Scheineinig

Cigdem Toprak12.01.2015Gesellschaft & Kultur, Politik

Viele Türken beneiden Deutschland um sein Gemeinschaftsgefühl. Wenn die wüssten.

„Wenn in Deutschland gewählt wird, dann geht es ein bisschen nach rechts oder ein bisschen nach links. Es macht kaum einen Unterschied, welche der Parteien die Wahl gewinnt, denn das Ergebnis rüttelt nicht an der Demokratie. Das deutsche System ist stabil.“ So simpel erklärte mir mein Vater seine Sicht auf die deutsche Politik.

Ich habe ihm diese Erklärung abgekauft und sein Gedanke hat mich sehr lange begleitet – seine Beobachtung hatte ich in meinem Kopf immer dann parat, wenn ich mich darüber wunderte, weshalb Deutsche mit politischen und gesellschaftlichen ­Missständen emotionslos und passiv umgehen. Es schien mir immer so, als ob für Deutsche nicht viel auf dem Spiel steht, was sie dazu bewegen könnte, politisch und gesellschaftlich aktiv zu werden.

Deutsche haben Angst vor Statusverlust

Natürlich hat mein Vater einen türkischen Blick auf die Dinge – er kommt aus einem Land, in dem die Demokratie noch auf wackligen Beinen steht und die Menschen sich weder auf den Staat noch auf die politischen Institutionen verlassen können. Bei jeder Wahl zittern die Bürger um das Ergebnis, das sich auf ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben auswirken könnte. Der Atatürk-Anhänger genauso wie der Kurde und die Studentin mit dem Kopftuch. Deshalb sind die Menschen gezwungen, sich für ihre politischen Forderungen einzusetzen, indem sie beispielsweise wie bei den Gezi-Park-Protesten alles stehen und liegen lassen, um auf die Straße zu gehen und gegen das autoritäre Regime zu protestieren: Alte Frauen standen am Fenster und schlugen auf Töpfe.

In der modernen Türkei fühlen sich junge Türken verpflichtet, Theaterstücke zu schreiben, in denen Homosexualität ein zentrales Thema ist – weil sie durch ihre Kunst in der türkischen Gesellschaft etwas bewirken wollen. Seriendarsteller werden zu Vorbildern, die sich jedes Jahr für Tierschutz, Menschenrechte und gegen häusliche ­Gewalt plakatieren lassen. Akademiker und Unternehmer in Istanbul vergeben Stipendien an Studenten, die aus ärmlichen Verhältnissen kommen. Ihre Eltern verkaufen in Anatolien ihr Ackerland, damit aus ihren Kindern keine Bauern, sondern Ärzte und Ingenieure werden. Sie können sich eben nicht auf den türkischen Staat verlassen, der sie mit dem sozialen Netz auffängt, wenn sie fallen. Ihre Motivation, gesellschaftlich und wirtschaftlich aufzusteigen, ist groß – genauso groß wie die Angst der Deutschen, ihren Status zu verlieren. Ganz nach dem Motto: „Läuft doch.“ ­Irgendwie, ja.

In Deutschland funktioniert eben alles. Diese Sichtweise teilen viele Türken, die ich während meiner Zeit in Istanbul kennengelernt habe. Ihre Demokratie, ihre Nationalmannschaft und ihr Straßenentwässerungssystem. Neidisch blicken viele Türken auch auf den deutschen Wohlfahrtsstaat, der ein Gemeinschaftsgefühl suggeriert, das in der stark individualisierten deutschen Gesellschaft aber nicht existiert.

Diejenigen, die Sozialleistungen in Anspruch nehmen müssen, sind felsenfest davon überzeugt, dass sie diese verdienen – dafür sei der Staat ja da. Dabei denken die „reichen“ Bürger, die hohe Steuern und Sozialabgaben leisten müssen, dass sie schon genug für diese Gesellschaft opfern. Wieso sich also gesellschaftlich und politisch engagieren? Gesellschaftlicher Zusammenhalt wird mit einer institutionalisierten Fernbeziehung durch Geldtransfer über unser Steuer-und Abgabesystem doch sowieso schon geleistet. Dies äußert sich beispielsweise in der Debatte über „Großelterngeld“, bei dem staatliche finanzielle Anreize für Oma oder Opa gestellt werden sollen, damit diese auf ihre Enkelkinder aufpassen. Absurder Gedanke? Keineswegs – nur typisch deutsch.

Haben wir in Deutschland überhaupt gesellschaftliche Vorbilder?

In Deutschland steht heute weit mehr auf dem Spiel, als wir annehmen wollen. Radikalisierungen von Migranten und Rechten beispielsweise. Diese gefährden unsere demokratische Werte und unser friedliches Zusammenleben. Sehen wir wirkliche­ Gegenbewegungen, mal abgesehen von der Empörung unter Intellektuellen wie Journalisten, Experten­ und Politikern? Wie viel Kunst und Kultur wurde in Berlin und in anderen deutschen Städten beispielsweise zum Thema Integration und ­Rassismus geschaffen? Ich spreche nicht von staatlich geförderten PR-Projekten, sondern von einem kulturellen und politischen Engagement junger und alter Menschen, die in Deutschland etwas ­bewegen wollen.

Haben wir in Deutschland überhaupt gesellschaftliche Vorbilder – gibt es Menschen aus der Wirtschaft, Politik oder aus dem kulturellen ­Bereich, die überhaupt zu role models werden wollen, wenn es beispielsweise um Gleichberechtigung der Geschlechter geht?

Soziale Trends wie der Vegan-Wahn oder ­geschlechtsneutrale Erziehung suggerieren, dass ihre Anhänger einen Beitrag für Gleichberechtigung – der Tiere und der Geschlechter – leisten. Dabei handelt es sich um Lifestyle-Projekte von Individuen, die ignorant gegenüber realen politischen und sozialen Problemen geworden sind.

Wieso sollte ein Berliner Hipster über seinen Schock twittern, dass sich sein Nachbar im Wedding wahrscheinlich dem Dschihad in Syrien angeschlossen hat? Vielmehr preist er sich als ­Kosmopolit in dem migrantischen Dschungel, der weniger exotisch, vielmehr problematisch ist. Wedding mit seinen Migranten ist eben ein Teil seines­ Lifestyles. Für die Probleme gibt es ja genügend ­Sozialarbeiter und deutsche Behörden, die sich darum kümmern können – schließlich bezahlt auch der Hipster brav seine Steuern.

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