Wie der Hochadel über das Prinzip Verantwortung fällt

Claudia Simone Dorchain4.12.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Missbrauchte Prinz Andrew etwa eine Minderjährige? Die Vorwürfe spitzen sich weiter zu.

Ich schwitze nicht. Dieser Satz ist den Zuschauern in Erinnerung geblieben, die das Interview von Prinz Andrew mit der BBC am 18.11.2019 zum Thema seiner Verbindungen mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein gesehen haben.Das Interview, in dem der Prinz alle eigenen persönlichen Verwicklungen in kriminelle Handlungen leugnete, war als Strategie der Schadensbegrenzung und zur Steigerung des Ansehens der „Firma“, wie das britische Königshaus sich selbst gern ironisch nennt, gedacht – doch seine Wirkung erzielte weltweit das Gegenteil. Nur wenige Tage später nach diesem von der britischen Presse als verhängnisvolles „Trainwreck Interview“[1] (Gespräch im Stil eines Zugunglücks) bezeichneten Dialog trat Prinz Andrew von all seinen offiziellen Ämtern zurück. Das geschah angeblich freiwillig und mit ausdrücklicher Genehmigung seiner Mutter, Königin Elisabeth II, die in der Zeit ihrer 67-jährigen Regentschaft noch keins ihrer Kinder aus dem unbarmherzigen Blickwinkel der Medien entfernt hatte. Zeitgleich mit der Rücktrittserklärung wurde auch ein knappes Statement veröffentlicht, in dem der Prinz sich solidarisch zeigte mit den minderjährigen Opfern des Menschenhändlers Epstein und seiner Hoffnung Ausdruck gab, sie würden ihr Leben neu aufbauen können. Zugleich kündigte er an, im Rahmen seiner Möglichkeiten die notwendigen strafrechtlichen Ermittlungen gegen die Netzwerke des verstorbenen Bankiers zu unterstützen, um immerhin einen Teil der Gerechtigkeit wiederherzustellen. Zu wenig und zu spät, urteilten jedoch viele Presse-Experten – die britische Königsfamilie habe langfristig an Ansehen und Sympathie verloren, auch an moralischer Glaubwürdigkeit.

Der Grund dafür waren die widersprüchlichen Aussagen des Prinzen, aber auch seine offensichtlich fehlende moralische Bildung – ein gravierendes Problem, das sich nicht mal eben abarbeiten lässt, zumal von einem, der angeblich nicht schwitzt. Neben dieser medizinischen Unwahrscheinlichkeit sind auch weitere seiner Aussagen im Interview an der schillernden Grenze zwischen Logikfehler und Groteske: die Freundschaft mit dem Zuhälter minderjähriger Mädchen sei ihm zwar „unvorteilhaft“ [2] erschienen, doch dessen Privathaus in Manhattan sei auch nach dessen Verurteilung im Jahr 2008 noch ein „angenehmer Ort zum Aufenthalt“[3] gewesen. Solche Nonchalance im Ausdruck wirkte offensiv. Die Interviewerin Emily Maitlis – ganz britische Dame mit unterkühlter Contenance – sprang den Blutprinzen fast an, als er diese bagatellisierenden Äußerungen tätigte und die Verbindung mit Epstein in lakonische Worte fasste, die auch den schrägen Sitz seiner Krawatte hätten beschreiben können.[4] Jener selbst jedoch war sich des Dilemmas offenbar nicht im Geringsten bewusst: noch kurz nach diesen Offenbarungen soll Prinz Andrew, laut Insidern im Buckingham-Palast, von einem äußerst erfolgreichen Interview gesprochen haben.

Philosophisch betrachtet, ist diese auffällig mangelnde Selbstreflexion nicht nur ein individuelles psychologisches Problem des als Lieblingssohn der britischen Königin bekannten alternden Playboys, der in Kennerkreisen schon Jahrzehnte vor dem Epstein-Debakel als „randy Andy“ tituliert wurde. Es ist ein Ausdruck der gigantischen und mächtigen Subkulturen unserer Gesellschaft, die ihre ganz eigenen Moral-Kodizes erstellen und unerkannt nebeneinander leben wie, um Leibniz zu bemühen, „Monaden ohne Fenster“. Es ist zugleich auch ein Beweis einer verfehlten Erziehung in Hochadelskreisen, der trotz aller monetären und sozialen Privilegien eines fehlt – das Prinzip Verantwortung.

