Die Konservativen sind die Pausenzeichen der Geschichte. Norman Mailer

Schlagt uns statt Raif!

Der saudi-arabische Blogger Raif Badawi soll zu Tode geprügelt werden. Ein Angebot an seine Exzellenz, den Botschafter Saudi-Arabiens: Greifen Sie selbst zur Peitsche, wenn wir kommen!

Wie er da so steht in der Mittagssonne nach dem Freitagsgebet vor der Al-Jafali-Moschee in Jeddah, im weißen Hemd mit dunkler Hose, die Augen gesenkt: Denkt er wohl an seine drei hübschen Kinder und an seine Frau – bevor der erste Peitschenhieb seine Schultern trifft?

Seine Hände gefesselt und von einem Soldaten gehalten – denkt er an sein Verbrechen, das hier bestraft wird: der vom Gesetz verbotene Gedanke, Moslems, Christen, Juden und Atheisten seien gleichwertig – bevor der zweite Hieb wie ein glühender Draht durch seinen Rücken zieht?

Und wenn er den dritten Schlag erduldet, der durch die Hose hindurch seine Haut erst weiß, dann rot färben wird – denkt er auch an die noch kommenden 997 Peitschenhiebe? Oder erinnert er sich an jenen Eintrag in seinen Blog, für den er gefoltert wird? In dem er schrieb: „Für mich ist Liberalismus schlicht: leben und leben lassen. Es ist ein prächtiges Motto.“

Kann er beim vierten Schlag überhaupt noch einen anderen Gedanken fassen als den, aufrecht stehen zu bleiben und nicht zu schreien? Bereut er jetzt die Veröffentlichung seiner These, der Säkularismus respektiere „jeden und kränkt niemanden. Säkularismus ist eine geeignete Methode, um Staaten (unseren eingeschlossen) aus der Dritten in die Erste Welt zu hieven“?

Den Saudis gilt Liberalismus als Terrorismus

Bevor der fünfte Hieb auf die Waden peitscht und er den Schmerz erneut verschlucken wird – was gibt ihm Kraft? Ist es die einsame Einsicht von Albert Camus, mit dem er sich vor seiner Verhaftung im Jahr 2012 aus seinem Blog verabschiedete: „Die einzige Möglichkeit, mit einer unfreien Welt umzugehen, ist so absolut frei zu werden, dass die eigene bloße Existenz ein Akt der Rebellion ist“?

Und wie die Schläge seinen Rücken dreschen, wie sie ihm die Rippen brechen: Hat Raif Badawi, der schmal gewachsene, 31-jährige Gründer der Online-Plattform „Freie Saudische Liberale“, noch Hoffnung auf die internationale Gemeinschaft? Glaubt er daran, dass der von Amnesty International organisierte öffentliche Druck seine Folter noch stoppen kann? Oder hofft er auf die Solidarität der Liberalen Internationalen und der Arabischen Allianz für Freiheit und Demokratie? Kennt er die seit Monaten laufende Kampagne der spanischen Partido de la Libertad Individual?

Wir wissen es nicht. Aber wir wissen: Im Gottesstaat des absolutistischen Königs Abdallah bin Abdulaziz Al Saud, des „Hüters der beiden Heiligen Stätten und König von Saudi-Arabien“, gilt der Einsatz für liberale Werte und atheistische Ideen von Gesetz wegen als Terrorismus, der mit körperlicher Züchtigung und Todesstrafen geahndet wird. Parteien gibt es nicht. In ihrer Rangliste der Pressefreiheit listet die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ Saudi-Arabien auf Platz 164 von 180 Ländern. Menschenrechte stehen unter dem Vorbehalt einer fundamentalistischen salafistischen Auslegung der Scharia. 15 der 19 Attentäter vom 11. September kamen, wie Osama bin Laden, aus Saudi-Arabien.

Wir wissen auch: Das Land der heiligen Stätten Mekka und Medina ist Mitglied der G20-Staaten. „Die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Saudi-Arabien sind freundschaftlich und spannungsfrei“, urteilt das Auswärtige Amt. Man stünde gemeinsam gegen die gleichen Feinde, sagte der neue deutsche Botschafter Boris Ruge anlässlich seines Antrittsbesuchs beim König vor zwei Monaten. Und die grüne Opposition forderte am Samstag sehr entschieden von Wirtschaftsminister Gabriel, sich auf einer für den 7. bis zum 10. März geplanten Reise nach Saudi-Arabien für Raif Badawi einzusetzen – also erst nach weiteren 350 Schlägen auf den Rücken eines jungen Mannes, der von seinem Menschenrecht auf Meinungsfreiheit Gebrauch machte.

Greifen Sie zur Peitsche, Ihre Exzellenz

Aber so lange dürfen wir nicht warten, wenn Raif Badawi noch den Frühling erleben soll. Wir müssen protestieren gehen, wenn unsere Werte das Papier wert sind, auf dem die Menschenrechte und das Grundgesetz gedruckt stehen. Raif Badawi hat sich die Freiheit genommen, von der Freiheit für sein Land zu träumen. Wer ihn auspeitscht, zerfetzt den Respekt vor der Menschenwürde und den Menschenrechten.

Albert Duin, der Landesvorsitzende der Freien Demokraten in Bayern, ist zum vergangenen Wochenende bei der saudi-arabischen Botschaft in der Tiergartenstraße in Berlin vorstellig geworden, um einen Teil der Prügelstrafe für Raif Badawi zu übernehmen. Das ist das richtige Zeichen: Wer liberale Blogger auspeitscht, erklärt allen freien Menschen die Feindschaft.

Angeblich war die Botschaft gerade nicht besetzt. Aber Duins einsame Tat hat Freiheitsfreunde in den sozialen Medien inspiriert. Wir wollen wiederkommen. Das Angebot steht.

Und so sage ich: Verehrte Exzellenz, außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter Saudi-Arabiens, Prof. Dr. Med. Ossama Abdulmajed Ali Shobokshi: Als ehemaliger Dekan der Medizinischen Fakultät der König-Abdulaziz-Universität in Jeddah dürften Sie keine Angst vor blutenden menschlichen Körpern haben. Als Arzt haben Sie, Exzellenz, vielmehr gelobt, Ihr Leben in den Dienst der Menschheit zu stellen und jedem Menschenleben Ehrfurcht entgegen zu bringen. Zeigen Sie uns, ob Sie ein Mann sind, der zu seinem Wort steht.

Zeigen Sie uns, dass Sie der Menschlichkeit dienen, indem Sie uns erlauben, Raif Badawis Strafe auf andere Freiheitsfreunde aufzuteilen. Bitte greifen Sie zur Peitsche, wenn ich mit weiteren Freiheitsfreunden Ihre Berliner Botschaft besuchen werde. Schlagen Sie uns statt Raif Badawi! Schlagen Sie uns öffentlich im Dienst der Aufklärung, damit jedermann sieht, wie Ihr Land die Menschlichkeit verachtet. Schlagen Sie uns, Exzellenz, die wir in Freiheit kommen und in Freiheit wieder gehen können – aber schonen Sie dafür Raif Badawi, damit er nicht für die Freiheit sterben muss.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christopher Gohl: Das Vorbild des republikanischen Populisten

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