Kunst ist Freude, nicht Investition. Piroschka Dossi

Deutschland muss reagieren

Die globale Machtbalance hat sich auch durch die Finanzkrise verschoben. Schwellen- und Entwicklungsländer werden immer wichtiger. Beim G20-Gipfel muss die Bundesregierung reagieren. Es geht um die Zukunft unserer Stellung in der Welt.

Es ist ein Trugschluss, die Finanzkrise als überstanden anzusehen. Denn die Krise beschleunigt seit Jahren beobachtbare Trends, in deren Folge sich die Machtbalance in der Welt erheblich verändert. Dass sich mit den G20 die Häupter der wichtigsten Wirtschaftsnationen Ende dieser Woche in Südkorea erstmals außerhalb Europas oder Nordamerikas treffen, ist nur bildhafter Ausdruck der neuen Normalität. Die Machtverschiebung lässt sich an drei Faktoren festmachen.

Politische Machtverschiebung

1. Die Welt teilt sich seit zwei Jahrzehnten in einen dynamisch wachsenden und einen relativ statischen Teil. Während die Schwellen- sowie manche Entwicklungsländer ein durchschnittliches jährliches Wachstum von fünf bis zehn Prozent aufweisen, erreicht die entwickelte Welt kaum mehr als zwei Prozent.

2. Die Industrieländer tragen einen immer größer werdenden Schuldenberg: Betrugen ihre Schulden vor der jüngsten Krise im Durchschnitt rund 60 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, liegt diese Quote nun bei rund 80 Prozent. Die Emerging Markets hingegen erreichen ihre Wachstumszahlen bei bloß 30 bis 40 Prozent Verschuldung.

3. Die Rohstoffkonkurrenz hat drastisch zugenommen. Zum einen liegt dies daran, dass die Wirtschaft vieler Schwellenländer auch in der Krise gewachsen ist. Zum anderen verfügen einzelne Wachstumsländer über wichtige Rohstoffvorräte, die sie zunehmend selber nutzen wollen. Westliche Unternehmen haben immer größere Probleme, an seltene Erden oder Metalle zu kommen.

Dabei geht die Machtverschiebung weit über den “Aufstieg der BRIC-Länder” hinaus. Zwar finden Brasilien, Russland, Indien und China in den Medien die größte Beachtung, doch die Liste ist deutlich länger. Auch Indonesien, Mexiko, Südafrika, Argentinien, Südkorea, Nigeria, Vietnam und die Türkei gehören zu den Staaten, die als “dynamisches Dutzend” die Weltbühne betreten. Trotz Internet- und Immobilienkrise wuchsen ihre Wirtschaften im vergangenen Jahrzehnt beachtlich. Als neue “Geber” bilden sie eine entwicklungspolitische Konkurrenz, da sie nun selber Hilfs- oder Entwicklungskredite anbieten, oftmals gegen den privilegierten Zugang zu Rohstoffen sowie lukrative Verträge. Sogar in den Industrieländern gewinnen sie an Einfluss: Waren chinesische, indische oder russische Staatsfonds lange als Investoren nicht willkommen, stehen sie nach der Krise als potenzielle Retter westlicher Unternehmen da.

Realpolitiker vor!

Will Deutschland weiterhin global handlungsfähig bleiben, muss es auf die Machtverschiebung reagieren. Die Bundesregierung sollte die globale Ordnung durch strategische Partnerschaften mit dem dynamischen Dutzend festigen. Das nutzt Deutschland und ermutigt unsere Partner zur Übernahme globaler Verantwortung. Zusätzlich geht es auch um die strategische und finanzielle Sicherung der deutschen Position. Das ist Teil langfristig denkender Politik und liefert den Rahmen für die dringliche Sanierung der Staatsfinanzen. Drittens sollte die Regierung die Wirtschaftskräfte Deutschlands als Grundlage ihres globalen Gestaltungsanspruchs stärken. Investitionen in die Zukunft müssen getätigt werden, Außen- muss mit Wirtschaftspolitik verzahnt werden.

Auch wenn die machtpolitische Großwetterlage widrig ist, kann Deutschland durch geschickten Einsatz seiner Stärken – allen voran Handel, europäische Einbindung und Multilateralismus – weiter profitieren. Der G20-Gipfel in Seoul ist die greifbare Gelegenheit, vom Krisenmanagement zu einer partnerschaftlichen Neuordnung der internationalen Beziehungen überzugehen. Wer den ersten Schritt macht, gewinnt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Marc Galal, Michael Klonovsky , Vera Lengsfeld.

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