Corona: Fragen an Dagmar Freitag | The European

Dagmar Freitag (SPD): "Mal wieder 'Vom Winde verweht' schauen."

Dagmar Freitag28.03.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

„The European“ hat in allen Bundestagsfraktionen nachgefragt: Wie gehen Abgeordnete mit Corona um? Wie hat sich ihr Alltag geändert? Haben sie Tipps für den Bürger? Und vor allem: Wann normalisiert sich unser Leben wieder? Hier antwortet die Sozialdemokratin Dagmar Freitag.

Debatte Wir fragen Politiker antworten

Corona: Wir fragen, Politiker antworten

Wir sind weitgehend gehalten, unsere vier Wände nicht zu verlassen und uns maximal gemeinsam mit den Menschen aus unserem Haushalt draußen aufzuhalten. Sind Sie zufrieden mit der Disziplin, mit der offenkundig die meisten Mitmenschen das Kontaktverbot befolgen? Oder sind Sie besorgt, dass wegen des Regelbruchs durch einzelne letztlich Ausgangssperren kommen müssen?

Dagmar Freitag: Mir ist völlig klar, dass die derzeitige Situation für Millionen Menschen in unserem Land aus unterschiedlichsten Gründen eine ungeheure Belastung ist. Die einen fürchten um ihren Arbeitsplatz und damit um die eigene wirtschaftliche Existenz, andere ertragen nur mit Mühe auf Dauer den Alltag mit mehreren Personen in jetzt gefühlt zu kleinen Wohnungen, wieder andere leiden unter der Besuchssperre in Pflegeheimen oder Krankenhäusern. Diese Einschränkungen werden nicht ohne Nachwirkungen bleiben, da bin ich sicher.

Dennoch habe ich den Eindruck, dass die Botschaft der Bundeskanzlerin Wirkung gezeigt hat. Nachdem zu Beginn der Krise noch zahlreiche fröhliche, aber eben auch unverantwortliche Corona-Partys gefeiert wurden, ist das unbeschwerte Leben in Städten und auf dem Land (ich kann beides beurteilen!) mittlerweile erkennbar der Einsicht gewichen, dass wir alle unseren Teil der  Verantwortung für unsere Gesellschaft zu übernehmen haben. Ein menschenleerer Berliner Hauptbahnhof, der Betrieb im Bundestag im Krisenmodus, Plexiglas zwischen Kunden und Angestellten, 2 Meter Abstand an der Supermarktkasse – plötzlich geht alles.

Politiker haben gewöhnlich viele Termine, nun aber sind auch Sie gezwungen, viel Zeit daheim zu verbringen. Haben Sie aus den ersten Tagen Tipps für Ihre Mitmenschen zur Hand? Welches Buch sollte man lesen, welchen Film schauen, welcher Musik lauschen, welchem Hobby frönen?

Dagmar Freitag: Stimmt, Termine sind zur Zeit in der Tat Mangelware, viele lieb gewonnene Veranstaltungen fallen ersatzlos aus. Und man darf das nicht unterschätzen: insbesondere bei uns im ländlichen Raum haben solche Veranstaltungen von Sport-, Schützen- oder Brauchtumsvereinen, die teilweise eine jahrhundertelange Tradition aufweisen können, eine ganz  besondere Bedeutung. Natürlich kennen Sie das „Gertrüdchen“ in Neuenrade nicht  – ein Fest, das bei Wind und Wetter, kurzum immer! – stattfindet – …aber natürlich auch ein Opfer von Corona geworden ist. Und so etwas ist schon ein Einschnitt im Leben der Einheimischen.

Wie alle anderen in unserem Land verbringe ich natürlich die mit Abstand meiste Zeit zuhause. Ich habe das große Glück, auf dem Dorf zu wohnen, und „Dorf“ ist hier wörtlich zu nehmen. Insgesamt kommen wir so auf 12 Häuser in Wulfringsen, einem idyllischen Fleckchen am nördlichen Rand meiner Heimatstadt Iserlohn im Sauerland. Ich kann mich nicht erinnern, diese unglaubliche Ruhe, die vom Blick über Felder und Wiesen ausgeht, jemals so intensiv wahrgenommen zu haben wie derzeit. Wahrscheinlich, weil mir jetzt besonders bewusst wird, wie privilegiert man in solch einer Situation auf dem Land doch ist. Ich denke in diesen Momenten oft an Menschen, die in den Städten aus ihrer Wohnung, oftmals ohne Terrasse oder Balkon, auf leergefegte Straßen schauen. Und die nicht wie ich mal eben einen einsamen Spaziergang durch die Felder machen können.

