Jede Epoche hat ihre eigene Sprache. Norman Foster

Einfach mal machen

Die Zukunft der Arbeit ist bunter, als wir glauben. Lynda Gratton, Stefan Riedel und Marion Zeindl erforschen, wie der Job von morgen aussehen könnte.

Leben wir, um zu arbeiten oder arbeiten wir, um zu leben? Die Antwort der Zukunft wird sein: Sowohl als auch. Beide Bereiche, die Lebens- wie die Arbeitswelt, verschwimmen und gehen ineinander auf. Die einen sehen vor allem die Gefahren dieser Entwicklung, warnen vor Burn-out und fordern Entschleunigung.

Andere betonen die Chancen und die neuen Optionen einer veränderten Arbeits- und Lebenswelt. Zu ihnen gehört Lynda Gratton. In einem groß angelegten Forschungsprojekt, „Future of Work“, hat die Professorin für Management Practice an der London Business School mehrere Hundert Forscher und Unternehmen aus aller Welt befragt. Herausgekommen ist ein anregendes und spannendes Buch, das Lust und Mut macht auf die neue Welt der Arbeit. Wo die Arbeitswelt der industriellen Revolution auf serielle Produktion, Hierarchien und austauschbare Arbeiter setzte, basiert die neue Arbeitswelt auf horizontaler Zusammenarbeit und meisterhafter Spezialisierung.

Glücklicher leben und arbeiten

Gratton macht fünf Faktoren für den Wandel der Zukunft verantwortlich: omnipräsente Technologien, die Zunahme der globalen Vernetzung, das Nebeneinander mehrerer aktiver Generationen und die Zunahme globaler Migration, wachsende Flexibilität und Selbstreflexion sowie Klimawandel und Ressourcenknappheit. Es geht Gratton um eine nachhaltige Transformation. Ihre Perspektive ist das Jahr 2050. Wenn die Weltwirtschaft so schnell wie im letzten halben Jahrhundert wächst, werden die Vermögenswerte bis dahin das Siebenfache der heutigen betragen.

Ihr Buch versteht die Unternehmensberaterin und Mutter zweier Söhne als Ratgeber und Leitfaden für Wirtschaft, Politik und künftige Generationen. Es wird schnell klar, dass sie ihr Buch der Generation Y und Z widmet, die Jahrgänge ab 1980. Diese werden die Ersten sein, die dank steigender Langlebigkeit bis ins hohe Alter arbeiten werden können bei guter Gesundheit. Aufgrund des medizinischen Fortschritts beginnt das Alter für sie erst später. Beide Generationen streben ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben an und setzen stärker auf Kooperation. Wo frühere Generationen einen höheren Lebensstandard suchten, wollen die Generation Y und Z die Lebensqualität für sich und andere erhöhen. Das neue Ziel: glücklicher leben und arbeiten.

Gratton nennt drei Herausforderungen für ein erfülltes Arbeitsleben: der Einsatz des geistigen Kapitals, der Ausbau des sozialen Kapitals und die Balance zwischen traditionellen Formen und neuen Formen von Arbeit. Auch für Politik und Wirtschaft wird der Wandel gravierende Folgen haben. Schwindende Energieressourcen werden sich um das Jahr 2050 auf die Zukunft der Arbeit auswirken. Steigende Energiepreise bedeuten eine Zunahme von Büroarbeit zu Hause, die Digitalisierung von Arbeit und die Rückverlagerung von Produktionsstätten. Der Wandel treibt Menschen und Unternehmen wieder zurück ins eigene Heim und die Heimat.

Smartness und Agilität

Nicht ganz so weit in die Zukunft geht der Blick der beiden IBM-Manager Stefan Riedel und Marion Zeindl („Arbeiten im neuen Jahrzehnt“). Auch sie nehmen Abschied vom Industriezeitalter, an dessen Stelle das „Postindustriezeit-Denken (PID)“ tritt. Dessen entscheidende Tugenden sind Smartness und Agilität. Während sich die Wirtschaft im Industriezeitalter auf physische Produkte konzentrierte, stehen heute und in Zukunft Software, Services und Konzepte im Fokus.

„Smarter Work“ heißt vor allem, sich im Zeitalter von Demografie und Digitalisierung nachhaltig Gedanken über die Themen Wissenserhaltung und Wissenstransfer zu machen. Mit der anstehenden Verrentung der Babyboomer, die ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung stellen, verlieren die Unternehmen ihre kreativsten, ehrgeizigsten und anspruchvollsten Erwerbstätigen. Ihr Potenzial zur Schließung der wachsenden Fachkräftelücke wird ebenso kaum genutzt wie das der Frauen. Ein Drittel der Fachkräftelücke ließe sich allein durch die Aktivierung weiblicher Arbeitskräfte, ein Viertel durch die Aktivierung der Generation 50+ schließen.

Nur noch jeder Dritte der deutschen Arbeitnehmer möchte noch täglich vom Büro aus arbeiten. „Home-Office“ wird vor allem bei den unter 30- und den über 50-Jährigen beliebter. Aus Sicht der Unternehmen überwiegen die Vorteile: Produktivitätssteigerung, weniger Arbeitsausfälle, geringere Personalfluktuation, höhere Arbeitsqualität, mehr loyale und verlässliche Mitarbeiter, mehr Lebensqualität und positive gesundheitliche Auswirkungen.

Statt Arbeitsplätze geht es um Denkräume und um Unternehmen, die soziale Innovationen für Kunden und Mitarbeiter schaffen. Über den Wettbewerb um die besten Talente und Leistungen werden andere Faktoren und Fragen entscheiden als früher. Eine kreative Ökonomie braucht kreative Menschen.

Der amerikanische Politikwissenschaftler und Metropolenforscher Richard Florida hält in seinem Buch „The Rise of the Creative Class“ die Balance aus Talenten, Technologien und Toleranz für ausschlaggebend. Politik, Wirtschaft, Bürger und Arbeitnehmer sind gemeinsam gefordert, wenn die dritte industrielle, die digitale Revolution gelingen soll. Innovative Antworten und anregende Beispiele finden sich in beiden Büchern.

Lynda Gratton: Job Future – Future Jobs. Wie wir von der neuen Arbeitswelt profitieren. 370 Seiten, Euro 24,90. Hanser Verlag 2012.

Stefan Riedel, Marion Zeindl: Arbeiten im neuen Jahrzehnt. 117 Seiten, Euro 29,00. Matchboxmedia Verlag 2013.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Daniel Dettling: Mythen und Fakten zu Ehe

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