Es geht auch anders!

von Claudia Roth20.11.2013Innenpolitik

Claudia Roth verbindet mit Günther Beckstein eine ungewöhnliche Freundschaft. Aus Differenzen entstehen Einsichten.

Im Umgang zwischen Politikern aus verschiedenen Parteien sehen wir selten Freundschaft, dafür viel Gift und Galle. Gleiches gilt auch mit Blick auf Streitigkeiten innerhalb einiger Parteien, zwischen Politikern, die sich eigentlich viel näher stehen müssten. Für solche Fälle wurde sogar eine sarkastische Steigerungsform geprägt: „Freund – Feind – Parteifreund!“ Und dort, wo es einmal freundlicher zugeht, ist oft besondere Vorsicht geboten.

Ein ganzer Berufszweig – der politische Lobbyismus – lebt ja davon, mit großer Freundlichkeit Beziehungen zur Politik herzustellen, die eher Nützlichkeitsbeziehungen denn Freundschaften sind. Schlimmstenfalls geht es um das, was wir mit dem Wort „Amigo“ verbinden. Es stellt sich also die grundsätzliche Frage, ob Politik ein Ort für Freundschaften ist. Oder sollte man sich seine Freunde nicht tunlichst außerhalb des Politikbetriebs suchen?

Notwendige Erdung außerhalb des Politikbetriebs

Tatsächlich sollen Politikerinnen und Politiker gute Freundinnen und Freunde außerhalb der Politik haben. Nicht nur, weil es in der Politik manchmal sehr einsam ist, sondern auch, um das nötige Maß an Erdung nicht zu verlieren. Um nicht abzuheben in jener Einkapselung des Politischen, die manchmal wie ein Raumschiff ist. Auch in der Politik haben Freundschaften einen Platz, menschliche Beziehungen ohne Häme, Konkurrenz und Nützlichkeitskalkül. Und ich bin froh, dass ich solche Beziehungen aufbauen konnte.

Geholfen hat mir dabei der Gedanke an eine bekannte Liedzeile: „Lassʼ Dich nicht verhärten!“ Denn wer angesichts des oft harten Politikbetriebs selbst hart und zynisch wird, der zahlt persönlich einen hohen Preis. Und für ihn oder sie versiegen möglicherweise auch jene Quellen der Solidarität, der Freundschaft und Unterstützung, aus denen sich das Engagement für eine bessere und gerechtere Welt wesentlich speist.

Die Frage nach den menschlichen Beziehungen in der Politik ist auch eine Frage nach der demokratischen Kultur. Politiker aus demokratischen Parteien sollten sich prinzipiell nicht als Feinde betrachten, sondern allenfalls als politische Gegner. Und für Gegner im demokratischen Diskurs empfinde ich keinen Hass, sondern Respekt, und trete ihnen mit Argumenten gegenüber – in der Hoffnung, dass meine Argumente die besseren sind. Das ist zwar noch keine Freundschaft, aber auch keine Feindschaft. Es meint jenes Maß an Mitmenschlichkeit und Achtung, das wir brauchen, um in der Demokratie Konflikte und Interessengegensätze austragen und lösen zu können.

Diese Art von Achtung und Respekt ist für mich auch eine Mindestbasis dafür, dass Freundschaft entsteht und sich entwickeln kann. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, mit einem Neonazi befreundet zu sein, mit jemandem, der andere Menschen zutiefst missachtet und ihnen ihr Menschsein abspricht.

Inseln im Meer strategischer Kommunikationen

Aber was wäre außer dieser Mindestbasis noch nötig, damit Freundschaft in der Politik entstehen kann? Brauchen wir hier nicht eine viel stärkere gemeinsame Wertebasis, so wie es sie etwa zwischen engen politischen Weggefährten gibt? Tatsächlich, ein solches gemeinsames Wertefundament, Ähnlichkeiten im Denken, Fühlen und Handeln, geteilte Erfahrungen und gemeinsames Engagement lassen Vertrauen und eine tiefere Verbindlichkeit entstehen, aus der sich auch in der Politik Freundschaft entwickeln kann. Solche Beziehungen sind wie Inseln in einem Meer strategischer Kommunikation. Sie sind dringend nötig, nicht nur im Sinne einer Entlastung von der Dauerbeobachtung als Person des öffentlichen Lebens, sondern auch, um neue Ideen und Projekte zu entwickeln, um sich über Dinge auszutauschen, die noch nicht spruchreif sind.

Allerdings gibt es noch andere Fundamente für Freundschaft in der Politik. Sie zeigen sich zum Beispiel, wenn Beobachter bass erstaunt sind, dass sie mich, die schon mal als „schrill“ und „bunt“ beschriebene Claudia Roth, freundschaftlich verbunden sehen mit Politikerinnen und Politikern von durchaus anderer Couleur und persönlicher Anmutung.

Mit Günther Beckstein (CSU) habe ich politisch so manches Hühnchen gerupft, aber das hat nie die persönliche Ebene berührt. Weniger Hühnchen zu rupfen gab es mit Erhard Eppler (SPD) oder Hildegard Hamm-Brücher (FDP), die mich beide persönlich ebenfalls tief beeindrucken. Auch in vielen meiner direkten parlamentarischen Arbeitsbeziehungen hat sich menschliche Zuneigung entwickelt. Ich denke an die Menschenrechtspolitik und das besondere Engagement von Christian Schwarz-Schilling (CDU), oder an die Auswärtige Kulturpolitik, wo ein ganz weit gespannter politischer Regenbogen, der von Peter Gauweiler (CSU) bis zu Luc Jochimsen (Die Linke) reicht, im wechselseitigen Vertrauen die Anliegen dieses nicht gerade „muskelbewehrten“ Bereichs vertritt.

Ich vertraue sehr auf eine unterschätzte Ressource von Freundschaft, nämlich die Andersheit des anderen, die angeblich nur Beziehungsstress und Unverständnis verursachen soll. Übersehen wird die Chance, sich an der Andersheit des Gegenübers freundschaftlich zu reiben, um dabei neue und ungewöhnliche Einsichten zu gewinnen. Wechselseitig offen sein für das Neue, Andere, Ungewohnte, ohne sich selbst und seine Positionen aufzugeben – das kann eine exquisite Basis von Freundschaft sein. Gleiches gilt für Authentizität und Einzigartigkeit. Auch hier kommt es nicht so sehr darauf an, ob die besonderen Werte oder politischen Ansichten übereinstimmen, sondern darauf, dass sie glaubwürdig und authentisch gelebt und in die Freundschaft eingebracht werden.

Freundschaft in der Politik ist möglich, auch wenn sie besonderen Anfechtungen ausgesetzt ist. Sie kann sogar sehr spannend sein, gerade weil sie nicht zu den häufigsten und wahrscheinlichsten Erfahrungen im Leben von Politikerinnen und Politikern zählt. Und sie kann in der Demokratie etwas sehr Positives leisten – bei der Suche nach fairen und tragbaren Kompromissen und im Bewusstsein, über bestehende und fortbestehende Differenzen hinweg eine gemeinsame Verantwortung zu tragen.

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