Die Kollektivismus-Epidemie ist zurĂŒck

von Clemens Schneider24.03.2019Wirtschaft

Viele Ökonomen haben bereits darauf hingewiesen, dass die derzeit wieder beliebte Industriepolitik unsinnig, ja gefĂ€hrlich ist. Neben den wirtschaftlichen SchĂ€den gibt es aber auch politische und gesellschaftliche, die man nicht aus dem Blick verlieren sollte. Von Clemens Schneider

Die Kollektivismus-Epidemie ist zurĂŒck

Alles muss groß werden: Amerika, China, Europa, Brasilien 
 Die Kommunikation in diesen Tagen erinnert an das 19. Jahrhundert, als von Japan ĂŒber Griechenland bis Großbritannien die Vorstellung einer starken Nation ins Zentrum des politischen Diskurses rĂŒckte. Der Bauer aus der Gegend von Metz und der TeppichhĂ€ndler aus Nis mussten sich plötzlich als Franzosen und Serben begreifen, obwohl sie besser Deutsch oder Bulgarisch sprachen und mit Paris oder Belgrad nichts am Hut hatten. Bestehende Strukturen wurden zerstört, Verbindungen gekappt, Traditionen zertrampelt, Institutionen gewaltvoll verĂ€ndert und Menschen entfremdet – um des Heiles der Nation willen.

Man darf nicht ĂŒbersehen, dass diejenigen, die im 19. Jahrhundert ideologisch und politisch Nationen schmiedeten vom gleichen planerischen Eifer beseelt waren wie einige Jahrzehnte spĂ€ter die Sozialisten mit ihrer zentralen Verwaltungswirtschaft. Friedrich August von Hayek beobachtete in seinem Buch „Verfassung der Freiheit“: „von Gedanken an ‚unsere‘ Industrie oder ‚unsere‘ NaturschĂ€tze ist es nur ein kleiner Schritt zu der Folgerung, dass diese nationalen Vermögenswerte im nationalen Interesse gelenkt werden sollen.“

Hinter der Vorstellung, ein Land, eine Nation oder ein Kontinent mĂŒsse StĂ€rke zeigen, stecken die alten kollektivistischen Verhaltensmuster, die unser Denken nach wie vor stark bestimmen. Es ist die Vorstellung, dass es ein Wir gebe, das man gegen die Anderen schĂŒtzen und verteidigen mĂŒsse. Jahrtausende der Zivilisation haben in vielerlei Hinsicht dazu beigetragen, dass dieses GefĂŒhl bezĂ€hmt wurde. Ja, diese ZĂ€hmung ist zugleich auch die Voraussetzung fĂŒr das Entstehen von Zivilisation, von Innovation, Wohlstand und Frieden. Anders als die Krankheit der Pocken ist das kollektivistische GefĂŒhl allerdings nicht ausgerottet, sondern quĂ€lt die Menschheit immer wieder aufs Neue. Derzeit erleben wir wieder einen heftigen weltweiten Ausbruch der Epidemie.

Masse, Macht und Machbarkeit

Die neue Großmannssucht kreist um die Vorstellungen von Masse, Macht und Machbarkeit. Man glaubt, die schiere Masse wĂŒrde etwas bewirken: Ob das Chinas gigantische Armee ist oder Altmaiers Forderungen nach nationalen und europĂ€ischen Champions, die charmant zusammengefasst wird unter „GrĂ¶ĂŸe zĂ€hlt – size matters!“ Dabei ist Masse oft ein Nachteil: sie behindert FlexibilitĂ€t und MobilitĂ€t, ist schwerfĂ€llig und bindet Ressourcen. Und ihr Vorteil der schieren Wucht lĂ€sst sich auch durch viele kleine Einheiten erreichen. Masse mag eindrucksvoll sein, aber am Ende zĂ€hlt nicht, wie etwas wirkt, sondern was es bewirkt. Und da blickte eben der mĂ€chtige Goliath recht dumm aus der WĂ€sche – ebenso wie der gewaltige Polyphem. Unser Geschichtenschatz ist voll von Leuten wie David oder Odysseus, die mehr auf Verstand als auf Masse gesetzt haben.

Die Faszination, die von Macht ausgeht, gehört zum politischen GeschĂ€ft dazu. Verfassungen und Institutionen tragen in der Tradition westlicher Demokratien dazu bei, dass diese Macht kontrolliert bleibt. Nicht nur die Regierungen Ungarns und Polens versuchen allerdings, diese Kontrollen schleichend abzuschaffen. Auch die EU selbst hat hier erhebliche Defizite. Wenn Macron eine „bevorzugte Behandlung europĂ€ischer Unternehmen“ fordert, kann man sich schon vorstellen, wie unkontrollierte Schlupflöcher im GefĂŒge der EU genutzt werden, um dieses Ziel mit Macht durchzusetzen; wie sich die französischen Traditionen des Dirigismus und Merkantilismus in BrĂŒssel festsetzen. Wer wollte sich auch mit verfassungsrechtlichen Petitessen aufhalten, wenn der Amerikaner vor der TĂŒr steht?

