Hat der Feminismus der Dritten Welle philosophische Wurzeln?

Claudia Simone Dorchain22.05.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Für Judith Butler ist die Sprache, mehr noch als die Sozialisation, das wirkende Konstitutivkriterium, welches das Geschlecht festschreibt und es in gewisser Weise überhaupt erst definiert. Ein Mensch weiblicher Biologie kann laut Butler ein Mann sein, wenn er sich als solcher bezeichnet.

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„Feminismus“ bedeutet laut Definition eine sozial-juridische Bewegung, welche auf gleiche Menschen- und Bürgerrechte der Frau abzielt, und daher mit der Forderung der Vollendung realstaatlicher Anerkennung weiblicher Menschenwürde ideologisch aus dem Substrat des Humanismus und der Aufklärung erwächst. Die sozial-legale Bewegung des Feminismus war jedoch über die Epochen hinweg nicht homogen, sondern hat historisch gesehen in drei durchaus heterogenen Wellen stattgefunden. Die erste Welle (um 1882-1945), figurativ ausgeübt durch Proteste der sogenannten Suffragetten und vieler vehementer Sozialistinnen wie Clara Zetkin, zielte auf gleiche politische Bürgerrechte für die Frauen ab, Zulassung zu Wahlen und Universitäten.[1] Die zweite Welle (um 1949-1990), inspiriert durch Simone de Beauvoirs Werk „Das andere Geschlecht“, hatte die volle rechtliche und berufliche Gleichstellung der Frau zum Ziel und erhob im Zuge der Studentenproteste in den 1960er und 1970er Jahren die Parole, auch das Private sei stets politisch. Sowohl die erste, als auch die zweite Welle des Feminismus, setzten sich somit Ziele, die trotz aller epochentypischen Färbungen und zeitverhafteten Akzente in der Umsetzung mit der Realisierung von Menschen- und Bürgerrechten für die Frau identifiziert werden konnten, was heute von keinem vernünftigen Denker mehr abgelehnt werden dürfte, der einen Begriff von aufgeklärtem Rechtswesen hat. Die dritte Welle (seit Mitte der 2000er Jahre) hingegen scheint kein eindeutiges Ziel mehr zu haben, verwirrt sich schon sprachlich in Pluralismen, möchte formaljuristisch das dritte Geschlecht anerkennen, allein in Deutschland 250 Lehrstühle und Zentren rechtfertigen, Gender-Deutsch einführen, Gender-Ideologien aufbrechen – oder möchte sie solche überhaupt erst herstellen? Ein kritischer Blick aus der Sicht der Philosophie auf die Rechtfertigungstraditionen des „third wave“ Feminismus und die geistigen Vorläufer im Werk von Judith Butler, die noch heute gern, und immer wieder, von Gender-Ideologen zitiert wird.

