Schluss mit alten Konflikten

von Christopher Gohl13.09.2014Gesellschaft & Kultur

Frank Schäffler gründet das Prometheus-Institut – eine Chance für die Liberalen, den Dialog zwischen Praktikern und Vordenkern wieder aufzunehmen.

Gute Nachrichten für Liberale? Hoffentlich: Frank Schäffler will Liberalismus neu vordenken lassen. Dafür hat er jetzt ein neues liberales Institut gegründet. Der Name, Prometheus-Institut, verspricht den Menschen das Licht der Aufklärung. Darf man hoffen, dass die zu entzündende Fackel der Freiheit auch tatsächlich Herzen und Herdfeuer erwärmt und den Liberalismus in Deutschland neu befeuert – nicht nur den Leuchtturm einer kleinen klassisch-liberalen Museumsinsel?

Ja, ich habe Hoffnung. Gegen meine bisherigen Erwartungen – aber mit einem guten Grund. Bisher bezweifle ich, dass die Wiederkehr eines „klassisch“ betitelten Liberalismus, wie ihn Frank Schäffler, Gerd Habermann und andere ideell engagierte Liberale vertreten, überhaupt in eine fruchtbare freiheitliche Zukunft führt. Ich fürchte, sie endet eher in einem digital simulierten, in Hayek-Klubs mit Pfeifenrauch zelebrierten Utopia der reinen Ideen, wo man zwar vieles besser wissen will als die Liberalalaisten der FDP, aber nichts in der Welt wirklich besser macht.

Meine bisherige Erwartung entspricht bestehenden Konfliktlinien im Liberalismus: Hier liberale Praktiker an der Front von Infoständen, Beruf und Familie, dort liberale Lehrmeister aus den Hayek-Klubs und liberalen Instituten, beide voneinander enttäuscht, missverstanden, im wechselseitigen Abwehrreflex verhaftet statt gemeinsamer Reflexion hingegeben. Beide haben in den vergangenen Jahren den Dialog verlernt, aus Sicht der Praktiker: weil er völlig unfruchtbar für kluge und relevante liberale Angebote war; und aus Sicht der Hüter der Lehre: weil die FDP sich prinzipienloser Klientelpolitik verschrieben hatte. Jene gelten diesen als Ideologen, diese sind für jene Verräter der liberalen Ideen.

Ideen bewähren sich durch Relevanz, nicht Reinheit

Dieser inner-liberale Konflikt lähmt die Liberalen. Wenn liberale Ideen wieder in den Abendnachrichten und Parlamenten strahlen sollen, müssen Liberale die Sprachlosigkeit zwischen Realisten und Idealisten überwinden. Sie geht auch auf eine völlig unselige Trennung von Theorie und Praxis zurück, die sich zugegebenermaßen durch das gesamte abendländische Denken zieht.

Ich bin liberaler Pragmatiker. Ich liebe gute Ideen. Aber sie bewähren sich für mich nicht in ihrer Reinheit, sondern in ihrer Relevanz für eine bessere, eine freiheitlichere Gesellschaft. Ideen sind Instrumente, um die Wirklichkeit zu verbessern. Mit ihren Ideen sollten Liberale die Partner von Menschen sein, die Probleme möglichst in eigener Verantwortung lösen wollen. Dabei geht es weder um funkelnde Ideale noch um staubigen Realismus, sondern um konkrete Möglichkeiten für eine bessere Welt.

Wo diese Möglichkeiten liegen, müssen wir im Dialog bestimmen – und zwar an erster Stelle mit real existierenden Bürgern und politischen Wettbewerbern. Erst an zweiter Stelle steht der innere Dialog der liberal-libertären Familie über die richtigen Prinzipien und Katechismen. Der innere Dialog dient dem äußeren Dialog. Gute liberale Ideen bewähren sich hier wie dort – an beiden Enden. Gute liberale Politik orientiert sich sowohl an der Wirklichkeit als auch an Werten.

