Unser Glück verpflichtet uns zum Kampf. Jean Ziegler

Ist die Gewalt etwas der Religion Immanentes?

Religion als Konzept stiftet nicht per se Frieden, Gewaltfreiheit und Ethik, sondern muss wie alle Einrichtungen innerhalb eines aufgeklärten Gemeinwesens einer Kritik unterzogen werden, ist sich Claudia Simone Dorchain sicher.

Der amerikanische Traum. Die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum bezeichnet in ihrem noch heute stark beachteten Werk „Upheavals of thought“ von 2001 die Religionen als eine Vorstufe der gewaltfreien Gesellschaft. Sie behauptet, dass alle Religionen ein unverzichtbarer Teil des menschlichen Zivilisationsprozesses seien und dass sie durch ihre Betonung von Recht und Ordnung, Sitte und Moral gleichsam eine Grundausbildung in Ethik leisteten, die jeder Gläubige nur zu verinnerlichen bräuchte, um so das Paradies auf Erden verwirklichen zu können. Ethik, Gewaltfreiheit und Frieden seien erklärte Entwicklungsziele der Zivilisationen, die wiederum entscheidend durch Religionen gefördert würden.

Moment bitte, liebe Frau Nussbaum: sprechen Sie in ihrer philosophischen Hypothese von der Religion als angeblichem Ethik-Nachhilfeunterricht und globalem Friedensstifter etwa von real existierenden Religionen? Sprechen Sie bei der Ethik-Nachhilfe vom Christentum, das bekanntlich Jahrhunderte lang Hexenverfolgungen und auch Genozide in den Kolonien angezettelt hat und aktuell unter Missbrauchsskandalen seine ethische Glaubwürdigkeit riskiert? Meinen Sie beim globalen Friedensstifter Religion den Islam, der den Krieg gegen die Ungläubigen als gottgefälliges Werk postulieren und Kinder verheiraten kann und auch „moderates Prügeln der Ehefrau“ als konform mit der Religion ansehen mag? Oder meinen Sie mit der zivilisationsfördernden Wirkung der Religion den im Westen oft so unkritisch betrachteten Hinduismus, in dem Mitgiftmord, Kasten-Rivalitäten mit tödlichem Ausgang und Witwenverbrennungen noch heute so gebräuchlich sind, dass Polizeistatistiken jene Verbrechen einfach hochrechnen?

Es ist wohl für den kritischen Denker offensichtlich, dass Frau Nussbaum keine real existierende Religion gemeint haben kann mit ihrer Gleichsetzung von Religion und Friedens- und Zivilisationsförderung. Was sie hier meint, ist ein abstraktes Konzept der Religion als Meta-Ebene menschlicher Reflexion und Handlung: wer irgendeiner Religion angehört, hätte ein Regelwerk von ethischen Pflichten zur Hand (ob er es befolgt oder nicht), und dieses sei bereits ein entscheidender Schritt in der Zivilisationsgeschichte. Die Religion sei somit gleichsam ein historisches Scharnier zwischen einer vorzivilisatorischen Stufe, in der noch das barbarische Recht des Stärkeren gälte, und einem philosophisch aufgeklärten Gemeinwesen, das auf einem gewaltfreien Gesellschaftsvertrag basiere. Insofern, können wir aus Nussbaums zeithistorischer Entwicklungslinie folgern, gäbe es auch Zivilisationen, die noch keiner Religion fähig seien, und andererseits auch solche, die sie nicht mehr nötig hätten. Das Problem mit Blick auf die heutige globale Gesellschaft, möchte ich ergänzen, ist jedoch, dass es solche linearen Entwicklungslinien nicht mehr gibt: unterschiedliche Stufen der Zivilisation existieren nebeneinander, miteinander und – immer öfter – gegeneinander. Hier beginnen auch die globalen Probleme, die Nussbaum geflissentlich übersieht.
Zur Ehrenrettung der Religion muss an dieser Stelle betont werden, dass es eine Unterscheidung zwischen der Religion als Konzept und der religiösen Institution als solcher gibt. Religionen als Konzept beinhalten mitunter ethisch relevante Regelwerke innerhalb ihrer schriftlichen Überlieferung oder ihrer kulturell maßgeblichen Beiwerke und Auslegungen. Es lässt sich nicht bestreiten, dass einzelne Psalmen, Hadiths oder Upanischaden wahre Aufforderungen zum Mitgefühl mit Lebewesen und oft sogar im philosophischen Sinn Ratschläge zum gelingenden Leben darlegen, während die traditionale Brauchtumskultur dem zuweilen diametral entgegengesetzt sein mag und religiöse Institutionen als solche alle Vor- und Nachteile der Institutionalisierung tragen und real primär dem eigenen Machterhalt dienen. Insofern könnten Kritiker von Nussbaums These von der „Religion als Friedensstifter“ anmerken, dass Religion als Konzept mitunter friedliebend ist, religiöse Institutionen jedoch seit ihrem initialen Bestehen, und zwar unabhängig von ihrem jeweiligen Kulturkreis und der Epoche, an Korruption kranken. Diese Unterscheidung wäre sowohl sachlich als auch philosophiehistorisch korrekt, betrachten wir die Gewaltakte und Kriegstreibereien, in die fast alle religiösen Institutionen bis heute verwickelt sind.