Der Feminismus dritter Welle

Der Feminismus dritter Welle, maßgeblich inspiriert durch Judith Butlers Werke, hat zwei philosophische Rechtfertigungstraditionen, die ihrerseits sehr fragwürdig waren und sind: den Existenzialismus und die Sophistik. Im Folgenden werden diese beiden Rechtfertigungstraditionen kritisch beleuchtet. Der Existenzialismus ist die – in der Philosophiegeschichte eigentlich schon nicht mehr aktuelle, historisch überkommene – Tradition, die menschliche Existenz als generell undefinierten, deutungsoffenen Ausgangspunkt eines Seins anzusehen, welches sich allein durch eigenen Willen präzisiert. Der Mensch „ist“ nicht, er „wird“, entsprechend seines Willens. Seinen Siegeszug startete der Existenzialismus mit Jean-Paul Sartres Schrift „Das Sein und das Nichts“, in der er signifikante Sätze prägte wie: „Der Mensch existiert zuerst, und definiert sich danach“.[2] Die humane Existenz als im Ursprung nicht gerichtetes, und erst in der späteren Entfaltung durch den Willen selbst definiertes Sein war in der Entstehungszeit des Existenzialismus ein Protest vor allem gegen theologische Hardliner auch in der Philosophie, welche den Menschen in ein enges Begriffs- und Definitionskorsett zwingen wollten. Hiermit wurde die abendländische Ontologie (Lehre vom Sein) direkt auf den Kopf gestellt, die seit dem scholastischen Mittelalter von einem Essentialismus ausging, welcher behauptet, das Sein sei vorkonfiguriert und durch den Willen des Individuums nicht zu verändern. Als Aufbruchsbewegung war der Existenzialismus historisch gesehen sinnvoll, doch in seiner weiteren Entfaltung zeichnete sich immer deutlicher ab, dass der Moralismus mit seinen Sollforderungen und im Grund sogar die Dogmatik, von der man sich doch protestierend abheben wollte, nie wirklich überwunden wurde. Der Feminismus dritter Welle re-animiert die tote Tradition des Existenzialismus mit seinem Willens-Primat also erneut, ohne jedoch aus deren substanziellen Unzulänglichkeiten gelernt zu haben, noch auch, deren Selbstwidersprüche zu kennen, geschweige denn, darauf eine Antwort parat zu haben. Für die Frontperson Judith Butler ist es klar, dass sich binäre Geschlechterrollen erst als patriarchales Konstrukt herausgebildet hätten und dass sich ferner männliche und weibliche Existenzen nicht biologisch-essentiell vorfänden, sondern erst existenzialistisch, genauer durch willentliche Sprechakte, überhaupt konfigurieren.[3] Der Mensch ist laut Butler also nicht als Mann oder Frau definiert, sondern wird dazu gemacht – und zwar nicht, wie Simone de Beauvoir glaubte, durch die Sozialisation, sondern auch maßgeblich durch die Sprache.

Diese Auffassung setzt den Existenzialismus fort, jedoch ohne eine Theoriekritik. Die Unzulänglichkeit des Existenzialismus ist, dem Hauptvertreter Jean-Paul Sartre zufolge, dass es sich um eine „postulatorische“ Philosophie handele. Postulatorisch bedeutet „fordernd, eine Forderung darstellend“. Eine postulatorische Philosophie hat nicht reale Verhältnisse zum Ursprung, sondern fiktive, welche sie in irgendeiner denkbaren Zukunft ansiedeln möchte: sie ist idealistisch-utopisch. Natürlich haben auch Utopien durchaus ihren Platz in der Philosophiegeschichte, teils aus historisch-systematischen Vollständigkeitsgründen, teils, weil man sie mitunter nutzen kann, um bestehende Verhältnisse kreativ weiterzudenken. Weltbekannte Utopien wie Platons „Staat“, der nie und nirgends realpolitisch umgesetzt wurde, Thomas Morus´ “Utopia“ als Modell einer fiktiven Gesellschaft, und Henry David Thoreaus Werk „Walden“ vom freiwilligen Leben außerhalb der Zivilisation – um nur wenige zu nennen – sind utopische Werke, die lesenswert sind und über die man zu Recht nachdenken kann. Nichtsdestoweniger handelt es sich bei all diesen, und vielen anderen, utopischen Klassikern sachlich um literarische Fiktionen mit Forderungs-Charakter, und moderne Utopien, die zum Klassiker werden könnten, sind ebenfalls genau das: literarische Fiktionen mit Forderungs-Charakter. Zur Lösung aktueller Fragen oder auch nur zur Formulierung tatsächlicher Probleme können utopisch-postulatorische Philosophien jedoch nichts beitragen, da lösungsorientiertes Denken von der Empirie ausgeht und nicht von in die Zukunft projizierten Forderungen. Weder Platons edler Wunsch, eine Gesellschaft der Zukunft vom Philosophenkönig leiten zu lassen, noch Morus´ Vision der besten Staatsverfassung, noch Thoreaus von Jean-Jacques Rousseau inspirierte Wald-Romantik waren je wissenschaftliche Arbeiten oder Gebrauchsanweisungen für die Empirie, und systematisch in eine ähnliche Kategorie fallen derzeit Forderungen wie die, das eigene Geschlecht sei das Produkt eines willentlichen Sprechakts. Was Butler verkennt, und mit ihr ihre Gefolgsleute, ist, dass eine utopische Postulatorik zwar völlig zulässig ist in der Ideengeschichte, aber keine Problemlösung darstellt, ja nicht einmal zur sachlich-realitätsnahen Problemformulierung ausreicht.

