Zu 50 Prozent stehen wir im Viertelfinale, aber die halbe Miete ist das noch lange nicht! Rudi Völler

Der kindische Dozent

Der Vater: Ein Geschichtenerzähler. Die Helden der Mythologie: Vaterfiguren und Vorbilder. Herausgekommen ist eine bewegte Jugend voll maskuliner Unnahbarkeit.

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Mein Vater war ein Geschichtenerzähler. Und ein semi-erfolgreicher Künstler. Prinzipiell eine ungünstige Kombination. Es wurden oft Geschichten erzählt. Das war die grundlegende Form unserer Kommunikation. Als ich klein war, zum Einschlafen. Wenn ich Fragen hatte, wurden diese mit Anekdoten beantwortet. „Papa, warum ist der Neger schwarz?“ „Weil Helios’ Sohn, Phaeton, die Menschen in Afrika mit dem Sonnenwagen seines Vaters verbrannte.“ (In Österreich ticken die Uhren der Political Correctnes anders.)

Für alles gab es eine Geschichte, für alles eine mythologische Allegorie. Zu den pragmatischen Fragen des Lebens – wer zahlt die Miete, wer zahlt die Schule – schwieg er meistens.

Eine Kindheit in Mythen

Meine Zeit als „Sohn“ spielte sich zwischen Opern- und Theaterbesuchen sowie Ausflügen in die Welt griechischer Mythologie und der deutschen Literatur ab. An diesen Orten formte sich aus Leporello und Siegfried, aus Sarastro und Mephistopheles, Zeus und Odysseus mein maskulines Vorbild.

Dort, wo mein Vater versagte, sprangen Faust, Nathan, Bud Spencer und Don Juan in die Bresche, um mir zu zeigen, wie man männlich palavert, prügelt, frisst, säuft, fickt und stirbt.

Mein Vater war aber nicht nur ein Mann der Theorie. Auf ausgedehnten Spaziergängen durch die archaische Salzburger Gebirgslandschaft erklärte er mir die Welt und demonstrierte urige Männlichkeit beim nacktem Baden im eiskalten Traunsee – vorbeiziehende Spaziergängerinnen zeigten sich zur großen Enttäuschung meines Vaters leider nie beeindruckt.

Für das Überleben ohne Hilfsmittel in der Natur war ebenso gesorgt: Fischen im Traunsee. Wenn man nichts fing, platzte man einfach uneingeladen ins Gartenfest des Nachbarn. Dort bediente man sich dann selbstverständlich am Buffet, bis man in bester österreichischer Gastfreundlichkeit zum Gehen aufgefordert wurde.

Es wurde auch eingekauft. Mit dem Motorrad. Eine Puch aus dem 2. Weltkrieg. Mein Vater hasste ja die Amerikaner für ihre Dummheit und Unkultiviertheit, aber ihre Filme mochte er. Da war Marlon Brando, Held seiner Generation in „Der Wilde“.

Mit dem Puch Motorrad fuhren wir zum Supermarkt. Mein Vater zeigte mir, wie man männlich einkauft. Wein und Bier, Kartoffel als einziges Gemüse und Eier. Zu Gunsten des Weines wurde auf Fleisch verzichtet. Das ist schließlich teuer und Männer können ja sparen, im Gegensatz zu Frauen, die so unnützes und teures Zeug wie Obst und Gemüse kaufen, um ein ausgewogenes Mahl zu bereiten. Männer können unausgewogen essen und Spaß dabei haben, sprich, keine Schuldgefühle im Nachhinein. Das lernte ich schon früh von meinem Vater. Schuldgefühle belasten nur unnötig.

Was immer du tust, tue es bedacht

Je älter ich wurde, umso mehr zog sich mein Vater zurück. Er wollte schließlich nicht denselben Fehler begehen wie König Philipp in Schillers „Don Karlos“ und verließ sich nun gänzlich auf das rezitieren von Weisheiten.

Schließlich reduzierte es sich auf einen Satz – meist im Zusammenhang mit der Frage, ob er mir bei den Lateinhausübungen helfen könne – „quidquid agis prudenter agas et respice finem.“

Mit dieser universellen Formel – was immer du tust, tue es bedacht und denke an die Folgen – wurde ich dann ins Leben entlassen. Den Helden meiner Jugend wünsche ich also alles Gute zum Vatertag: König Artus, Dietrich von Bern, Siegfried, Robin Hood, Figaro und Odysseus, Papageno und Bud Spencer. Und meinem Vater danke ich, dass er uns vorgestellt hat.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Martin Eiermann, Alexander Görlach.

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