30 Jahre später ist das sowjetische Erbe allgegenwärtig | The European

Der 30. Jahrestag der Auflösung der Sowjetunion: Die peripheren Staaten verfielen in Chaos und die Folgen sehen wir bis heute

Constantin Eckner25.12.2021Europa, Medien

Viele der früheren Sowjetrepubliken haben auch 30 Jahre später das sowjetische Erbe nicht hinter sich gelassen. Die Folgen der gescheiterten politischen und wirtschaftlichen Transformation nach 1991 sind bis heute in Ländern wie Belarus sichtbar. Von Constantin Eckner.

Was bleibt von der Sowjetunion? Quelle: Shutterstock

Als am 25. Dezember 1991, um 19:32 Uhr Ortszeit, die sowjetische Flagge am Kreml herabgezogen wurde, war das Ende der UdSSR bereits lange besiegelt. Im Laufe des Jahres hatte eine Republik nach der anderen ihre Unabhängigkeit erklärt. Die formalen Akte des Dezembers, sprich die Erklärung von Alma-Ata und offizielle Machtübergabe an neue Regierungen, bestätigten nur, was alle bereits wussten: Hammer und Sichel waren gefallen, die Sowjetunion fast 70 Jahre nach ihrer Entstehung obsolet. Auf der anderen Seite des zerfallenen Eisernen Vorhangs frohlockten Politiker und Intellektuelle über den unaufhaltsamen Sieg von Demokratie und Marktwirtschaft.

Nicht wenige Menschen in den einstigen Sowjetrepubliken glaubten zunächst ebenso an eine Transformation ihrer Gesellschaft. Doch für sie kam umgehend das böse Erwachen. Die Wirtschaft kollabierte infolge des Zusammenbruchs des innersowjetischen Handels, Regierungen wurden hastig gebildet, gesellschaftliche Institutionen über Nacht aus der Taufe gehoben. In der postsowjetischen Peripherie herrschte Orientierungslosigkeit und nicht zuletzt auch Gewalt. Der Transnistrienkonflikt erreichte 1992 seinen Höhepunkt, der Krieg in Abchasien brach ebenso wie der Tadschikische Bürgerkrieg im selben Jahr aus.

Dort, wo keine militärischen Konflikte ausgetragen wurden, versuchten alte Nationen ihre neuerliche Nationwerdung zu bewältigen und zugleich Halt in turbulenten Zeiten zu finden. «Im postsowjetischen Raum hielten sich in den Neunzigerjahren zentrifugale und zentripetale Kräfte die Waage», schreibt Osteuropahistoriker Andreas Kappeler. Gemeint ist damit zum einen, dass in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch der tiefe Drang nach Abspaltung vom alten sowjetischen Zentrum, also von Russland, bestand. Die Nationen versuchten sich selbst durch einen Rückgriff auf vorsowjetische Zeiten zu legitimieren und heroisierten oftmals die eigene Vergangenheit – etwa die Zeit des Kiewer Rus oder Khanats von Kasan.

Neben diesem Bedürfnis der mentalen Abspaltung von Russland entwickelten sich zentripetale Kräfte. Die alten Sowjeteliten verschwanden nie, sondern tauchten allenfalls für eine kurze Weile ab. Altkommunisten, nun nicht selten im nationalistischen Gewand, sicherten sich rasch ihren Platz in Politik oder Wirtschaft. Die sogenannten „roten Manager“ eigneten sich über Auktionen erhebliche Teile der neuen Eigentumsrechte an und erhielten dabei sogar oftmals Unterstützung von den Regierungen, die ausländische Investoren benachteiligten. Aus dieser Art der Privatisierung ergaben sich allerdings keine wirklichen Reformimpulse.

Die Bevölkerung litt erheblich unter dem wirtschaftlichen Kollaps der Neunzigerjahre. Zum Beispiel in Georgien, das durch Bürgerkriegswirren besonders betroffen war, konnten im Frühjahr 1993 70 Prozent der Menschen ihre Mindestbedürfnisse an Nahrung, Kleidung und Unterkunft nicht mehr aus regulären Geldeinkünften befriedigen und lebten damit unterhalb der Armutsgrenze. Im Angesicht von Not und Elend entstand insbesondere unter den Alten eine nostalgische Rückbesinnung auf die egalitäre Wirtschaftsmentalität der sowjetischen Zeit.

Lukaschenkos Herrschaft ein Resultat der Wirren

Als eindringlichstes Beispiel für das Überdauern des sowjetischen Erbes wurde schon während der Neunzigerjahre immer wieder Belarus zitiert. Belarus, das uns aktuell fast tagtäglich beschäftigt, war und ist in der Tat ein Paradebeispiel für die unmittelbare postsowjetische Instabilität, die unweigerlich zu einem autokratischen Rückfall führen musste. In Minsk agierte Staatspräsident Stanislaw Schuschkewitsch aus Furcht, dass allzu radikale Reformen sofort in Unruhen münden würden, nur sehr zögerlich. Zugleich erstarkten die belarussischen Altkommunisten, deren Partei 1993 vom verhängten Verbot befreit wurde. Noch im Januar 1994 besuchte ein besorgter US-Präsident Bill Clinton das wirtschaftlich angeschlagene Land, um über angebotene Finanzhilfen den Abbau ehemaliger sowjetischer Interkontinentalraketen anzuschieben. Doch schon wenige Tage später trat Schuschkewitsch zurück und unterlag im darauffolgenden Sommer gegen den bis heute im Amt befindlichen Antidemokraten Alexander Lukaschenko bei der Präsidentschaftswahl.