Die zweite Rechtfertigungswelle des Feminismus

Die zweite Rechtfertigungstradition des Feminismus dritter Welle ist die Sophistik. Die „Sophisten“ waren zu Platons Zeiten Wanderlehrer, die für viel Geld versprachen, jeden beliebigen Bürgerssohn in Athen redegewandt und weltklug zu machen mit ihren käuflichen Lektionen vermeintlichen Wissens. Hierbei handelte es sich jedoch oft nicht um solides Wissen, am wenigsten im Dienst der Wahrheitsfindung, sondern vielmehr um eristische Dialektik (rhetorische Tricks),[4] Wortsalat und Trendbegriffe, wie sie schon in der Antike als Mittel zur gezielten Verwirrung des Redegegners und zur Aufbauschung des eigenen Egos im Schwange waren. Aus diesem Grund, die wortgewaltig aber inhaltsarm auftretenden Sophisten als eitle Pfauen darzustellen, die ihr sinnfreies Rhetorik-Rad zur Selbstdarstellung schlagen, hatte Platon seinerzeit den sehr witzigen Dialog “Protagoras” verfasst, in dem ein Phrasendrescher gleichen Namens sich gegen Sokrates´ Technik der Wahrheitssuche zu behaupten versucht[5]   – ein übrigens heute noch immer absolut lesenswertes Buch, gerade in der aktuellen Sprachverwirrung der „fluiden“ Gender-Begriffe bar der Substanz.

Judith Butler und die Sprache

Für Butler ist nun die Sprache, mehr noch als die Sozialisation, das wirkende Konstitutivkriterium, welches das Geschlecht festschreibt,[6] und es in gewisser Weise überhaupt erst definiert. Ein Mensch weiblicher Biologie kann laut Butler ein Mann sein, wenn er sich als solcher bezeichnet, indem die Sprache Macht über biologische Empirie erhielte. Sprache als Machtausübung über Seiendes ist jedoch nicht nur ein alter sophistischer Gedanke, der einst Protagoras antrieb, um jeden Preis Recht behalten zu wollen im Rededuell gegen Sokrates, sondern auch ein Gedanke des magischen Weltbilds, das in christlichen und hinduistischen Quellen unvermindert vorhanden ist. Dieser magische Gedanke der Identität von Wort und Signifikat, von Bezeichnung und Bezeichnetem, ist in Ost und West ähnlich: von Christus heißt es, er sei das ausgegangene Wort,[7] und ein bekannter indischer Weisheitstext – die „Wald-Upanischade“[8] – nimmt ihren Namen daher, dass man ihren Wortlaut nicht innerhalb geschlossener Räume aussprechen dürfe – so stark sei ihre magische Wirkung, dass bei leichtfertigem Aussprechen der Worte die Gegenstände im Raum sich telekinetisch bewegen würden. Diese Vorstellung, ein Wort bewirke tatsächlich Veränderungen innerhalb der physikalischen Welt, ist interkulturell eine Grundlage der Magie. In einer hinlänglich bekannten, profanen Form gehört sogar das populäre „Anfeuern“ der Lieblingsmannschaft im Fußballstadium zur Magie: das Wort ist hier nicht bloße phonetische Äußerung oder Sympathiebekundung, sondern eine eigene Entität, die dem Machtgewinn der Angesprochenen dienen soll, die ihnen gleichsam zur Seite stehen soll als unsichtbarer, aber wirksamer Mitspieler.