Und schließlich die Hybris der Machbarkeit. Sie liegt an der Wurzel der Planwirtschaft, die keineswegs ein ausschließliches Instrument der Linken ist, und auch nicht sofort sowjetische ZĂŒge annehmen muss. Planwirtschaft kommt oft schleichend. Hayek wies in seinem Buch „Der Weg zur Knechtschaft“ darauf hin, dass die meisten BefĂŒrworter von Planwirtschaft behaupten, „dass wir keine andere Wahl mehr haben, vielmehr durch UmstĂ€nde, die sich unserer Beeinflussung entziehen, gezwungen werden, den Wettbewerb durch die Planwirtschaft zu ersetzen“. Ein Mangel an Geduld und Frustrationstoleranz, insbesondere aber die Vorstellung, man könne durch eigenes Zutun ein bestimmtes Ergebnis erreichen, fĂŒhren dazu, dass die Planwirtschaft StĂŒck fĂŒr StĂŒck eingefĂŒhrt wird – im Zweifel auch von sogenannten „bĂŒrgerlichen“ KrĂ€ften. Man muss nur einmal auf die Energiewirtschaft in unserem Land schauen 


Besser David befreien als Goliath fĂŒttern

Die Überzeugung, dass GrĂ¶ĂŸe ein Wert an sich sei; die Faszination der Macht; der Machbarkeitswahn – all das sind die Begleiterscheinungen der derzeit grassierenden Großmannssucht, oder der Sucht nach GrĂ¶ĂŸe. Denn es ist in der Tat wie mit einer Droge: man gaukelt sich vor, dass man unbesiegbar sei, gerĂ€t aber immer tiefer in einen Strudel der Selbstzerstörung. Um dieses Tun zu rechtfertigen, legt man sich alle möglichen ErklĂ€rungen zurecht: Ă€ußere Bedrohungen, die KomplexitĂ€t der Welt, das Gebot der Vernunft. Was als etwas Industriepolitik, ein bisschen Protektionismus, leichte EinschrĂ€nkungen hier und dort beginnt, verĂ€ndert freilich nicht nur das institutionelle GefĂŒge, sondern auch die Köpfe der Menschen. Kollektive und planerische Lösungen werden wieder akzeptabel, ja wĂŒnschenswert. Und die Geister, die man dabei ruft, kann man mitunter nur sehr schwer wieder loswerden: Am Ende gewinnt dann nicht die gemĂ€ĂŸigte Mitte, die mit der Industriepolitik anfĂ€ngt, sondern die linken und rechten Extreme.

Europa ist wohl die prosperierendste und stabilste Gegend der Welt. Das hat viel damit zu tun, dass es traditionell in viele unterschiedliche Machtzentren zerstĂŒckelt war, und dass der Bauer aus Metz und der TeppichhĂ€ndler aus Nis in Ruhe gelassen wurden. Wenn Europa, nein, nicht groß!, sondern frei und wohlhabend bleiben soll, mĂŒssen sich die vielen kleinen KrĂ€fte wieder entfalten können. Es kann nicht Aufgabe der EU oder ihrer MitgliedslĂ€nder sein, ein europĂ€isches Google zu „machen“, Fiat vor Konkurrenz aus Indien zu schĂŒtzen oder Bankenfusionen einzuleiten. Freilich ist es fĂŒr Politiker so viel attraktiver mit derlei Aktionen die – vermeintliche – StĂ€rke des Landes zu demonstrieren. Anstatt aber diese Goliaths noch weiter zu fĂŒttern, ist es jetzt an der Zeit, die vielen Davids in Europa frei zu lassen.

Wirklich nachhaltig wĂ€re eine Politik, die HĂŒrden abbaut und Lasten wegnimmt, damit die Informatikerin aus Marseille, der Pflege-Unternehmer aus Krakau, der Bio-Bauer aus Lemförde und die Restaurantbesitzerin aus Galway ihre TrĂ€ume verfolgen und so vielleicht die Leben von Hunderttausenden verbessern können. Diese Menschen sind die StĂ€rke und das RĂŒckgrat unserer Gesellschaft. Sie schöpfen Neues, wo die Großen noch blind umherirren. Sie arbeiten weiter, wĂ€hrend die Riesen schlafen. Sie halten durch, wenn die Giganten fallen.

Quelle: “Prometheus – Das Freiheitsinstitut”:https://prometheusinstitut.de/goliath-im-21-jahrhundert/

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