Hoffnung auf einen neuen liberalen Dialog

Für diesen zweiten, inneren Dialog hege ich Hoffnung, wenn ich an das Prometheus-Institut denke. Denn Frank Schäffler will den Liberalismus nicht nur von Thomas Mayer, dem Ex-Chefökonomen der Deutschen Bank, vordenken lassen, sondern auch von einem klugen katholischen Theologen: Clemens Schneider. Klar ist Mayer bekannt für seinen eigenständigen Kopf. Und ohne Zweifel braucht die Sache der Freiheit volkswirtschaftlichen Verstand. Persönliche Erfahrung mit riskanten Finanzprodukten, Libor-Streit, Konjunkturprogrammen und Finanzkrisen bei Salomon Brothers, Goldman Sachs und der Deutschen Bank könnte helfen, unverantwortlichen Finanzkapitalismus einzudämmen.

Aber der Liberalismus sollte auch seine ethische Dimension wieder entdecken. Als besitzbürgerlich erstarrte Befreiungsbewegung braucht er Selbstaufklärung. Dafür braucht es originelle Köpfe wie den von Clemens Schneider. Seine noch laufende Promotion widmet er dem liberalen Historiker Lord Acton, einem überzeugten Katholiken. Schneider bloggt gut und viel, ist so charmant wie scharfzüngig, so überlegt wie leidenschaftlich, so gut mit Menschen wie in der Organisation. Neben erwartbaren Namen wie Hayek, Popper und Buchanan nennt er die Stoiker, Martin Buber und Emmanuel Lévinas als seine intellektuellen Leitpersönlichkeiten. Ideelle Sympathie hat er für die bleeding heart libertarians.

Das ist doch spannend! Und ein Anlass, den Dialog zu suchen. Es wird schwer, diesen inneren Dialog wieder in Gang zu kriegen, denn die Klischees sitzen tief – auch bei mir; siehe „Pfeifenrauch in Hayek-Clubs“. Aber wann, wenn nicht jetzt, müssen wir uns wieder zusammensetzen? Wir alle wollen auf individuelle Freiheit gebaute Gesellschaften ermöglichen. Streiten wir also in freundlichem Respekt bestehender Differenzen – aber nicht miteinander, sondern für die gemeinsame Sache!

Wie überwinden wir die Reduzierung der liberalen Idee?

Um damit anzufangen, schlage ich dem Prometheus-Institut und allen Freiheitsfreunden eine Denk-Agenda vor. Sie umfasst zehn Fragen:

# Liberale wissen, wie sie den Staat abbauen wollen — aber was heißt es eigentlich, eine freiheitliche Gesellschaft aufzubauen und zu entwickeln?
# Was heißt für Liberale Fortschritt und wie dienen sie ihm?
# Welche persönlichen Haltungen, welche Sitten und Gebräuche bilden das liberale Ethos einer freiheitlichen Gesellschaft?
# Wie sieht jenseits liberaler Strukturvorschläge für das Bildungswesen ein liberales Bildungs-Curriculum aus?
# Wie bekämpfen Liberale Chancenarmut jenseits von Einkommensarmut und Bildungspolitik?
# Jenseits wohlfeiler Staatskritik – was heißt liberale Staatlichkeit im 21. Jahrhundert?
# Welche Ordnungspolitik braucht die liberale Demokratie als politische Freiheitsordnung?
# Was heißt, jenseits der zutiefst nationalen Traditionen des Liberalismus, Freiheit für Weltbürger?
# Welche geistes- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse begründen gute liberale Politik?
# Wie überwinden wir die allgegenwärtige Reduzierung der Freiheitsidee auf die mechanische und materialistische, „negative Freiheit“ von Zwang?

Warum ich diese – gerade auch vorpolitischen – Fragen wichtig und für praktische Politik relevant finde, erläutere ich in kommenden Kolumnen. Ich erwarte nicht, dass alle Liberalen meine Fragen teilen. Ich bin gespannt, was fehlt oder anders gefragt werden sollte. Aber damit will ich den Dialog beginnen.

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