Für viele Ostdeutsche ist die Vergangenheit wieder ein Sehnsuchtsort

Clemens Schneider9.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Für viele Ostdeutsche ist die Vergangenheit wieder ein Sehnsuchtsort. Die polnischen und griechischen Regierungen haben den Zweiten Weltkrieg wiederentdeckt. Und Kaisers Ururenkel möchte gern dessen Luxus-Bude in Potsdam zurückhaben. Dieser Blick zurück kann schnell zerstörerisch werden.

Instrumentalisierte Geschichte

Der Fall Hohenzollern ist in seiner Absurdität bereits von vielen ausreichend kommentiert worden. Hinter dem vielleicht legalen, aber eher nicht legitimen, Anspruch auf den Besitz der Urahnen sowie dem auf die Deutungshoheit über die mit der Landesgeschichte doch weitgehend identische Familiengeschichte liegt ein tieferes Phänomen. Letztlich ist es mangelndes Selbstbewusstsein. Wer als Architektin ein schönes neues Haus entwirft, als Programmierer ein Spiel mitentwickelt oder als Pflegerin im Hospiz Menschen auf ihren letzten Weg begleitet, hat Sinn in seinem Leben. Diese Menschen ziehen Bedeutung aus den eigenen Leistungen. Der Rückgriff auf Geschichte hingegen kann oft eine Ersatzhandlung sein, wenn man an den eigenen Begabungen und Aufgaben keine ausreichende Erfüllung findet. Man gibt sich Bedeutung, indem man sich zum Teil eines zeitüberspannenden Kollektivs macht. Einfach gesagt: wenn der alte Fritz, Königin Luise und Kaiser Wilhelm I. zur eigenen Identität dazugehören, kann das der eigenen (scheinbare oder gefühlte) Bedeutungslosigkeit entgegenwirken.

Dass das nicht nur mit „Helden“ der Vergangenheit funktioniert, zeigen die Regierungen von Polen und Griechenland. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass die unvorstellbaren Verbrechen, die dort von Deutschen und deren Helfershelfern verübt wurden, nicht ausreichend gesühnt wurden. Dasselbe gilt übrigens für die Verbrechen des Osmanischen Reiches auf dem Balkan, der Zaren und Bolschewiken im Kaukasus und schwedischer Söldner im 30jährigen Krieg. Die Bürger Griechenlands und Polens haben viel, worauf sie stolz sein können. Griechenland hat in den letzten zehn Jahren den Anteil des Tourismusgewerbes von 10 auf 18 Prozent des BIP steigern können. Polen hat eine Staatsschuldenquote von nur 48,9 Prozent. In beiden Ländern gibt es genug Anlass, auf die eigenen Leistungen stolz zu sein. Stattdessen versuchen die Regierungen, die Bevölkerung hinter sich zu bringen durch den Rückgriff auf geschichtliche Ereignisse.

Sehnsucht nach einer Schimäre

Und dann natürlich noch der Osten unseres Landes, wo sich bei den Landtagswahlen am letzten Wochenende gut jeder Dritte, der an die Wahlurne getreten ist, für Parteien entschieden hat, die die Rückkehr in eine warme, unbeschwerte und sichere Vergangenheit versprechen. Die Furcht, allein gelassen zu werden; die Erfahrung, gegenüber dem Westen und Süden des Landes zurückstehen zu müssen; entleerte und überalterte Landstriche. Es ist durchaus verständlich, dass da Nostalgie aufkommt. Nostalgie freilich nach einer Zeit, die es so nie gegeben hat, und die viele Risiken und Nebenwirkungen hatte, die keiner heute mehr würde auf sich nehmen wollen. Wer sich mit historischen Beschreibungen und Daten beschäftigt, wird sehr schnell feststellen, dass ein Rückgriff auf die Vergangenheit keine gute Idee ist. Die Welt war einfach nicht besser, als man Versorgungsengpässe bei Penicillin hatte, zum Telefonieren in die Poststation im Nachbarort fahren musste und für eine Meinungsäußerung ins Kittchen gesteckt wurde.

Doch die Nostalgie ist mehr als nur eine Mischung aus Unwissenheit und Verdrängungsmechanismen. Sie ist tatsächlich ein hochgefährliches Gift für unsere jeweilige psychische Konstitution und für ganze Gesellschaften. Sie verzwergt die eigenen Leistungen und Möglichkeiten gegenüber der Vergangenheit. Sie verstellt uns den Blick auf das Gute um und vor uns. Sie drängt uns in eine Opfer-Rolle. Im politischen Bereich kann sie zu einem wirkmächtigen Mittel werden, um von realen Problemen abzulenken, wie man derzeit bei vielen Autokraten erkennen kann von Russland über die Türkei bis nach Venezuela. Immer aber ist Nostalgie eine Flucht aus der derzeitigen Realität, der man sich, aus welchem Grund auch immer, nicht stellen möchte. Dabei ist die heutige Realität oft sehr viel besser als man denkt: von der Sicherheitslage über Geldanlagemöglichkeiten bis hin zur persönlichen Freizeitgestaltung.

Verbesserung: das Grundprinzip der Welt

Der Grund dafür, dass wir heute in der besten aller Zeiten leben, ist, dass es immer wieder Menschen gab, die sich nicht haben verführen lassen von Nostalgie, sondern den Blick nach Vorne gerichtet haben. Menschen, die sich nicht in einer Opferrolle eingerichtet haben, sondern ihr Leben in die Hand genommen haben. Wissenschaftler, Unternehmer und auch ganz viele einfache Menschen, die bereit waren für Wagnisse. Wie es Friedrich August von Hayek im Nachwort seines Buches „Recht, Gesetz und Freiheit“ formuliert: „Die meisten dieser Schritte in der Evolution von Kultur wurden von einzelnen Personen ermöglicht, die traditionelle Regeln brachen und neue Verhaltensformen ausprobierten.“ Diese Bereitschaft und Fähigkeit werden jedoch erstickt durch Nostalgie. Sie tötet die Lust darauf, ein Unternehmen zu gründen; die Abenteuerfreude, sich auf etwas Neues einzulassen; die Zuversicht, dass sich etwas verbessern lässt.

Dieses Grundprinzip der Zivilisation, ja der ganzen Welt, wenn man sich die Evolution ansieht, umschrieb Friedrich Schiller einst mit den Worten „Die Welt wird alt und wird wieder jung, doch der Mensch hofft immer Verbesserung!“ Und der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson stellt fest: „Verbesserung ist die Bestimmung der sich ordnenden Natur – und wer könnte die Grenzen kennen? Es ist die Aufgabe des Menschen, das Chaos zu zähmen. Zu allen Seiten hin muss er, solange er lebt, die Samen von Wissenschaft und Kunst ausstreuen, um Klima, Feldfrüchte, Tiere und Menschen zu besänftigen. So werden Liebe und Wohlfahrt allenthalben sprießen.“ Der Blick nach Vorne ist es, was den Menschen ausmacht – sein aufrechter Gang ist dafür ein anschauliches Zeichen. Das kann er, weil er über eigene Ressourcen verfügt: über Kraft und Verstand, über Erfindergeist und Mut. So sehr uns die Vergangenheit auch prägt, beglückt oder belastet – nicht sie definiert uns. Wir definieren uns selbst.

Quelle: Prometheus – Das Freiheitsinstitut

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