Wie die Kommune die Familie ersetzen kann | The European

Kommunale Intelligenz

Daniel Dettling13.08.2013Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Wissenschaft

Die Bildungsrepublik braucht kreative Städte und Gemeinden. Vorschläge, wie das funktionieren kann, liegen auf dem Tisch. Doch wer greift sie auf?

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kallejipp / photocase.com

Die deutsche Bundeskanzlerin soll ein Fan von ihm sein. Seit Gerald Hüther, Hirnforscher und Professor für Neurobiologie, vor sieben Jahren dem CDU-Parteivorstand einen Vortrag über die Grundlagen frühkindlicher Entwicklung hielt, ist seine Karriere als politischer Vordenker und Berater nicht mehr zu stoppen. Sein großes Thema ist die Potenzialentfaltung von Individuen und Organisationen. Und hier liegt einiges brach in deutschen Landen.

„Deutschland kann mehr“ plakatierte die CDU in Oppositionszeiten. Das gilt auch heute. Zu viele Talente und Kommunen bleiben unter ihren Möglichkeiten. Die Gründe sieht Hüther nicht allein in der vielfach beklagten Unterfinanzierung und Überforderung von Städten und Gemeinden. Und die Antwort kann nicht allein „mehr Geld und mehr vom Alten“ lauten. Ohne eine Kultur der Talent- und Potenzialentfaltung werden weder Schulen noch Kommunen zukunftsfähig sein können.

Die Kommune als zweite Familie

Die Ausgangsbeobachtung ist fundamental: Die Familie als Keimzelle von Gemeinschaften wird in Zukunft nicht mehr den Raum und das Potenzial zur Verfügung stellen können, was Mensch und Gesellschaft zum Überleben brauchen. Neben die Familie tritt die Kommune als zweite „Potenzialentfaltungsgemeinschaft“. Beide sind die kleinsten Einheiten einer Gemeinschaft und sind die Produzenten überlebensnotwendiger Kompetenzen.

Die Hirnforschung bestätigt eine alte Volksweisheit aus Afrika: „Um Kinder gut großzuziehen, braucht man ein ganzes Dorf.“ Hüther fordert Schulen und Kommunen, welche Kinder und Jugendliche selbst zu Akteuren machen und sie einlädt, selbst initiativ zu werden. Er setzt dabei auf eine Vision des aufeinander Angewiesen-, voneinander Abhängig- und füreinander Verantwortlichseins.

So weit die Theorie. Der Praxis stellt Hüther ein Zeugnis der ideellen Armut aus: „Die meisten Kommunen (und Schulen) sind keine Adlerhorste, in denen die Überflieger und Gestalter der gemeinsamen Zukunft heranwachsen, sie gleichen eher Hühnerhöfen, in denen jeder froh ist, wenn er ein Korn findet, und in denen kaum noch jemand bereit oder in der Lage ist, die Kleinen das Fliegen zu lehren.“

Community Education: Selbstbildung und Selbstorganisation

Welche Tools und Talente benötigt eine Kommune für die Zukunft? Zunächst heißt es Abschied nehmen von überkommenen Mustern und Begriffen wie „Erziehung“ und „Bildung“. Jede Bildung kann nur Selbstbildung sein. Der lateinische oder englische Begriff „educare“ bzw. „education“ dagegen zeigt, worauf es ankommt: einen Menschen „hinauszuführen“, ihn zu „begleiten“ und vielleicht zu „lenken“, nicht aber ihn zu „formen“ zu „ziehen“ oder zu „bilden“.

Zur Herausforderung wird es, Kommune, Schule und Kindergarten als gemeinsame Lernorte zu verstehen und zu organisieren. Am Anfang steht ein Kulturwandel, der die bisherige Art des Zusammenlebens grundsätzlich verändert. An dieser Stelle würde der Leser gerne erfahren, welche Kommunen sich bereits auf den Weg in die neue Zukunft gemacht haben. Vorbilder nennt Hüther nur wenige. Seit seinem Vortrag auf Einladung der Bundeskanzlerin vor sieben Jahren hat sich die „Bildungsrepublik“ kaum entwickelt. Dabei befindet sich das Land längst im Aufbruch. Die Stunde der Kommunen hat geschlagen, wird Berlin es hören?

#1 Gerald Hüther: “Kommunale Intelligenz. Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden(Link)”:http://www.koerber-stiftung.de/edition-koerber-stiftung/programm/bildungwissenschaft/artikel-detailseite/bp/details/buch/kommunale-intelligenz/autoren/gerald-huether.html. Edition Körber Stiftung. Hamburg 2013. 127 Seiten. 12 Euro.

#2 Gerald Hüther, Uli Hauser: “Jedes Kind ist hoch begabt(Link)”:http://www.randomhouse.de/Buch/Jedes-Kind-ist-hoch-begabt/Gerald-Huether/e377997.rhd. Knaus Verlag, München 2012. 192 Seiten. 19,99 Euro.

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