“Wenigstens ein Buch liegt schon griffbereit”

Trotz der sauerländischen Abgeschiedenheit geht die Arbeit aber selbstverständlich weiter. Unzählige Anfragen zu den unterschiedlichen Facetten der staatlichen Rettungspakete erreichen mich von Menschen aus meinem Wahlkreis, genutzt werden so ziemlich alle Möglichkeiten der Kontaktaufnahme – auch über die diversen sozialen Medien. Mein Team – auch komplett im Home Office – und ich tun unser Bestes, um möglichst schnell die erforderlichen Informationen aus den jeweiligen Ministerien oder Facharbeitsgruppen meiner Fraktion einzuholen. Wir wissen, dass jede weitere Stunde ohne Antwort aus Berlin die quälende Unsicherheit der Betroffenen verlängert. Um ehrlich zu sein, habe ich bislang nicht wirklich Zeit gefunden, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Das wird  vermutlich kommen, wenn wir näher an die Ostertage heranrücken, und für die Zeit liegt wenigstens ein Buch schon griffbereit: „Feinde des Sports“ von Hajo Seppelt, dem Anti-Doping-Experten der ARD. Bislang habe ich einige Auszüge überflogen, aber ich freue mich darauf, es in Ruhe lesen zu können. Und, nachdem ich in den letzten Tagen in der ARD die dreiteilige Familiensaga „Unsere wunderbaren Jahre“, die ganz überwiegend in Altena, einer Stadt meines Wahlkreises spielt, gesehen habe, werde ich mir wohl auch noch mal das  Buch dazu kaufen.

Und ansonsten warten ganz (zu!) viele Fotos auf meinem Rechner darauf, zu Fotobüchern verarbeitet zu werden. Ich finde, das sind wunderschöne Erinnerungen – auch für jetzt, aber vor allem für später! Filme? Manchmal reizt es mich, alte Klassiker wieder mal anzuschauen… „Vom Winde verweht“ oder, deutlich aktueller, „Honig im Kopf“.

Wie lange wird es dauern, bis Deutschland zur weitgehenden Normalität zurückkehren, Kinder wieder zur Schule gehen und wir alle uns abends in Kneipen, bei Sportveranstaltungen oder in Konzerten und Theatern treffen können?

Dagmar Freitag: Das ist alles zur Zeit nur Spekulation, eine auch nur einigermaßen belastbare Aussage ist aus meiner Sicht bei täglich neuen „Wasserstandsmeldungen“ über Neuinfektionen und Todesfälle nicht möglich. Aber ich bin sicher, dass unsere Normalität in der Zeit nach Corona eine andere sein wird. Gewissheiten, die wir alle Tag für Tag als völlig selbstverständlich angesehen haben, gibt es so nicht mehr. Ein Virus mit seinen furchtbaren Auswirkungen hat unser Leben gravierend verändert. Wer hätte beim fröhlichen Jahreswechsel ernsthaft damit gerechnet, dass der ersehnte Urlaub im Desaster enden würde, weil kaum noch Flugzeuge in die Luft gehen? Wer hätte sich vorstellen können, dass unsere Überflussgesellschaft, die doch nur gut sortierte Supermarktregale kennt, plötzlich wochenlang hinter Toilettenpapier herjagt?

“Wochenlang hinter Toilettenpapier herjagen”

Und nein, auch ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich im noch jungen Jahr 2020 in einem in der Bundesrepublik nie dagewesenen  Verfahren einen finanziellen Rettungsschirm für unser Land mitbeschließen und verantworten müsste, für den es keine Blaupause gab. Unsere parlamentarische Demokratie hat in diesen Tagen gezeigt, dass sie trotz erstarkter rechtsextremistischer Kräfte in Gesellschaft und den Parlamenten belastbarer, stärker und vertrauenserweckender ist als die  Verächter der Demokratie. Das ist ein wahrhaft gutes Zeichen, das wir als neue Gewissheit mitnehmen können in die Zeit nach Corona.

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