Was meine Frisur betrifft, da bin ich Realist. Rudi Völler

2011 ist nicht nur alle 35000 Jahre

Das Risiko eines Reaktorunfalls wurde von Anfang an unterschätzt. Mit der steigenden Wahrscheinlichkeit von Umweltkatastrophen werden auch unsere Atomkraftwerke immer unsicherer. Zeit, die Kehrtwende einzuleiten.

Die japanische Katastrophe verlangt von uns zunächst einen enormen Respekt für die Helden, die zu retten versuchen, was noch zu retten ist, und eine unendliche Solidarität mit dem japanischen Volk. Trotzdem können wir uns in Frankreich sowie in den anderen Gegenden dieser Welt nicht vor der Debatte um den Stellenwert der Atomenergie in unserer Energieproduktion drücken. Unsere Bewertungsmaßstäbe müssen wir auch überdenken.

Das Risiko wurde unterschätzt

Erinnern wir uns zunächst daran, dass sich die Risikobewertung in den 70er-Jahren, als das Nuklearprogramm in Frankreich konzipiert wurde, auf die Rasmussen-Hypothese stützte, ein Unfall also nur alle 35.000 Jahre (!) einmal eintritt. Das Risiko wurde demnach von Anfang an unterschätzt.

Nun besteht die Besonderheit der Atomindustrie aber gerade darin, dass sie die Menschen heute und die künftigen Generationen einer lebensbedrohlichen Gefahr aussetzt. Dieses Risiko kann und darf man in meinen Augen nicht eingehen. Noch weniger, als dass wir durch den Klimawandel unvorhergesehenen und extremen Wetterphänomenen ausgesetzt sind. Diese stellen die Risikobewertung in Frage, auf deren Grundlage die Kraftwerke einst gebaut wurden. Sicher – es gibt keine Tsunamis in Europa. Aber seit dem Jahr 2000 kommt es vermehrt zu Überschwemmungen, Hitzewellen und Trockenperioden mit Bränden. Dies sind neue Risiken für unsere Atomkraftwerke, für die sie nicht konzipiert werden konnten.

Außerdem sind einige Anlagen veraltet und ihre Unterhaltung ist nicht immer auf der Höhe der Zeit. Das eindringlichste Beispiel ist das von Fessenheim. Diese Anlage wurde in den 70er-Jahren in einem Erdbebengebiet gebaut, ohne Risikoanalyse oder Studie über mögliche Auswirkungen eines Bebens. Mit nur einer Reaktorummantelung, ohne Kühlturm und mit unerlaubter Freisetzung von Chemikalien ins Wasser steht Fessenheim symbolisch für ein veraltetes Kraftwerk und ist vergleichbar mit Reaktor 1 in Fukushima.

Die Frage nach dem Ausstieg muss gestellt werden

Deshalb ist es unvernünftig, weiter und verstärkt auf die Atomkraft zu setzen und die Debatte nicht zu führen, so wie es die französische Regierung tut, und gleichzeitig diejenigen zu verteufeln, die die Debatte fordern. Es ist unabdingbar, dass die Frage nach dem Atomausstieg auch in Frankreich gestellt wird. Diese Frage ist umso wichtiger, als dass es nur schwer vorstellbar ist, dass Frankreich das einzige Land in Westeuropa sein sollte, das auf diesem Weg weitergeht und somit ganz allein die Verantwortung für die Risiken der Atomkraft für ganz Westeuropa trägt. Die Wichtigkeit des Themas wird durch die wirtschaftlichen und industriellen Aspekte noch verstärkt. Der Rückgang der Atomkraft ist angesichts der japanischen Katastrophe unvermeidlich. Das macht die Geschäftsgrundlage für die französische Atomindustrie nur wenig berechenbar. Es ist unwahrscheinlich, dass sich die französischen Atomkraftwerke, die bislang schon oft nur schwerlich exportiert werden konnten, jetzt einfach verkaufen lassen. Zudem ist es absurd, Atomkraftwerke an Länder verkaufen zu wollen, die von der Sonne verwöhnt sind. Oder an Diktatoren.

Es ist also mehr als dringend, dass Frankreich so wie Deutschland eine Wende um 180 Grad vollzieht und eine Industrie der Erneuerbaren Energien entwickelt, die dynamisch und wettbewerbsfähig ist. Paradoxerweise ist das eine Chance für Frankreich: Man kann auf den Weg der Reindustrialisierung zurückkehren und Arbeitsplätze schaffen, indem man den Atomausstieg so gestaltet, dass es niemals an Elektrizität fehlt.

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass die Vernunft in Frankreich siegen wird und dass das notwendige und unvermeidliche Umdenken einsetzt, bevor es zu spät ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Christoph Burger, Ortwin Renn, Florian Keisinger.

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