Butlers Sprachmagie und der Feminismus dritter Welle geht über Werkzeugtheorien der Sprache, wie sie einst Max Horckheimers und Theodor Adornos „Dialektik der Aufklärung“ verstand – Begriffe seien Instrumente, um die Wirklichkeit zu „packen“[9] – hinaus und bedient den alten magisch-sophistischen Wahn, Worte seien nicht nur instrumentell (als Werkzeug), sondern auch existenziell (als ein Sein) Wirklichkeit. Das ausgesprochene Wort sei nicht nur Machtausübung durch den innewohnenden Bedeutungsgehalt, es sei gleichsam auch eine eigene Realität, die Macht verleiht, die sogar Macht ist, die ist. Kurz, Butlers Grundidee, Geschlecht entstünde nicht nur existenzialistisch durch willentliche Selbstdefinition, sondern vor allem prozessual durch sprachmagische Akte, ist eine sophistische Re-animierung der Beschwörung.

Für Michel Foucault sind die Sophisten von großer Wichtigkeit im Hinblick auf ihre Verwendung der Sprache:[10] Sprache ist Macht für die Sophisten, darüber hinaus bedeutet das gesprochene Wort hier ein gleichsam Materielles. Was sie aussagen, muss nicht wahr sein im logischen Sinn, hat jedoch durch den gleichsam magischen Akt des Sprechens eine eigene Existenz. Im Extremfall glaubt ein Sophist, ihm führe tatsächlich ein Räderwerk durch den Mund, wenn er den Begriff „Wagen“ nennt, oder ein Butler-ist glaubt, vom entgegengesetzten Geschlecht zu sein, sofern er diese Selbstdefinition ausspricht. Hier geschieht, von Feministen dritter Welle unbemerkt, eine subtile Gewalt, die der temporäreren Festschreibung. Die Gleichsetzung von Begriff und Signifikat führt auch dazu, dass der Sprecher auf das, was er gesagt hat, festgelegt wird – weniger, um Argumentationsbrüche und Selbstwidersprüche zu verhindern (Sophisten und Queer-Aktivisten problematisieren Selbstwidersprüche kaum), sondern vielmehr, weil das Ausgesprochene als etwas galt, was wirklich ist, und worauf man sich als etwas Existentes beziehen muss. Für die Sophisten war der Logos „ein Ereignis, das ein für alle Mal stattgefunden hatte“.[11] Zu sagen, was ist, ist sophistisch gesehen nicht nur Machtausübung, sondern auch Realitätskonstruktion und Geschichtsgründung – ein bizarres Unterfangen, welches Judith Butler und ihre männlich-weiblich-diversen Gefolgsleute zu aktualisieren versuchen.

Ein Feminismus der dritten Welle, der sich ideologisch aus Existenzialismus und Sophistik als seinen philosophischen Traditionslinien speist, hat keine Berechtigung, als aufgeklärtes Konstrukt zu gelten, das die humanistisch-legalen Ziele zum Inhalt hat, welche die ersten beiden Wellen des Feminismus inspirierten.

 

Fussnoten

1 Friedrich Nietzsche setzte sich in der 1887 erschienen Streitschrift „Die Genealogie der Moral“ erstmals kritisch mit dem seinerzeit unerhört neuen Begriff „Feminismus“ auseinander.

2 Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, Paris 1943, S. 42.

3 Vgl. Hannelore Bublitz: Judith Butler zur Einführung. 3. Auflage, Hamburg 2010, S. 23

4 Eristische Dialektik: Streitkunst, die Kunst, Recht zu behalten per fas et nefas

5 Platon, Protagoras, vgl. Michel Foucault: Die Wahrheit und ihre juridischen Formen, Paris 1975, S. 136f.

6 Judith Butler: Gender Trouble, (Dt. Das Unbehagen der Geschlechter), Frankfurt 1991

7 Joh. 1, 1-2

8 Chandogya Upanishad, hrsg. UNESCO-Sammlung repräsentativer Werke, Asiatische Reihe, Universal-Bibliothek 8723, Stuttgart 1966

9 Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt a.M. 1987 (1944), S. 87

10 M. Foucault: Die Wahrheit …, S. 136f.

11 ebenda, S. 137

 

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