Das Zeitalter der Pandemien könnte gerade erst beginnen | The European

All the Glory to Prevention - Jetzt gegen künftige Krisen wappnen

Claudia Schmidtke15.06.2021Medien, Wissenschaft

Das Zeitalter der Pandemien könnte gerade erst beginnen. Davon ist die Bundestagsabgeordnete und Ärztin Claudia Schmidtke überzeugt. Deutschland müsse sich auf zukünftige Krisenszenarien vorbereiten und resilienter werden: Das ist für Schmidtke eine der wichtigsten Lehren aus der Covid19-Pandemie. Von Prof. Dr. Claudia Schmidtke.

Leben wir im pandemischem Zeitalter?

Wir bangen, ja wir fiebern dem Ende der Covid19-Pandemie entgegen, die uns seit Frühjahr 2020 lähmt, wüten lässt, müde macht und auseinandertreibt. Wir freuen uns darauf, Freiheiten zurückzugewinnen, die für uns selbstverständlich waren. Und darauf, irgendwann unseren Kindern und Enkeln von dieser Zeit erzählen zu können. Von der Bedrohung, vom Chaos, von den Beschränkungen. Wir freuen uns darauf, dass es endlich vorbei ist.

Doch machen wir dabei nicht denselben Fehler wie zuvor? Diese Hoffnung auf das Danach fühlt sich ähnlich an wie am Ende des Kalten Krieges. Damals wollten wir damit beginnen, die Panzersperren in den Grenzstädten abzubauen, die wöchentlichen Alarmsirenen abzuschaffen und die Bunkeranlagen aufzugeben. Hinter uns liegen nun Jahrzehnte der Beruhigung, der Konzentration auf die schönen Themen der Politik, aber wir haben uns nicht auf das vorbereitet, was passieren könnte.

Prävention wird unterbewertet

„There is no glory in prevention“ lautet der Satz, der dieses Phänomen beschreibt. Niemandem wäre vor zehn Jahren in den Sinn gekommen, einer Politikerin auf die Schulter zu klopfen, die zur Vorbereitung auf den größtmöglichen Schadensfall ermahnt hätte; die auf die Ausarbeitung von Plänen, regelmäßige Übungen und die ausreichende Ausstattung mit Mitteln gedrängt hätte.

Wir haben deshalb vielleicht noch Pläne geschrieben, aber nicht geübt. Wir haben den öffentlichen Gesundheitsdienst geschrumpft, weil wir ihn nur mit der Ausstellung von Gesundheitszeugnissen verbanden. Wofür braucht man da schon so viel teures Personal? Wir haben ein Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe an die letzte Stelle der Meldekette gesetzt. Wir haben seine Mitarbeiter als Nerds betrachtet, die Listen für Prepper fertigen, also solche Menschen, die tatsächlich die Nahrungsmittel und das Wasser zu Hause horten, falls der Atomkrieg doch ausbricht.

So oder so ähnlich haben wir gedacht – als Bürgermeister, Ratsfrauen, Abgeordnete. Und wenn es tatsächlich mal engagierte Präventionspolitiker in der Kommune, im Land oder Bund gegeben hat, waren sie dem kritischen Achselzucken im Haushaltsausschuss einsam ausgeliefert.

Das muss sich ändern. Und genau dies sollte uns doch in der Covid19-Pandemie deutlich vor Augen geführt worden sein. Unser Land muss krisenfester werden, es muss sich wieder daran orientieren, dass für alle Träume von einer besseren Welt auch immer und in allen möglichen Katastrophenfällen zunächst die Grundbedürfnisse gesichert sein müssen: die nach dem festen Dach über dem Kopf, der Belieferung mit Strom, Wasser, Lebensmitteln, Gesundheitsversorgung.

Resilienz ist notwendig

Das Zauberwort lautet: Resilienz. Wer sich in Krisenreaktionen zu behaupten weiß, der lebt auch in guten Momenten besser. Dabei sind die Resilienzeigenschaften in Menschen durchaus vergleichbar zu denen in Gesellschaften. Resiliente Menschen sind ausgeglichen, anpassungsfähig und kreativ. Das Gegenteil von Resilienz ist die Verwundbarkeit, die Vulnerabilität. Wer darunter leidet, sucht häufig die Verantwortung für eigene Fehler bei anderen und verläuft sich unter Stress in Selbstzweifeln. Kommt uns das nicht aus der öffentlichen Debatte in Deutschland im Jahre 2021 bekannt vor?

