl wir in einer Epoche leben, in der die Kindersterblichkeit niedriger und die Lebenserwartung höher ist, halten viele die Welt für gefährlicher und ungewisser denn je. Je unsicherer und ungewisser die Gegenwart und Zukunft, desto stärker ist das Bedürfnis nach Sicherheit und Gewissheit. Jede Alltagsentscheidung ist mit einem Risiko verbunden. Ganze Industrien leben inzwischen von der Furcht der Menschen vor der nächsten Krise oder Krankheit. Von einer besseren Technik, mehr Gesetzen oder stärkerer Kontrolle versprechen sich viele Bürger mehr Schutz.

Die Reflexe sind die bekannten Vorschläge. Wie können wir uns vor der nächsten Finanzkrise schützen? Durch strengere Vorschriften, kleinere Banken und bessere Berater. Wie können wir uns vor der Bedrohung durch den Terrorismus schützen? Mehr Polizei, Ganzkörperscanner, Einschränkungen der individuellen Freiheit. Was können wir gegen die Kostenexplosion im Gesundheitswesen tun? Steuern erhöhen, rationalisieren, bessere Genmarker. Ein Vorschlag fehlt in der Regel: der risikokompetente Bürger.

Der Helikopter-Staat und seine Experten kümmern sich

Für sein Fehlen macht Gerd Gigerenzer, der Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, zwei Dinge verantwortlich: ein negatives Menschenbild und – als dessen Folge – einen Paternalismus von Regierungen, Lobbyisten und Medien. Der Mensch sei faul, dumm, gierig und schwach und brauche daher ständige Anleitung wie ein Kind seine Eltern. An die Stelle des mündigen und eigenverantwortlichen Bürgers treten der Helikopter-Staat und eine Schar von Experten. Das Problem ist für Gigerenzer jedoch nicht einfach individuelle Dummheit, sondern eine zunehmend risikoinkompetente Gesellschaft.

Der Autor gehört dem Beirat des Bundesinstituts für Risikobewertung an und kennt sich mit Scheinkatastrophen aus. Jahr für Jahr gerät die Öffentlichkeit auf vorhersehbare Weise in Panik. Größere Zahlen liefern bessere Schlagzeilen. Beispiel BSE und Schweinegrippe. In beiden verdrängte ein Denken in Worst-Case-Szenarien eine angemessene Risikobewertung. Ungefähr 150 Menschen starben in Europa im Lauf von zehn Jahren an den Folgen des Rinderwahns (BSE). Dagegen sagte ein „Nature“-Artikel bis zu 100.000 Tote voraus. Am Ende beliefen sich die finanziellen Einbußen auf 38 Milliarden Euro.

Risikokompetenz lässt sich lernen

Ursache für diese Kosten war nicht BSE selbst, sondern die Reaktion auf BSE. 2009 erklärt die WHO die Schweinegrippe zur globalen Pandemie. Ihre Experten schätzten, dass bis zu zwei Milliarden (!) Menschen weltweit infiziert werden würden. Wie bei BSE breitete sich die Schockangst weltweit aus. Regierungen gaben Milliarden Euro aus, um Vorräte an Impfstoffen und Grippemitteln wie Tamiflu anzulegen. Dabei gab es weder eine wissenschaftliche Grundlage für die WHO-Schätzung noch einen Beweis für die Wirksamkeit der Arzneimittel. So ließ allein die deutsche Bundesregierung zwei Jahre nach der Panik die unbenutzten Impfstoffe vernichten und verbrannte damit Hunderte Millionen Euro. Das „British Medical Journal“ entlarvte später die WHO-Berater als Experten mit finanziellen Verbindungen zu den Herstellern der Medikamente.

„Je mehr die Medien über ein Gesundheitsrisiko berichten, desto geringer ist die Gefahr für dich“ lautet nach Gigerenzer das „erste Gesetz der Risikokommunikation in den Medien“. Sein Curriculum der Risikokompetenz umfasst drei Themen (Gesundheit, Finanzen, Digitales) und drei Kategorien von Fertigkeiten (Statistisches Denken, Faustregeln, Psychologie des Risikos). Und der geeignete Ort für das Erlernen ist die Schule: „Selbst Viertklässler können Dinge lernen, die für Erwachsene angeblich unmöglich sind.“ Wir haben keine Wahl, wir müssen selber denken lernen.

_Gerd Gigerenzer: Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. 400 Seiten, C. Bertelsmann Verlag 2013. € 19,99._

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