Lukaschenko soll noch drei Jahre zuvor als einziger Abgeordneter des belarussischen Sowjets gegen die Loslösung von der Sowjetunion gestimmt haben. Ein waschechter Altkommunist wie Metschislaw Grib, der als Parlamentspräsident ebenfalls zur Wahl antrat, war Lukaschenko aber nicht, sondern schlicht ein eloquenter Redner mit unermesslichem Machthunger. Viele desorientierte und desillusionierte Belarussen wollten eine politische Persönlichkeit, die mit entschiedener Führungsqualität die Geschicke des Landes in die Hand nehmen konnte. Sie erlebten jedoch schnell ein böses Erwachen, denn Lukaschenko stoppte schlagartig den laufenden Transformationsprozess. Die erst noch diffus auf Demokratie ausgerichtete Gesellschaft hatte zu wenig Kraft und keine Mittel, um den Autokraten auszubremsen.

Heute hat Belarus aufgrund des brutalen Vorgehens gegen Oppositionelle sowie einer orchestrierten Flüchtlingskrise an der EU-Außengrenze einen festen Platz in der internationalen Berichterstattung. Die Folgen der gescheiterten postsowjetischen Transformation sind auch 30 Jahre danach deutlich sichtbar. Eine faire Chance, sich als Nation neu zu erfinden, bestand für die Belarussen eigentlich nie.  Ihr Land ist trotz einer ungewöhnlich deutlichen Zuwendung zu Russland keine Ausnahme in der postsowjetischen Welt.

Andernorts sind die Transformationen lediglich diffiziler abgelaufen. In den überwiegend muslimischen Republiken wie Kasachstan, Turkmenistan oder Tadschikistan entstand eine Mischung aus vorsowjetischen Clanbeziehungen und dem sowjetischen autoritären Erbe. Jenes sowjetische Erbe erstarkt auch im Kaukasus immer wieder, wie der Literaturwissenschaftler Zaal Andronikashvili mit Blick auf Georgien beschrieb. «Dass man in Georgien gerade dabei zusehen kann, wie das Land auf eine Diktatur zusteuert, ist bitter und schmerzhaft», lautet seine Bestandsaufnahme der Vorgänge in seinem Heimatland.

Georgien wie auch Armenien wirkten in der postsowjetischen Zeit recht konsolidiert, schlitterten aber infolge von regionalen Konflikten und innenpolitischen Verwerfungen erneut in dunkle Zeiten. Andronikashvili macht das an der staatlichen Kulturpolitik, konkret an der installierten Leitung des Nationalmuseums, fest. «Man fühlt sich an die Besetzungen der Posten in der stalinistischen Sowjetunion erinnert, wo die Parteikader und nicht Fachleute das Sagen hatten», schreibt er.

Seine Furcht wie auch die Furcht vieler anderer ist, dass die zentripetalen Kräfte wieder zunehmen oder, um es salopper auszudrücken, (noch) demokratische Staaten in Kürze wieder in die Arme Moskaus taumeln. Staaten wie Georgien mögen «eher klein und bedeutungslos erscheinen», aber sie stellen wichtige Inseln postsowjetischer Demokratie dar. In ihnen kämpfen Teile der Zivilgesellschaft seit 30 Jahren mit Orientierungslosigkeit und gegen eine Rückbesinnung auf das Sowjetische.

Nebenrolle in der Erzählung

In der populären Geschichtsschreibung spielen die peripheren Staaten und das Schicksal ihrer Bevölkerungen nur eine Nebenrolle. Die Nachbetrachtungen zur Sowjetunion fokussieren sich in aller Regel auf das Schicksal Russlands und der Russen. Die Kreml-nahe Erzählung ist zugleich von einem Bedauern über den Zerfall des Großreichs geprägt, weil dieser «die größte geopolitische Katastrophe» des 21. Jahrhunderts gewesen sei, wie es Vladimir Putin in der Vergangenheit formuliert hat. Das Schlüsselwort ist dabei «geopolitisch», denn durch den Zusammenbruch hat Moskau Einfluss und Potenz verloren. Der ständige Griff in den Kaukasus oder seit Jahren in die Ukraine ist Zeugnis über die russische Sehnsucht nach alter Großmachtstellung.

Abseits dieser Russland-zentrierten Erzählung wird allenfalls darüber gestritten, wie der teils misslungene Versuch einer Liberalisierung und Demokratisierung der postsowjetischen Peripherie zu bewerten sei. Jene, die es gut meinen mit den Staaten, argumentieren, dass eine vollends gelungene Transformation ohnehin nur eine Illusion war und stattdessen die relative Stabilität in einigen Regionen schon als Erfolg gelten müsste.

In einem sind sich aber die meisten Historiker, Politologen und andere Beobachter einig: Die Instabilität der postsowjetischen Zeit war aufgrund einer fehlenden Infrastruktur und dem Verharren alter Eliten hausgemacht und dauert auch 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch an.

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