Das Hauptproblem dabei ist, dass wir, dass die öffentliche Debatte, auch jetzt wieder nur um die Bewältigung der aktuellen Krise und nur dieser Krise rotieren. Es herrscht das allgemeine Gefühl vor, dass wir mit der Implementierung von Werkzeugen dann auch eine nachhaltige Wirkung für weitere Krisen geschaffen hätten.

Hier gewinnt leider eine trügerische Hoffnung, wo ein klarer Blick angebracht wäre. Denn so ungern wir es uns eingestehen wollen: Die vernetzte Gesellschaft und unser enges Zusammenleben fördert auch weiterhin die Entstehung von Zoonosen, d.h. Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden, und erleichtert ihre Ausbreitung über die ganze Welt. Das Zeitalter der Pandemien ist nicht vorbei, sondern könnte gerade erst beginnen.

Noch verzwickter wird die Lage, wenn wir uns die unterschiedlichen Voraussetzungen ansehen, die sich durch unterschiedliche Ausprägungen eines Infektionsgeschehens an die Präventionsarbeit stellen. Die SARS-CoV2-Pandemie ist stark durch die hohe Ansteckung geprägt, die insbesondere durch asymptomatische Verbreitung angetrieben wird: Menschen sind ansteckend, merken es aber nicht. Zwar ist die Letalitätsrate im Vergleich mit SARS oder MERS in den jüngeren Altersgruppen deutlich geringer, doch sind die Älteren erheblich stärker von tödlichen Verläufen bedroht. So weit, so bekannt.

Doch was wäre, wenn ein Virus andere Ausprägungen hätte? Zum Beispiel eine höhere Todesrate bei Jüngeren statt bei Älteren, aufgrund bestimmter immunologischer Werte? Das öffentliche Leben, das ja zu großen Teilen in der bestehenden Pandemie noch am Laufen gehalten werden konnte, wäre erheblich bedrohter. Die Grundversorgung mit Lebensmitteln, Strom und Entsorgung könnte schon aufgrund des Selbstschutzes der dort tätigen Angestellten und ihrer Kinder zum Erliegen kommen. Von den Sicherheitsgaranten bei Polizei, Feuerwehr und Gesundheitswesen ganz zu schweigen. Wir hätten nun völlig andere Anforderungen an die Bewältigung – organisatorisch und gesellschaftlich. Darüber muss man reden, darüber muss man nachdenken.

Katastrophenszenario Stromausfall

Apropos Grundversorgung: Sie wäre ja klassischerweise nicht nur durch Viren bedroht. Wer den Roman „Blackout“ von Marc Elsberg aus dem Jahr 2012 noch nicht gelesen hat, sollte das nachholen. Er handelt von einem europaweiten Stromausfall und seinen Folgen. Schon nach wenigen Tagen beginnen sich die zivilisatorischen Regeln spürbar aufzulösen. Denn wo kein Strom ist, ist in unserer elektrifizierten Gesellschaft kaum noch etwas: keine Kommunikation, keine Kühlanlagen, kein Geld, abgeschaltete Krankenhäuser, Länder mit rapide abnehmender Staatsgewalt.

Das ist ein weiteres Beispiel dafür, dass unsere derzeitige pandemiebewältigende Lernkurve bei künftigen Krisen kaum noch einen Nutzen haben könnte. Denn wo digitale Instrumente durch zentrale Notfallbettenregister, die Corona-Warn-App oder die Digitalisierung der Kontaktverfolgung in den Gesundheitsämtern dringend notwendig war, würden sie uns schon im Falle eines Ausfalls der Stromversorgung als durchaus naheliegende Folge einer Krise nichts mehr nützen. Dass wir in der Pandemie wenig über analoge Redundanzen nachgedacht haben, ist verständlich. Es im Anschluss nicht zu tun, wäre dagegen gefährlich.

