Stärke durch Mangel

von Claudia Wiesemann15.03.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Wissenschaft

Warum sollen wir Europäer versuchen, die solidarische Krankenversicherung zu retten? Weil wir damit die wissenschaftliche Medizin retten!

Die Verwissenschaftlichung der Medizin in den letzten 150 Jahren ist nicht denkbar ohne ihr Alter Ego, die solidarische Krankenversicherung. Denn seit der naturwissenschaftlichen Revolution im 19. Jahrhundert werden alle neuen therapeutisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse in den durch Krankenkassen finanzierten Krankenhäusern entwickelt. Das kollektive System der Krankenkassen lässt die Prinzipien Effektivität und Effizienz bei der medizinischen Behandlung in den Vordergrund treten. Denn die Ressourcen sind von Anfang an knapp. Die Kassen müssen mit beschränkten Einnahmen wirtschaften und diese nach objektivierbaren Kriterien verteilen. Knappheit initiiert einen Prozess, an dessen Ende eine qualitätskontrollierte, wissenschaftlich fundierte Standardversorgung steht.

Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der modernen Medizin

Wie viel Kapital an Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der modernen Medizin unter diesen Bedingungen in den letzten 150 Jahren erwirtschaftet wurde, zeigt sich darin, dass wir inzwischen bereit sind, mithilfe unserer Versicherungssysteme hochkomplexe, lang dauernde, selten angewendete und ausgesprochen teure Behandlungen wie Knochenmarkstransplantationen durchführen zu lassen und zu finanzieren, weil der Wert auch solcher Behandlungen systematisch erforscht und belegt werden konnte. Diese Qualitätsansprüche gelten auch für den behandelnden Arzt. Heute ist jeder Arzt auf der Basis wissenschaftlicher Kriterien ausgebildet worden. Vor 150 Jahren war das noch nicht der Fall. Der einen Patienten behandelnde Arzt kann ausgetauscht werden – und trotzdem garantiert das System weitgehend gleiche Qualität. Und schließlich ermöglicht es das kollektiv-solidarische System der Gesundheitsversorgung den meisten Ärzten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und zugleich ihre Fähigkeiten gerecht allen Patienten zugutekommen zu lassen. Dies entlastet den Arzt von einem in anderen Epochen grassierenden menschlichen und moralischen Dilemma, aus Gründen der Selbsterhaltung nur jene Kranken zu behandeln, die ihn bezahlen können.

Das System ist teuer

Für all diese Vorzüge muss auch ein Preis gezahlt werden. Das System ist teuer und wird immer teurer. Die Entscheidungen am Krankenbett werden von neuen Interessenkonflikten überschattet, denn der Arzt muss seine Verpflichtungen gegenüber seinem Patienten mit der Loyalität gegenüber seinem Arbeitgeber sowie den Interessen der Wissenschaft, der Krankenkassen, der Industrie und der Gesellschaft vereinbaren. Je umfangreicher die für das Gesundheitswesen bereitgestellten Mittel, desto mehr Fragen von Verteilungsgerechtigkeit treten auf. Übertherapie stellt jedoch in manchen Bereichen ein ebenso großes Problem dar wie Untertherapie. Diese Probleme können dazu verleiten, das System der solidarischen Krankheitsversorgung infrage zu stellen. Darüber lässt sich mit guten Gründen streiten. Kein Grund zur Liquidierung dieses Systems hingegen ist die Feststellung, jene Ressourcen, die innerhalb des Systems zu verteilen sind, seien knapp. Knappheit ist nicht die Folge, sondern der Ausgangspunkt des modernen Gesundheitswesens. Sie initiierte erst jene vertrauensgenerierende Matrix von Objektivität, Effektivität und Effizienz, die die Medizin von heute für jeden attraktiv macht. Das Modell war wie kein anderes zuvor in der Lage, soziales und finanzielles Kapital für die wissenschaftlich fundierte Gesundheitsversorgung der Bevölkerung aus der Bevölkerung zu akquirieren. Das öffentliche Gesundheitswesen ist teuer und droht noch teurer zu werden. Doch das ist ein Zeichen seiner überragenden Fähigkeit, Vertrauen zu generieren, und nicht der Beweis für sein Scheitern.

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