Es sind meist die dümmsten Wörter, die Karriere machen. Stefan Gärtner

Das Kardiogramm des Kardinals

Für die Kirche ist die Leitkulturdebatte sehr verlockend. Wer hört nicht gern von der historischen Bedeutung des Christentums für Kultur und Identität? Doch die Kirche muss sich gegen die Vereinnahmung durch rechte Kräfte wehren. Gefragt ist Realismus anstelle von Nostalgie.

“Wer gegen die Vereinnahmung des Christentums durch die Rechten jetzt als Erstes aufstehen muss, ist die Christenheit.” So fordert es Alexander Görlach. Recht hat er. Aber ein Aufschrei der etatmäßigen Repräsentanten des Religiösen bleibt aus. Warum schweigen die Kirchen, die sich doch als die Titularmächte des Christlichen verstehen, wenn von der christlichen Tiefengrammatik der Kultur die Rede ist?

Blick nach innen

Antworten findet man im Blick nach innen, auf die Seelenlandschaft der kirchlichen Institution. Ziemlich zerklüftet sieht es da aus: Wenn die Politik nach der christlichen Leitkultur ruft, ist der erste Reflex des Kirchenführers ein nostalgischer. Aus der pastoralen Alltagspraxis weiß er von den Schwierigkeiten, seine noch verbliebene Kerngemeinde bei der Stange zu halten. Die wenigen Treuen zu mobilisieren bindet bereits alle Kräfte, personell und ideologisch. Davon zu hören, dass ja eigentlich alle im Land vom christlichen Programm betroffen sind, kann schon mal in den Ohren klingen. Es ist eine Melodie, die in schwachen Momenten verzaubert. Fürs wöchentliche Bühnenprogramm taugt sie nicht. Da ist Realismus gefragt, und der stellt einen vor andere Aufgaben.

Das spüren die einen. Bei den anderen, die in Amt und Würden sind, erhöht sich der Herzschlag merklich – eine leise, uneingestandene Hoffnung macht sich breit. Denn da gibt es doch Mitnahmeeffekte, man wird zum Krisengewinner. Was man im säkularen Mainstream nicht aussprechen darf, tun die Aktivisten aus dem politischen Vorfeld – famos! In den Hintergrund tritt, dass die Leitbilder eigentlich ganz andere sind: "Missionarisch Kirche sein“ lautet die Maßgabe der Bischofskonferenz seit einigen Jahren, gedacht als demütiges "Anbieten“ des Glaubens inmitten einer Welt, der das Christliche fremd geworden ist. Die Betonung liegt auf dem "Anbieten“, nicht dem Einreden oder Überstülpen. Tja, aber wenn man denn mit der Leitkultur auch auf kurzem Weg ans Ziel kommen kann …?!

Die Debatte zeigt den innerkirchlich kleinsten gemeinsamen Nenner: Den anderen verbindlich etwas vorschlagen, das wollen sie alle in den Kirchen – die Linken von Publik-Forum, den Eine-Welt-Gruppen oder dem "Kirchenvolksbegehren“, die ihre Visionen von weltweiter Verantwortung und gerechter Teilhabe verallgemeinern wollen. Aber auch die traditionellen Amtswalter, denen ein homogener Kulturbegriff und das korrekte historische Gedächtnis Europas am Herzen liegen. Alle treten sie missionarisch auf. Statt von der Leitkultur reden sie gern von der Universalisierung, und sie meinen, die eigenen Positionen gehen, bei Licht betrachtet, im Gemeinwohl für die ganze Gesellschaft auf.

Christentum als Teil des Ganzen

Für die christlichen Kirchen im Land hat die Debatte etwas Schmerzvolles. Es ist die Erinnerung an die eigene Zukunft. Die Jahrzehnte nach 1945 im westlichen Deutschland – da waren die Kirchen als Stichwortgeber der öffentlichen Debatte gefragt. In kirchlichen Akademien wurde die Sozialethik des westdeutschen Wohlfahrtsstaats festgezurrt. Das ist alles längst vorbei. Aber der Anspruch bleibt: christliche Vitaminspritzen für die Gestaltung des Sozialen.

Was das Christentum in Deutschland gar nicht kann: sich als partikular zu verstehen, als Teil eines größeren Ganzen, der Gesellschaft. In der man kooperieren muss, Allianzen auf Augenhöhe eingehen können sollte, nicht immer mit dem betulich-anmaßenden Gestus dessen auftreten, der ja schon da ist und eigentlich besser als andere weiß, wie es zu laufen hat politisch-ethisch. Könnte der Ort, den das deutsche Recht den Kirchen einräumt, das entscheidende Hindernis auf diesem Weg sein, Anspruch und Wirklichkeit des Christentums in Deutschland stimmig zu machen? Fragen wird man noch dürfen, auch als Theologe.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jörg Hubert Meuthen, Sarna Röser , Robert Habeck.

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