Was die Beliebtheit von Privatschulen √ľber unser Bildungssystem sagt

von Clemens Schneider21.01.2019Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Zahl der Privatschulen ist in Deutschland in den letzten 25 Jahren von 3.232 auf 5.839 gestiegen, 9 Prozent aller Sch√ľler besuchen hierzulande solche Schulen. Die Politik sollte einsehen, dass dies ein Misstrauensvotum gegen staatlich organisierte Bildung ist und den R√ľckzug antreten.

Ungleichheit durch Wettbewerbsverzerrung

DIW, die Zeit und der Spiegel deuten diesen Trend wenig √ľberraschend als Ergebnis zunehmender sozialer Segregation. Und ‚Äď noch weniger √ľberraschend: die Ebert-Stiftung stellt in einer Studie fest, dass es keinen Unterschied zwischen den schulischen Leistungen an √∂ffentlichen und privaten Schulen gibt. Mit derlei vorgefertigten Urteilen verschlie√üt man sich den m√∂glichen Chancen eines solchen Wandels, der ja immer auch eine Abstimmung mit den F√ľ√üen ist. Da Privatschulen in der Regel Schulgeld erheben m√ľssen, nimmt es kaum Wunder, dass vor allem wohlhabendere Akademikereltern ihren Kindern diese M√∂glichkeit einr√§umen ‚Äď k√∂nnen ‚Ķ Aber egal von wem das Signal kommt: es ist und bleibt doch ein klares Zeichen der Unzufriedenheit, dem wom√∂glich auch Menschen in prek√§reren Situationen folgen w√ľrden, wenn Sie nur k√∂nnten.
Privatschulen werden strukturell benachteiligt: Die Jobgarantie einer Verbeamtung, die derzeit wieder fr√∂hliche Urst√§nde feiert, k√∂nnen sie beispielsweise nicht bieten. Auf vielen Gebieten bekommen sie zu sp√ľren, dass sie nur geduldet werden neben dem Normalfall √∂ffentlicher Schulen. Dass dennoch mehr von ihnen entstehen und immer mehr Eltern zus√§tzliche Kosten auf sich nehmen, sollte Anlass sein zum Umdenken: All die unfairen Wettbewerbsvorteile und Privilegien, die √∂ffentliche Schulen derzeit genie√üen, sollten zumindest auf den Pr√ľfstand. Faire Wettbewerbsbedingungen w√ľrden auch den Druck auf √∂ffentliche Schulen erh√∂hen, ihre eigenen Konzepte und Arbeitsweise zu √ľberdenken. Diese wiederum w√ľrden den Druck an die Ministerien weiterreichen, die dann ihrerseits zu mehr Innovation und m√∂glicherweise auch mehr Flexibilit√§t gezwungen w√ľrden.

Private Schulen sind weniger leicht zu steuern

Im Grunde genommen ist die Argumentation von Privatschul-Gegnern paradox, dass sie ein Ausdruck sozialer Segregation seien. Sie sind nat√ľrlich das Anzeichen daf√ľr, dass diese Segregation besteht, aber der eigentliche Treiber hinter dieser Spaltung ist die Politik, die durch die Privilegierung f√ľr √∂ffentliche Schulen den Zugang zu Privatschulen so verteuert, dass f√ľr die weniger Wohlhabenden nur die √∂ffentlichen Schulen bleiben. Was viele dieser Gegner wohl viel mehr st√∂rt als das Thema sozialer Segregation ist die Tatsache, dass hier Bildungseinrichtungen entstehen, die sich so weit wie m√∂glich staatlicher Lenkung und Kontrolle entziehen wollen. Die Tatsache, dass Eltern einer privaten Firma, einer religi√∂sen oder weltanschaulichen Vereinigung mehr vertrauen als dem Kultusministerium des entsprechenden Landes schmerzt vor allem diejenigen, die in diesen Ministerien ein Mittel sehen, die Gesellschaft in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Ein Blick √ľber die Grenze kann ‚Äď wie so oft ‚Äď nicht schaden: In den Niederlanden besuchen zwei Drittel der Sch√ľler Privatschulen, die vom Staat mit denselben Mitteln ausgestattet werden wie die staatlichen Schulen. Nun sind die Niederlande aber weder f√ľr ihre desastr√∂se Bildungssituation bekannt (beim letzten PISA-Ranking gleichauf mit Deutschland auf Platz 13) noch assoziiert man das Land der √ľberbordenden Freundlichkeit und des allgegenw√§rtigen Du mit einer starken sozialen Segregation.

Privatschulen f√ľr die Armen

Wenn man tats√§chlich etwas gegen soziale Segregation tun will, m√ľssten die Bundesl√§nder die weniger wohlhabenden Familien aus der babylonischen Gefangenschaft des staatlichen Schulsystems entlassen. Dazu geh√∂rt selbstverst√§ndlich ein Ende der Lehrer-Verbeamtung. Gleichzeitig k√∂nnte man dar√ľber diskutieren, ob man eher an das niederl√§ndische System der Finanzierung privater Schulen ankn√ľpft oder das schwedische Modell von Schulgutscheinen √ľbernimmt. Zentral sind vor allem die Gleichstellung und Gleichbehandlung √∂ffentlicher und privater Schulen. Nur unter diesen Umst√§nden sind √∂ffentliche Schulen nicht mehr die einzige Option f√ľr Nicht-Akademiker und Geringverdiener.
Die meisten Menschen denken bei Privatschulen an geschniegelte Mutters√∂hnchen im Polo-Hemd, die zum Sportunterricht auf dem Golfplatz unterwegs sind. Es ist Zeit umzudenken: In Berlin gibt es etwa seit ein paar Jahren eine Privatschule, an der man haupts√§chlich Kapuzenpullis und Kopft√ľcher sehen kann. An der Quinoa-Schule im Wedding werden gezielt Kinder aus sozial benachteiligten Umst√§nden unterrichtet. Inmitten des Berliner Schul-Chaos sind nicht nur die altehrw√ľrdigen kirchlichen Gymnasien und die internationalen Schulen Leuchtt√ľrme, sondern eben auch ein solches Projekt. Siebzig Jahre hatten die L√§nder jetzt Zeit, √ľberzeugende Bildungssysteme zu etablieren. Und dennoch steigen die Zahlen der Privatschulen. Vielleicht sollte man mal den Staffelstab weiterreichen an diejenigen, die offenbar mehr √ľberzeugen?

Quelle: “Prometheus Institut”:https://prometheusinstitut.de/was-sagt-die-beliebtheit-von-privatschulen-ueber-unser-bildungssystem/

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