Falsche Freunde

Claire Hill22.07.2011Wirtschaft

Die Kreditwürdigkeit von Irland und Portugal ist herabgestuft worden – und alle rufen plötzlich nach einer europäischen Ratingagentur als Antwort auf die Krise. Welch ein Trugschluss! Gute Ratings einer Euro-Agentur sollten nicht über die miserable Wirtschaftsentwicklung hinwegtäuschen.

Die Ratingagentur Moody’s hat Portugal und Irland auf Ramschniveau herabgestuft; mit weiteren Herabstufungen muss gerechnet werden. Jetzt wird nach einer europäischen Ratingagentur gerufen, die europäische Interessen verstärkt in Betracht ziehen würde – und also wohl nicht mit weiteren Herabstufungen drohen würde. Um es klar zu sagen: “Das ist eine schlechte Idee”:http://www.theeuropean.de/oliver-everling/7396-ratingagenturen-in-der-kritik. Die europäische Kritik an Moody’s lautet nicht, dass die Bewertung fehlerhaft ist, sondern dass durch die Abwertung das Risiko einer Krise steigt. Aber die Abwehrreaktion des Marktes lässt sich genauso gut auf die Tatsache zurückführen, dass die Wirtschaftslage offensichtlich schlecht ist. Der einzige Beitrag von Moody’s ist es, dies jetzt auch deutlich auszusprechen. Letztendlich “ist die Marktmacht der Ratingagenturen begrenzt”:http://www.theeuropean.de/georg-fahrenschon/7367-marktmacht-der-ratingagenturen. Gute Ratings können die Leute nicht dazu bringen, eine in Schieflage geratene Volkswirtschaft zu beurteilen, als ob nichts geschehen wäre. Die Aufgabe der Ratingagenturen ist es, Prognosen auf die fristgerechte Rückzahlung von Krediten zu geben. Das heißt jedoch nicht, dass Ratingagenturen die Auswirkungen ihrer Bewertungen nicht in Erwägung ziehen sollten. Wenn die Agenturen ihre Prognosen jedoch hinauszögern, weil eine Herabstufung eine bereits geschwächte Volkswirtschaft noch weiter verschlechtern würde und sich die Wirtschaft dennoch nicht erholt, könnte man ihnen zu Recht Ungenauigkeit vorwerfen.

Den Einfluss der Ratings verringern

Was also ist zu tun? Der Einfluss der Ratings sollte verringert werden und die “Qualität der Ratingagenturen”:http://www.theeuropean.de/alexander-dill/7362-sozialkapital durch verstärkte Aufsicht sowie durch die Förderung von Wettbewerb für den Ratingagentur-Sektor verbessert werden. Aufgrund der gängigen Praxis der Marktteilnehmer, von Ratings Gebrauch zu machen, wird es sich als schwierig gestalten, den Einfluss der Ratings zu verringern, vor allem, da es noch keinen konkreten Ersatz gibt. Mehr regionale und spezialisierte Agenturen wären willkommene neue Marktteilnehmer, genauso wie Agenturen mit Geschäftsmodellen, die nicht nur auf Zahlungen der Emittenten basieren – ein Modell, das zu vielen Schwierigkeiten in der Hypothekenkrise geführt hat. Doch das alles wird nicht über Nacht geschehen.

Was wäre, wenn …

Dass die Ratingagenturen finanzielle Bedingungen nicht beobachten können, ohne diese wie in einer Heisenberg’schen Bewegungsgleichung zu verändern, ist unglücklich, aber derzeit leider unvermeidbar. Kritisch betrachtet spielen sie jedoch in Europas derzeitiger Situation eine weitaus geringere Rolle als während der Finanzkrise 2008. Wenn damals die Verbriefung von zweitklassigen Krediten in Wertpapiere mit einer Tripple-A-Wertung nicht möglich gewesen wäre, wären auch weniger dieser Darlehen abgeschlossen worden und der Schaden der Immobilienblase wäre weitaus geringer ausgefallen. Was immer wir aus vergangenen Fehleinschätzungen schlussfolgern, Europas derzeitige Probleme werden sich dadurch nicht in Luft auflösen, ganz gleich, wie die Ratingagenturen entscheiden. Der Fokus auf die Herabstufungen der Agenturen lenkt die Aufmerksamkeit nur von den Dingen ab, wo sie weitaus dringender gebraucht wird.

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