Die FDP ist der Wandzeitungsagitator des Kapitalismus. Nils Pickert

Und, wie war Ihr erstes Mal?

Wer beim Date übers Wetter redet, wird die Nacht allein verbringen. Unser Kolumnist hat erforscht, was wirklich zieht.

Beim ersten Date versuchen wir, die Balance zwischen Selbstdarstellung und geduldigem Zuhören zu finden. Gleichzeitig wollen wir Fettnäpfchen ausweichen, Kontroverse scheint da fehl am Platz. Lieber nehmen wir in Kauf, langweilig zu wirken.

Nichts gibt diese Situation treffender wieder als ein Zitat aus der britischen Komödie „Best in Show“ von 2011: „Wir haben so viel gemeinsam. Wir mögen Suppe und Erbsen, wir sind gern an der frischen Luft, wir reden und schweigen gerne. Wir könnten uns ewig anschweigen und würden immer noch Dinge finden, über die wir nicht reden möchten.“

Es erscheint uns sicherer, über Themen wie Essen oder Wetter zu sprechen. Wenig kontrovers, dafür uninteressant. Und ob wir zusammenpassen, wissen wir nach so einem Gespräch auch nicht.

Man könnte von einem schlechten Gleichgewicht sprechen, denn alle Teilnehmer einigen sich zwar auf die gleiche Strategie, nähern sich so aneinander an und bekommen doch nicht, was sie eigentlich wollen. Im Zuge meiner Forschung habe ich diverse E-Mails von Singles untersucht, die sich beim Onlinedating einem potenziellen Partner vorgestellt haben. Mit dem Ergebnis, dass sich viele Leute, die eigentlich interessante Dinge über sich zu sagen hätten, fade und geistlos präsentieren. Fragen wie „Wo bist du zur Uni gegangen” oder „Was sind deine Hobbies” sprühen nicht gerade vor Elan. Besonders beim Dating wollen Menschen offensichtlich Fehltritte vermeiden.

In einem Experiment haben wir den Studienteilnehmern daher vorgeschrieben, was sie fragen dürfen, und alle anderen Fragen verboten. Statt über’s Wetter mussten sie über Beziehungen, Geschlechtskrankheiten, den ersten Sex, Abtreibung und gebrochene Herzen sprechen. Riskante Fragen, die üblicherweise beim ersten Kennenlernen vermieden werden. Das Resultat war eindeutig.

Die Unterhaltungen war auf einmal spannend! Anstatt über Fußball zu reden, erzählten die Leute von ihren Urängsten oder dem Verlust ihrer Unschuld. Die Gesprächspartner waren danach messbar glücklicher über das Date.

Was lernen wir daraus? Wenn wir unsere Gesprächsthemen frei wählen dürfen, stellen wir eher unverfängliche Fragen – so entsteht das angesprochene „schlechte” Gleichgewicht. Sobald unsere Möglichkeiten aber eingeschränkt sind, entwickeln wir Verhaltensweisen, die uns am Ende besser dastehen lassen. Verallgemeinernd könnte man sagen: Ein teilregulierter Markt kann bessere Erfolge erzielen als die freie Marktwirtschaft.

Wir sollten vielleicht anfangen, nur noch Fragen zu stellen, deren Antworten uns wirklich interessieren. Schluss mit Langeweile und Konfliktscheu. Beginnen Sie eine Unterhaltung doch mit fünf Fragen, die eher „schwierig“ sind, und vermeiden Sie, das Wetter anzusprechen. Sie werden sehen: Wer wagt, gewinnt.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Dan Ariely: Das perfekte Geschenk

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 2/2014.

Darin geht es u.a. um die Liebe: Sie ist die letzte Unbekannte in unserer Welt. Wir lassen diskutieren, warum sie immer noch unser Leben diktiert. Weitere Debatten: das Erbe der Großen Koalition, die Grenzen des Teilens und warum die Renaissance des Kommunismus ausbleibt. Dazu Gespräche mit Sahra Wagenknecht, Marina Abramović, und Viviane Reding.

Sie können es hier direkt bestellen.

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