Die Kunden hätten sich gegenüber ihren Banken einen kritischeren Umgang angewöhnen müssen. Georg von Boeselager

Partizipation, Protest, Profit

Franz Walter und seine Schüler versuchen eine Verortung der neuen Protestbewegungen.

Der Wutbürger ist der neue Schrecken von Politikern und Unternehmern. Sein Protest richtet sich gegen Windräder, Bahnhöfe, Tiefenbohrungen und jetzt auch gegen Europa.

Empirisch betrachtet, ist er mindestens 45 Jahre alt, überwiegend männlich, protesterfahren, hoch qualifiziert und engagiert. Frauen und Jüngere sind unterrepräsentiert. Der „Spiegel“-Journalist Dirk Kurbjuweit definiert ihn als „wohlhabenden konservativen Menschen, der nicht mehr ganz jung, früher einmal gelassen und staatstragend, jetzt aber zutiefst empört über die Politiker“ ist. Die neue Partei Alternative für Deutschland und die Piraten sehen in den Wutbürgern ihre wichtigste Zielgruppe.

Babyboomer auf die Barrikaden?

Und dank des demografischen Wandels werden sie immer mehr, prognostiziert Franz Walter: „Spätestens zwischen 2015 und 2035 werden sich Hunderttausende hoch motivierter und rüstiger Rentner“ in den Kampf gegen Windmühlen begeben. Babyboomer auf die Barrikaden? So muss es nicht kommen, lautet die Entwarnung der Göttinger Demokratieforscher.

In 80 Einzelinterviews und 18 Gruppendiskussionen wurden Motivation, Wertvorstellungen und Ziel der Protestbürger erforscht und untersucht. Nicht ganz überraschend kommen sie zu der Erkenntnis, dass die Möglichkeit, etwas gegen den Willen der Politik beeinflussen zu können, zu den Hauptgründen zählt. Direktdemokratische Entscheidungen und Abstimmungen werden dagegen aus Angst vor anderen Mehrheiten abgelehnt. Zu Recht, wie die positive Abstimmung zu „Stuttgart 21“ im vergangenen Jahr gezeigt hat.

Die Studie kommt zu einem weiteren interessanten, wenn auch nicht ganz neuen Befund. Viele Protestbürger sehen ihre Heimat bedroht. Das, was sie aktiv geschaffen und gestaltet haben, wird in ihren Augen von der Politik und der Wirtschaft unter Druck gesetzt. Die gefühlte Heimatlosigkeit ist im Kern ein Verlust an Identität.

Soziologisch könnte man die neuen Wut- und Protestbürger auch als kulturelle Modernisierungsverlierer charakterisieren. Von Politik und Politikern fühlen sie sich ebenso unzureichend vertreten und gar verraten wie die längst Verdrossenen. Im Unterschied zu diesen sozialen Modernisierungsverlierern – langjährigen Hartz-IV-Beziehern und Statusfatalisten – begehren sie aber auf und wollen sich nicht mit dem Status quo abfinden. Die Protest- und Partizipationsbewegung ist eine Veranstaltung von empörten Bildungsbürgern.

Warum soll sich Beteiligung nicht auch lohnen?

Die neue Protestbewegung bleibt am Ende unpolitisch. Das unterscheidet sie fundamental von der 68er- und der Friedens- und Umweltbewegung der 1980er-Jahre. Waren es damals überwiegend die Jüngeren, die gegen die politische Macht auf die Straßen gingen, sind es heute überwiegend Ältere. Daher werden es Piraten und alternative Parteien schwer haben, sich nachhaltig zu etablieren.

Der neue Wutbürger präferiert autoritäre Lösungen und eine Expertokratie, die mit demokratischen Verfahren und Mehrheitsentscheidungen nicht vereinbar ist. Eine Spaltung der Gesellschaft in Verdrossene und Empörte ist eine ernst zu nehmende Gefahr. Beteiligungsorientierte und direktdemokratische Verfahren können einen Beitrag leisten, die Verdrossenen aus ihrer Lethargie zu holen und die Empörten zwingen, sich politisch einzubringen und Mehrheiten zu suchen.

Offen und unbeantwortet bleibt in der Studie die Frage, was Unternehmen und Politik zum Abbau von Misstrauen beitragen müssen und können. Die Studie wurde von der deutschen BP unterstützt. Viele Unternehmen öffnen sich gegenüber zivilgesellschaftlichen Gruppen und engagierten Bürgern. Dialoge und Foren zu wirtschafts- und umweltpolitischen Themen entstehen und stoßen auf großes Interesse. Unkonventionelle Ideen und Methoden sind gefragt, wenn die Balance aus berechtigtem Protest und notwendiger Modernisierung gelingen soll. Warum soll sich Beteiligung nicht auch lohnen? Der Netzbetreiber Tennet geht beispielsweise einen neuen Weg und bietet vom Netzausbau betroffenen Bürgern eine finanzielle Beteiligung an. Das Beispiel sollte Schule machen.

Franz Walter (Hg.): Die neue Macht der Bürger. Was motiviert die Protestbewegungen? Rowohlt 2013, 352 Seiten. € 16,95.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Daniel Dettling: Mythen und Fakten zu Ehe

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