Wo Hochadel und Geldadel feiern, bleibt das „Moralin“ auf der Strecke

Schichten machen Sitten. Wo Hochadel und Geldadel feiern, sind Kokain und junge Escort-Damen so gewöhnlich wie Kaffeepads und Grundschullehrerinnen im Bürgertum. Soziale Kreise unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihres materiellen Status, sondern auch hinsichtlich ihrer Auffassungen von Moral – wobei jedoch die philiströse Saga vom angeblich so ehrenwerten Bürgertum versus dekadenten Adel ein längst überholtes Narrativ ist. Korruption ist heute in allen Gesellschaftsschichten verbreitet, und was sich mit der Nähe zur Spitze der gesellschaftlichen Pyramide steigert, scheint weniger die Korruption als solche zu sein, als vielmehr die Raffinesse der Blendung. Der Lieblingssohn der Königin war im Hochadel geboren und seit seiner Jugend mit dem Geldadel verbandelt, und wie ein Glas leicht die Färbung des Hintergrunds annimmt, hat auch er unmittelbar die moralische Färbung seines Herkunftskreises und seiner Wahlverwandtschaften angenommen. Man kann nun einen Menschen nicht deswegen moralisch-ethisch verurteilen, weil er die Gegebenheiten seines Herkunftskreises annimmt. Man kann ihn nur verurteilen, welche Kreise er sich aussucht, denn hier werden sein freier Wille und seine Urteilskraft, kurz seine Verantwortung zur Wahl offenbar. Bei den Wahlverwandtschaften wäre zudem auch eine weitere philosophische Tugend nötig gewesen, die im britischen Königshaus generell nicht weit verbreitet zu sein scheint, wenn man sich Prinz Charles´ frühere Freundschaft mit dem ebenfalls verurteilten Sexualstraftäter Jimmy Savile[5] ansieht: Unterscheidungsvermögen. Diese philosophische Tugend hieß früher auch „Diskretion“, womit nicht die Geheimhaltung gemeint war, sondern die Kunst der Menschenkenntnis, denn „discernere“ bedeutet „die Unterscheidung der Geister“. Hätte Prinz Charles erfasst, welchen Geist der psychopathische Täter Savile besitzt, hätte Prinz Andrew wahrgenommen, welchen Geist der notorische Agent Epstein hat, wären beide sofort auf Distanz gegangen. Doch ein offenkundiger Mangel an Unterscheidungsvermögen und somit auch an persönlicher Urteilskraft hat beide Prinzen in Verruf gebracht und bewiesen, dass sie nicht genügend Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen. Kritiker des Andrew-Rücktritts behaupten jedoch, hier sei mit zweierlei Maß gemessen worden und der ältere Bruder habe von der Presse lediglich eine sanfte Mahnung erhalten, während man den jüngeren Bruder in aller Öffentlichkeit abgestraft habe. Freunde des als Party-Prinzen bekannten Andrews führen an, dass es zahlreiche nachvollziehbare Entlastungsgründe für die Freundschaft mit Epstein gegeben hätte – Gründe, die sehr wohl auch eine Person mit intaktem Unterscheidungsvermögen hätte gelten lassen können. Deren Argumentation lautet, dass Epstein lange vor seiner Verurteilung ein Spinnennetz hochrangiger internationaler Kontakte in Adel, Finanzbranche, Unterhaltungsindustrie und Politik geknüpft hatte, das für dessen Partner zu wechselseitigen Win-Win-Situationen geführt habe. Prominente Namen wie Barack Obama, Bill und Hillary Clinton, und seinerzeit auch Donald Trump wurden mit der Epstein-Connection in Verbindung gebracht. Prinz Andrew selbst gab im Interview zu, dass er dem notorischen Agenten „dankbar“ [6] sei für die zahlreichen Kontakte, ein Dank, der körpersprachlich gedeutet durchaus authentisch erschien. An irgendeine Verbindung mit Virginia Roberts-Guiffre,[7] der Hauptanklägerin im Epstein-Prozess, die behauptete, von jenem als damals 17-Jährige zu sexuellen Kontakten mit dem Prinzen gezwungen worden zu sein, könne er sich nicht erinnern. Es wäre für Arglose immerhin möglich zu denken, dass die langjährige Wahlverwandtschaft des Lieblingssohns der Königin mit dem straffälligen Bankier sich auf eine Geschäftsverbindung begrenzt habe, mit den für jene Kreise wahrlich nicht ungewöhnlichen Sigmata – oder Stigmata – von Drogen und jungen Escort-Damen, von denen letztere im Zweifelsfall und im Rückblick aufgrund ersterer durchaus selten distinkt erinnert würden.