Denn derartige Ausfälle der Energieversorgung könnten vielfältige Ursachen haben: Naturkatastrophen, Cyberattacken durch internationalen Terrorismus oder verfeindete Staatsregime, sogar konventionelle Angriffe. Doch diese erscheinen uns heute ebenso unwahrscheinlich wie im Jahr 2019 eine weltweite Pandemie mit einem Coronavirus.

Vielleicht haben wir im Verlauf des letzten Jahres eine Ahnung davon bekommen, was Katastrophen und andere ungewöhnliche Ereignisse für uns bedeuten können. Und auch wenn zu keinem Zeitpunkt in Deutschland die Grundversorgung mit Wärme, Strom, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung gefährdet war, hat sich der eine oder andere vielleicht auch die Frage gestellt: Was wäre, wenn?

Wer dies in jedem Fall tun sollte, sind Politik und Verwaltung, und zwar in allen inhaltlichen Bereichen und auf allen Ebenen. Die Frage Was wäre, wenn? ist der Auftakt jeder Krisenprävention. Was wäre, wenn wir über mehrere Tage keinen Strom haben, kein Abwasser, keine Lebensmittel? Was wäre, wenn wir über längere Zeit nicht auf die Straße hinaus könnten, weil Gift in der Luft liegt? Was machen wir dann?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir mehr tun, als die Notfallpläne einzelner Behörden zu üben. Hier sind alle gefragt: aus Wissenschaft, Wirtschaft, Sicherheitswesen, Versorgung und Gesundheit. Wir müssen auch denen einen krisenorientierten Blickwinkel antragen, die ihn sonst nicht haben.

Gegner der Resilienz: Fehlende Vorstellungskraft…

Denn die Erarbeitung von Krisenresilienz hat zwei mächtige Gegner, derer wir uns bewusst sein müssen: Da ist zum einen Mangel an Vorstellungskraft. Der Blick von Politik und Verwaltung ist zunächst der einer Aufgabenteilung. Welche Ebene ist für was zuständig und wie kommunizieren sie mit einander? Auch was auf einem Amtshilfeersuchen stehen muss, dürfte lange ein Thema in der Krisenprävention gewesen sein. Natürlich sind auch diese Fragen wichtig.

Doch wenn – um bei diesem Beispiel zu bleiben – nur über die Kompetenzverteilung zwischen den Ebenen gesprochen wird, dann wird nicht daran gedacht, wo tatsächlich das Problem liegt. Etwa wenn die Ebenen gar nicht miteinander kommunizieren können, weil der Strom fehlt und Brieftauben rar sind. Nicht mal Faxen geht mehr.

Und mehr noch: Wie erreichen wir bei längst abgebauten Warnsirenen in Katastrophensituationen einsame Senioren, die weder ein Radio besitzen noch eine Alarmierungs-App nutzen? Nicht einmal funktionierende Stromlieferung kann hier helfen. Wie bringt man Menschen zur Anlegung und Pflege von Notfallvorräten – insbesondere, wenn sie dafür in engen Wohnräumen ohne Keller gar keinen Platz haben? Was machen Katastrophen mit Kindern?

Um eine solche, vielfältige Sicht auf mögliche Krisenszenarien zu erreichen, brauchen wir eine interdisziplinäre Befassung. Der Deutsche Bundestag hat bei all seinem routinierten und oft auch stupide geregelten Alltag ein Gremium geschaffen, in dem genau dies möglich ist: die Enquete-Kommission. Hier kommen Abgeordnete, Sachverständige und Experten zusammen, um über einen längeren Zeitraum abseits der Tagespolitik ein Themenfeld zu beleuchten und umfangreiche Handlungsempfehlungen zu erarbeiten.

Ich wünsche mir, dass in der kommenden Legislaturperiode genau dies der Auftrag sein wird: Eine nationale Resilienzstrategie für die Bundesrepublik zu erarbeiten und ihre Voraussetzungen für Krisenabwehr und -bewältigung zu definieren. Nur so können wir unseren ersten Gegner, die Vorstellungskraft, besiegen.