Doch betrachten wir Nussbaums These der Friedensreligion philosophiesystematisch, untersuchen wir also, was Religion an sich – unabhängig vom Zeitkolorit und vom Versagen der Institutionen – bedeuten kann, ergibt sich eine ganz andere Problematik, die sich nicht auf Skandale der Institutionen oder einzelner Würdenträger reduzieren lässt. Der lateinische Begriff „re-ligere“ heißt „Rückverbindung“, hier gemeint als eine Verbindung des menschlichen Bewusstseins mit seinem Ursprung. Auch der beliebte Sanskrit-Begriff „yoga“ bedeutet ursprünglich etwas ganz Ähnliches. Die allen Religionen hier systematisch zugrundeliegende Idee ist die, dass es einen primordialen Ursprung des Seins gäbe, aus dem alles Seiende – also auch der Mensch – entstammt, dem gegenüber er Rechenschaft ablegen muss und in den er zurückkehrt nach seinem Leben auf der Erde. Ob die Erschaffung des Seins aus dem Nichts oder aus Etwas entstünde, die Rechtfertigung des Menschen sich in einem Jüngsten Gericht oder im Jenseits vollziehe und die Verkörperung einmalig oder mehrfach wiederholt geschehe, ist Auslegungssache, gleich ist allen Religionen jedoch dieser Anspruch: der Mensch sei nicht aus sich selbst, ergo existenziell abhängig von einer seiner Kräfte übersteigenden Erstursache namens Gott. Der Mensch, der nicht „causa sui“, Ursache seiner selbst sei, erfährt neben dem Rechtfertigungszwang gegenüber dem machtvollen Seinsgrund auch die Fremdbestimmung durch ihn. Natürlich stellte diese Fremdbestimmung des Menschen, die in jedem religiösen System immanent ist, ein großes Problem für die Philosophen dar: eine jede Emanzipationsbewegung, eine jede Neuentdeckung des Ichs, wie sie sich kulturgeschichtlich alle paar Jahrhunderte wieder am Horizont abzeichnet, hatte die menschlich-intellektuelle Gegenwehr gegen die Gewalt des großen Anderen im Sein zum Ursprung. Die Mensch-Gott-Kluft zu überwinden machten sich primär zwei philosophische Richtungen auf: die Mystik, die durch die Praktik der „unio mystica“, das Versenken in den als göttlich apostrophierten Ursprung, die Trennung zwischen Ich und Gott aufheben will, und andererseits die Renaissance und Aufklärung, die den Menschen vom Abhängigkeitsdenkens befreien und in den Mittelpunkt eines von ihm gestalteten, hinterfragbaren Welt-Werks stellen will. Für den Historiker Hans Blumenberg ist die Auflehnung des Menschen gegen den allmächtigen Gott die Geburtsstunde der Moderne, und er nennt sie in seinem gleichnamigen Werk „Die Legitimität der Neuzeit“. Denn der Glaube, von Göttern abhängig zu sein, sei inhärente Gewalt, das Konzept des Götterglaubens an sich (unabhängig von der Qualität der Institutionen) beruhe auf dem Gewaltakt einer ontologischen Asymmetrie, die weitere Gewalt zeitigen oder rechtfertigen kann. Insofern ist die Frage, ob dem Konzept der Religion Gewalt immanent ist, so beantwortet: ja – denn jede Religion basiert auf ontologischer Asymmetrie, und diese Kluft zwischen Sein und Seiendem ist selbst dann gärender Grund der Gewalt in der Psyche des Menschen, wenn gerade keine Ausschreitungen im Namen Gottes begangen werden.

Der amerikanische Traum vom Zaubermittel Religion, das den Menschen zivilisiert und sukzessive zur Gewaltfreiheit führt, unterschreitet die Probleme der Systematik jedes Glaubens, der auf einer grundsätzlichen Machtasymmetrie Mensch-Gott beruht, die nur von innerpsychischen Frustmomenten oder Problemen des Gruppenzusammenhalts entzündet werden muss, um sich in ein Fanal der Gewalt zu verwandeln. Religion als Konzept stiftet nicht per se Frieden, Gewaltfreiheit und Ethik, sondern muss wie alle Einrichtungen innerhalb eines aufgeklärten Gemeinwesens einer Kritik unterzogen werden. Wir leben in einer modernen und globalen Welt: Nussbaums These von der Religion als Friedensstifter will sich 650 Jahre nach Beginn der Renaissance und rund 250 Jahre nach Kants Essay „Was ist Aufklärung?“ etablieren und muss sich daran messen. Weder ist ihre Vision gewaltfreier Gesellschaften kraft der Religion ein selbstbestimmter Versuch im Sinne der Renaissance, sich in Freiheit von einer göttlichen Allmacht zu definieren, noch dient sie der öffentlichen Rechtfertigung wie die Debatten der Aufklärer; vielmehr zeigt ihr großenteils unkritischer Aufgriff in Medien und Forschung, wie sehr wir noch immer in einem historisch transienten Zustand leben, in dem Aufklärung angestrebt, aber noch nicht verwirklich ist.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Konstantin von Notz, Open Doors, Eckhard Nordhofen.

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