Macchiavelli wusste es besser: Wie der „Fürst“ die Gunst der Untertanen erhält – oder verliert

Doch die Problematik ist eine andere, als die Arglosen denken. Virginia Roberts-Giuffre war keine Prostituierte, wie sie im Interview abfällig tituliert wurde: sie war eher eine minderjährige Gefangene des verurteilten Sexualstraftäters und Geheimdienst-Agenten Epstein, der sein Netzwerk aus Politik, Wirtschaft, Adel und Unterhaltung nutzte, um ein zynisches Multi-Level-Marketing aufzubauen mit Vermittlung von Menschen als Sklaven, Drogen, Geschäftskontakten und Erpressung. Blickt man nur wenige Jahre zurück, erstaunt die in der Presse fast untergegangene Meldung, dass sich Prinz Andrews jüngere Tochter Prinzessin Eugenie intensiv mit Hilfsaktionen für moderne Sklaven beschäftigt hatte.[8] Wie kam die privilegierte englische Blutprinzessin überhaupt zu solcher Thematik und wo berührten sich ihre Lebenskreise mit Menschenhandel? Weshalb gibt es zahlreiche Fotos, die ihren Vater mit minderjährigen Mädchen im Ausland, deren Zustimmung offenbar fraglich ist, in eindeutigen Posen zeigen? Weshalb war die Hauptanklägerin im Skandal-Prozess hellhäutig, blond und blauäugig, ein von Prinz Andrews Geschäftskontakten im Orient bevorzugter Typus? Und weshalb gab jener vor, offenbar authentische Fotos nicht wiederzuerkennen? Vor dem Hintergrund solch massiven Belastungsmaterials, das Prinz Andrews PR-Berater im Vorfeld des fatalen Interviews vom 18.11.2019 bereits zur Eigenkündigung gebracht hatte, kann die lapidare Äußerung des Prinzen von der lediglich „unvorteilhaften“ Verbindung mit Epstein und seine erstaunliche Schutzbehauptung, er sei in allen Handlungen „zu ehrenwert“, nur wundern.

Eine elaborierte Rhetorik der Verantwortung, der Selbstreflexion und vor allem der Empathie mit den Opfern, wie es das verspätete Statement zur Erklärung seines Rücktritts versuchte, wäre das Mindeste gewesen, was man von dem Prinzen unter Tatverdacht erwartet hätte. Rechnet man entgegenkommend alles ab, was die Ermittler und Richter in Zukunft zu beurteilen haben werden, bleibt die Unfähigkeit eines Hochadligen, Unterscheidungsvermögen zu zeigen, sowie seine Rolle des Ehrenwerten zumindest zu spielen. Moralische Bildung hat sich offenbar als ein Luxusartikel erwiesen, den sich auch Multimillionäre nicht immer leisten können. Wäre ein Philosoph Prinz Andrews PR-Berater gewesen, hätte er diesen moralischen Bildungsmangel zwar nicht ausgleichen können, doch er hätte zumindest einen Rücktritt verhindert. Der Renaissance-Philosoph Macchiavelli hatte es bereits im Jahr 1513[9] erfasst: wenn ein Fürst herrschen will, braucht er nicht ehrenwert zu sein – er muss es lediglich sehr glaubwürdig vortäuschen. Geschickte Rhetorik könne oft wahre Ehrenhaftigkeit ersetzen in den Augen der Untertanen, es sei jedoch zwingend erforderlich, laut Macchiavelli, dass die Öffentlichkeit den schönen Worten vermeintlicher Tugend auch glaubt. Dazu jedoch müssen sie ausgesprochen werden, und zwar rechtzeitig, bevor sich ein Verdacht regt, und zwar so laut, dass sie scheinbar sogar tatsächlich kriminelle Taten verdrängen, und zwar so authentisch, dass sie Verantwortung selbst dort vortäuschen, wo sie nicht existiert. Doch dieser britische „Fürst“ von 2019 täuscht überhaupt nichts mehr glaubwürdig vor: weder Verantwortung, noch Ethik, noch Empathie kommen auch nur als Floskel im „Trainwreck-Interview“ vor, das sogar die macchiavellischen Regeln royalen Bluffs unterschreitet. Prinz Andrew beherrscht nicht einmal das Narrativ der Täuschung, wie es schon seit über 500 Jahren als beschwichtigende Propaganda des Hochadels empfohlen wird, um Glaubwürdigkeitsverlust und Revolten der Untertanen zu vermeiden. Er hat eine historische Tradition verschwitzt.

[1] https://www.abc.net.au/radionational/programs/breakfast/world-news-with-matt-bevan-prince-andrew-jeffrey-epstein/11720222

[2]https://www.bbc.com/news/uk-50451953

[3] Ebd.

[5] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/jimmy-savile-der-kinderschaender-11921096.html

[6] https://www.bbc.com/news/uk-50451953

[7] https://www.thetimes.co.uk/article/prince-andrew-should-be-in-jail-says-epstein-accuser-virginia-roberts-giuffre-d98wmzsjg

[8] https://theantislaverycollective.org/our-team/

[9] Niccolò di Bernardo die Macchiavelli, Il principe (1513)

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