Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss entpolitisiert werden

Clemens Schneider8.01.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Das Weihnachtsloch füllte sich schnell mit dem Lied von der Oma-Umweltsau, das der WDR uns unter den Weihnachtsbaum legte. Der Vorfall und die Reaktionen sind symptomatisch für die Glashaus-Arroganz einer Gruppe von Intellektuellen, die unfähig scheint, das Gefühl der eigenen moralischen Überlegenheit zu hinterfragen.

Im Angesicht der Unfehlbarkeit

Der WDR-Intendant Tom Buhrow hat recht: „In unserem Land ist etwas richtig krank“. Dass inzwischen Mord-Drohungen gegen die Macher des Umweltsau-Liedes ergehen, ist nicht zuletzt angesichts von Attentaten und tatsächlichen Morden an Amtspersonen, Leuten des „Establishments“, ein Alarmsignal Stufe Rot. Diese Straftaten sind das eine – und ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Das andere ist die massive Verärgerung vieler Menschen im Land, von denen viele immer mehr in eine Grundsatzopposition verfallen. Wie kommt es zu diesen verhärteten Fronten? Eine von mehreren Ursachen ist vielleicht die Bedrängnis, in der sich ein Teil der Bürger des Landes immer mehr fühlt, wenn sie mit der geballten Macht einer bestimmten Weltsicht konfrontiert werden, die mit einer Art Unfehlbarkeitsanspruch die Diskurshoheit einnimmt. Ob sie den Kommentar bei den Tagesthemen hören, die Süddeutsche Zeitung aufschlagen oder am nachweihnachtlichen Familientreffen mit ihrem Cousin sprechen – wieder und wieder machen sie die Erfahrung: Was ich mir überlege und was mir wichtig ist, wird als falsch, böse und gemein charakterisiert.

Merken die Lieddichter vom WDR und die Zeit-Redakteure eigentlich, was sie anderen Menschen vermitteln? Machen sie sich Gedanken darüber, wie Menschen mit anderen Meinungen auf ihre schwarz-weiße Weltsicht reagieren könnten? Und noch spannender vielleicht: Ist es ihr Ziel, anderen Menschen die eigenen Werte und Vorstellungen attraktiv zu vermitteln, zugänglich und sympathisch zu machen? Oder soll nur das eigene Erhabenheitsgefühl gesteigert und der Applaus aus der Blase eingeholt werden? Wie sehr bemüht man sich darum, Gräben zu überbrücken, echte Vielfalt zu ermutigen (die auch unangenehme Andere einschließt) und die Diskurse in unserem Land wieder in zivilisierte Bahnen zu lenken? Will man sich in die mühseligen Niederungen des Erklärens und Debattierens begeben oder bevorzugt man es, sich im Glanze der eigenen Tugendhaftigkeit und Erkenntnis zu sonnen?

„Morgen kommt der Muselmann“

Viele Medien in Deutschland haben eine gewisse Schlagseite, die besonders in ideologisch eher aufgeheizten Zeiten wie den unseren überdeutlich wird. Wie schon etwa in der Zeit nach 1968 werden auch heute die immer latent vorhandenen ideologische Differenzen in Gesellschaft und Medien besonders deutlich, die in anderen Situationen sehr viel weniger auffallen. Ganz vorne mit dabei in Sachen Einseitigkeit ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der in Sonntagsreden ja immer beschworen wird als zentrales Medium, um den Zusammenhalt der Gesellschaft zu gewährleisten und die Demokratie am Leben zu erhalten. Wenn es in den politischen Bereich geht, sind die Öffentlich-rechtlichen freilich oft alles andere als nüchtern, sachlich und unparteiisch: Von den zum Teil sehr rabiaten Tagesthemen-Kommentaren über Politmagazine wie „Monitor“ und „Panorama“ bis zu angeblichen „Satirikern“ wie Volker Pispers, Jan Böhmermann, die „Heute Show“ und „Die Anstalt“.

Ein Gedankenexperiment könnte helfen, das Problem zu veranschaulichen. Versetzen wir uns in den Winter 2015. Die vielen Geflüchteten, die nach Deutschland gekommen sind, beherrschen die Medien. Einige SWR-Redakteure sind der Ansicht, dass die Regierung hier mit dem Feuer spielt und wir einer äußerst bedrohlichen Situation entgegensehen. Darum entscheiden sie sich, mit den drastischen Mitteln der „Satire“ einen Weckruf durchs Land zu senden. Sie engagieren einen Männergesangverein von der Schwäbischen Alb und lassen die älteren Herren ein Lied anstimmen mit dem Titel „Morgen kommt der Muselmann“, das die entsprechenden Klischees bedient bis hin zum Mordvorwurf (ja, die Oma aus dem WDR-Lied überfährt zwei „Opis“). Völlig zu Recht wäre ein gigantischer Aufschrei durchs Land gegangen. Manch ein Antifa-Aktivist hätte sich womöglich auch bemüßigt gefühlt, eine Morddrohung auszusprechen. Eine breite Front quer durch die politischen Lager hätte gemahnt, man müsse derlei Diskursvergiftung schon im Keim ersticken.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss entpolitisiert werden

Und mit dem gleichen Recht müssten sich die Liedermacher des WDR, „Die Anstalt“, Volker Pispers und all die anderen witz- und spaßbefreiten, bisweilen ungehemmt fanatischen „Satiriker“ diesen Vorwurf gefallen lassen. Es mutet grotesk an, dass sich dieselben Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks darüber beschweren, wie öffentliche Debatten den Bach runtergehen, die in ihren Sendern hochpolitische Agitation dulden und faktenaverse Stimmungsmache zulassen von Glyphosat über Ungleichheit bis zu Freihandelsabkommen. Vielleicht sollten sich die Damen und Herren einmal vor Augen führen, was in unserem Land los wäre, wenn andere politische Vorzeichen vor unserem öffentlichen Rundfunksystem stünden; wenn der Mainstream eher durch Orban, Kaczynski oder Le Pen bestimmt wäre.

Nun soll dies aber gerade kein Plädoyer dafür sein, auch einmal eine rechte „Anstalt“ zu etablieren und Hans-Georg Maaßen endlich seine eigene Talkshow zu geben. Das entscheidende Problem ist nämlich nicht, dass der Journalismus in den Öffentlich-rechtlichen in eine bestimmte politische Richtung neigt. Und die Lösung ist auch nicht, der anderen politischen Richtung das Ruder in die Hand zu drücken. Die Lösung besteht darin, das System zu entpolitisieren. Am Anfang der 20er Jahre könnte sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk einmal die Aufgabe vornehmen, seine Rolle als „Meinungsmacher“ abzulegen: Weniger Partei ergreifen und mehr Interesse ergreifen. Journalistische Neugier statt Gestaltungswillen. Weniger Selbstbeweihräucherung, mehr Dialog. Ein Anfang könnte darin bestehen, sich einmal der Frage zu stellen: Sind die Diskursvergifter eigentlich immer nur die anderen?

Quelle: Prometheus – Das Freiheitsinstitut

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