Mythen und Fakten zu Ehe

Daniel Dettling21.07.2015Innenpolitik

Warum die Ehe kein Auslaufmodell ist und der Feminismus nicht glücklich macht. Der Soziologe Rüdiger Peuckert hat einen lesenswerten Band zu den Mythen der Ehe verfasst.

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„Ehe macht glücklich und gesund“ titelt die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ in ihrer jüngsten Ausgabe. Die Ehe lebt und ist kein Auslaufmodell! Zwei von drei Ehen enden erst mit dem Tod. Um das Zusammenleben der Geschlechter ranken sich viele Mythen. Untersucht und zusammengefasst hat sie jetzt Rüdiger Peuckert in einem lesenswerten Band.

Peuckert räumt mit etlichen Mythen auf: Weder befindet sich Deutschland auf dem Weg in die Singlegesellschaft noch sind Online-Beziehungen anderen unterlegen. Und er benennt zahlreiche Paradoxien: In den Medien und in der Werbung ist Sex allgegenwärtig. Im tatsächlichen Alltag spielt dagegen die Sexualität eine immer geringere Rolle.

Das heutige Paarungsverhalten vergrößert die soziale Kluft

Auch die früher weit verbreitete Praxis des „Nach oben heiraten“ wird seltener. Der anhaltende Trend zur Heirat unter Gleichen vergrößert die soziale Kluft weist Peuckert anhand von OECD-Zahlen nach. Damit verschärft das Paarungsverhalten den Gegensatz zwischen Arm und Reich.

Sozialpolitisch wird man dem wenig entgegensetzen können. Am scheidungsanfälligsten sind in Deutschland die Ehen, in denen Frauen einen weniger gebildeten Partner heiraten. Und am stabilsten erweisen sich traditionelle Ehen mit einer Bildungsüberlegenheit des Mannes. Nur wie lange noch?

Hat der Feminismus die Frauen glücklicher gemacht?

Peuckert geht auch unbequemen Fragen nach: Hat der Feminismus die Frauen glücklicher oder unglücklicher gemacht? Eigentlich müssten Frauen aufgrund ihrer gestiegenen Optionen und Erfolge immer zufriedener und glücklicher sein. Eine US-Studie, die Peuckert zitiert, kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Frauen nach und nach unglücklicher fühlen. Der „Abwärtstrend“ gilt dabei für junge wie alte, für erwerbstätige Frauen wie für Hausfrauen, für verheiratete wie für unverheiratete, für hoch qualifizierte wie für ungelernte, für kinderreiche wie für kinderlose Frauen.

Doch ob „der Feminismus“ für diesen Trend verantwortlich ist, ist Spekulation, das muss auch Peuckert einräumen. Mit steigender Bildung, besseren Jobs und wachsendem Einkommen steigen auch die Erwartungen der Frauen. Wenn die der Männer dagegen nicht im gleichen Maße steigen, kann dies zu Frustration führen. Zurück in die Zeit des Patriarchats will niemand, auch nicht die Männer. Der entscheidende Grund für die auseinanderdriftende „Zufriedenheitslücke“ der Geschlechter dürfte ein anderer sein als der Feminismus: Männer sind erfolgreicher in der Verfolgung ihrer Ziele.

Mythos berufliche Diskriminierung

Doch was tun gegen den real existierenden Gender Gap? Als weiteren Mythos bezeichnet Peuckert den in der Öffentlichkeit weit verbreiteten Glauben, direkte betriebliche Diskriminierungen seien für die Einkommens- und Gehaltslücke verantwortlich. Vielmehr behindern Berufswahl, Familiengründung und fehlende Unterstützung durch den Partner viele Frauen auf ihrem Weg in berufliche Spitzenpositionen ebenso wie eine verlässliche und gute Kinderbetreuung. Hier argumentiert Peuckert leider undifferenziert, indem er den Kinderkrippen und Einrichtungen in Deutschland mangelnde Qualität attestiert.

Im Hinblick auf soziale Kompetenzen und Sprachentwicklung sind die Einrichtungen oft besser als sozial schwache und bildungsferne Elternhäuser. Dass der Autor am Ende das Betreuungsgeld verteidigt, überrascht nicht. Heute wurde es vom Bundesverfassungsgericht gekippt.

_Rüdiger Peuckert, Das Leben der Geschlechter. Mythen und Fakten zu Ehe, Partnerschaft und Familie. Campus Verlag, Frankfurt am Main. 2014 Seiten. 2015. 29,90 €. _

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