… und fehlende Zuständigkeiten

Der zweite Gegner ist bösartiger: unsere eigene Motivation. Nach anderthalb Jahren Pandemie haben wir es satt, über Einschränkungen und Katastrophen zu reden. Im Spätsommer 2021 wird Krisenprävention über keinerlei öffentliche Attraktivität mehr verfügen. Wir brauchen daher Menschen, die das Thema vorantreiben. Der erste ist vor einigen Monaten von der Bundesregierung an genau den richtigen Platz gesetzt worden: Mein ehemaliger Bundestagskollege Armin Schuster hat als neuer Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe umgehend die Aufgabe angenommen, unser Land für Katastrophenszenarien fit zu machen.

Ich habe im Rahmen der Covid19-Pandemie häufig die Feststellung gemacht, dass der Unterschied zwischen guter und schlechter Performance daran zu erkennen ist, ob sich jemand zuständig fühlt. Daher muss man in jedem Krisenszenario dafür sorgen, dass da vor Ort jemand ist, der die Dinge in die Hand nimmt und in die Hand nehmen kann. Im Vorfeld brauchen wir Persönlichkeiten wie Schuster, die eine solche Grundlage schaffen. Und wir brauchen eine kritische Öffentlichkeit, die auf die Schaffung von Krisenresilienz drängt und das Thema in der Debatte hält.

Nach der Pandemie mit all ihrer Abnutzung und Ermüdung wird „There is no glory in prevention“ mehr denn je gelten. Unsere Aufgabe wird es sein, diese Regel zum ersten Mal zu widerlegen.

Erschienen in CIVIS mit Sonde, Ausgabe 2021/1

CIVIS & SONDE — Home

 

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Krieg sorgt pro deutschem Haushalt für 242 Euro Mehrkosten im Monat

Der Ukraine-Krieg führt zu steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen und heizt die ohnehin hohe Inflation weiter an. Die Preissteigerungen belasten insbesondere Menschen mit geringem Einkommen. Bei Fleisch und Süßigkeiten wird jetzt gespart. Eine Marktanalyse von PWC liefert verblüffende Einbl

„Brutal toxisch“ – Anleger grausen sich vor Steuer für Kriegsgewinnler

Sollen Mineralölkonzerne, die Milliardengewinne durch die Folgen des Krieges einfahren, mit einer Sondersteuer belegt werden? Sollen auch gutverdienende Rüstungsfirmen höhere Steuern zahlen? In Deutschland sind Linke und Grüne dafür. In anderen Ländern haben auch konservative Regierungen die

1000 gefallene Soldaten pro Kilometer Land-Eroberung

Die russische Offensive im Donbas kommt nur langsam voran. Die Verluste sind gewaltig. Rund um Charkiw gelingt den Ukrainern die Rückeroberung von einzelnen Dörfern. Russische Truppen werden jenseits der Artilleriereichweite zurückgedrängt.

Dieser Mann muss den Krieg verhindern

Die Nato bekommt einen neuen Oberbefehlshaber: Christopher Cavoli hat die gefährlichste Aufgabe der Welt: Der US-General muss die Ostflanke der Nato sichern und die Waffen und Munition für die Ukraine organisieren. Dabei darf er die Nato nicht in einen Krieg führen. Der in Deutschland geborene Of

Wie die Deutschen ticken: Unerwünschte Koalitionen straft der Wähler ab

Wenn am Sonntag um 18:00 Uhr die Wahllokale in Nordrhein-Westfalen schließen und die ersten Prognosen und später Hochrechnungen veröffentlicht werden, weiß man, was die einzelnen Parteien im Vergleich zur letzten Wahl gewonnen bzw. verloren haben. Aber erkennt man daraus den wirklichen Wählerwu

An der Ukraine entscheidet sich das westliche Bündnis.

Deutschland befindet sich an einem Scheideweg. Aber das teilt es mit anderen Partnern. Der russische Krieg gegen die Ukraine hat das jahrzehntelange Denken nicht nur über Russland, sondern auch über die Rolle Deutschlands bei der Gewährleistung von Frieden und Sicherheit in Europa auf den Kopf g

Mobile Sliding Menu