Das Ich beginnt den Dialog

von Christopher Gohl12.07.2014Gesellschaft & Kultur

Die Welt ist verrückt. Zeit, sich auf das Wesentliche zu besinnen: auf sich selbst.

Russland annektiert die Krim und will auf Kuba einen militärischen Stützpunkt einrichten. Die Hamas beschießt den Flughafen von Tel Aviv. Deutschland weist einen hochrangigen US-Amerikaner aus. Im Herbst soll die Finanzkrise zurückkommen. Und Brasilien verliert im eigenen Land das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 1:7.

Die Weltordnung verrückt sich. Was gestern Staatsraison und guter Glaube war, gilt heute nicht mehr.

Auch der innere Kompass des Landes spielt verrückt. Der Deutsche Bundestag beschließt mit nordkoreanischen Mehrheiten, die Agenda 2010 zurückzunehmen und die Zukunft zu verfrühstücken. Der Verfassungsschutz kann seine klägliche Rolle gegenüber dem Rechtsterrorismus nicht erklären. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei hochrangige SPD-Innenpolitiker. Flüchtlinge schaffen zusammen mit den Grünen mitten in Berlin den deutschen Rechtsstaat ab. Berlin bastelt mit Hochstaplern eine milliardenschwere Ruine im Sand von Brandenburg.

Spinnen die denn alle? Was stimmt denn eigentlich noch?

Montaigne, Martenstein und Mansfeld tun es schon

Ich habe beschlossen, mich auf mich selbst zu besinnen. Für Liberale liegt es nahe, bei sich selbst zu beginnen. Aber es liegt auch nahe für einen, der so eine Kolumne schreibt wie diese hier. Denn ich schreibe ja nicht die Wahrheit, sondern ich beschreibe meine Wahrheit. Ich denke laut nach. Ich lade ein, mitzudenken.

Deshalb werde ich ab heute tun, was die großen Essayisten Michel de Montaigne, Ralph Waldo Emerson und Harald Martenstein schon immer getan haben – und meine Freunde “Christoph Giesa”:http://www.theeuropean.de/kolumnen/9-machtfragen und “Hasso Mansfeld”:http://www.theeuropean.de/kolumnen/79-mansfeld-meint sowieso schon länger: „Ich“ schreiben. Vielleicht nicht immer, aber meistens.

Es gibt viele gute Gründe, das zu tun. Den ersten habe ich gerade genannt: Ich wäre zwar gerne Moses, aber ich bin es nicht. Ich habe keinen sinaitischen Zugang zur Wahrheit des Ewigen. Auch als Wissenschaftler, als politischer Theoretiker zumal, habe ich keine olympische Übersicht über die Welt, besonders nicht die globalisierte. Und weil ich kein grüner Rechthaber bin, bilde ich mir das auch nicht sonst wie ein.

Nur ein ignorantes Bübchen

Als Weltbürger bin ich einer unter 7.246.132.168, “gezählt am Freitagabend, 11. Juli 2014”:http://www.worldometers.info/world-population/. Ich habe zwar ziemlich viel Bildung mitbekommen, zum Glück: Humanistisches Gymnasium, ausführliches Studium an exzellenten Universitäten in Tübingen, Washington, D.C., Potsdam und Jerusalem. Sogar ein Doktor bin ich, und nachdem ich in Wirtschaft und Politik gearbeitet und ein Unternehmen und Vereine und eine Stiftung mitgegründet habe, forsche und lehre ich jetzt den ganzen Tag. Familienvater bin ich auch, mit drei kleinen Kindern. Wer Windeln wechselt und Rotznasen abwischt, kennt was vom Leben.

Aber für viele Menschen auf der Welt bin ich nur ein ignorantes Bübchen. Was weiß ich denn von der Wirklichkeit in Asien, Afrika oder Australien? Oder von den Nöten der Schweriner Großwohnsiedlung Großer Dreesch, in Duisburg-Marxloh oder in Hamburg-Billstedt?

Wie soll ich da in förmlicher Sprache Meinungen kundtun, als seien sie ewige Erkenntnisse oder unumstößliche Urteile, frei von persönlicher Perspektive?

„Ich“ zu sagen, ist ehrlich, hilfreich und gut

Schon bei uns Politikwissenschaftlern hat mich immer gestört, dass wir nur sonntags oder in Interviews einmal „ich“ sagen. Die politische Wirklichkeit ist von Werten geprägt. Auch eine distanzierte Analyse bezieht normativ Stellung – affirmativ oder kritisch. Vom Olymp der Wissenschaft runtergucken auf die Agora der Akteure, und dann die Wahrheit erkennen wollen – sorry, das geht nicht. Oder nur mit Verirrungen, die mir auf manchem Kongress körperlich peinlich werden.

Ich betreibe politische Theorie als praktische Philosophie. Ich begebe mich auf die Agora und versuche, mich hineinzudenken in Akteure. In einem Akt stellvertretenden Denkens frage ich: Was ist zu tun? Und viel lieber noch: Wie ist vorzugehen? Informiert von ihren Umständen, aber entlastet von ihren dringlichen Notwendigkeiten versuche ich, den Fokus ihrer Herausforderungen systematisch mit dem Fundus politischen Denkens zu vermitteln. Mir geht es um konkretes Handlungswissen, um praktische Orientierung.

„Ich“ zu sagen, zweiter Grund, ist da ehrlicher. Bei aller transparenten Systematik signalisiert das die Grenzen meiner Überlegungen.

Drittens deeskaliert das „Ich“. Als gelernter Mediator rate ich allen Streitenden, ihre Aussagen als „Ich-Botschaft“ zu formatieren. Dann klingt das nicht so apodiktisch. Und mit meiner Ich-Botschaft-freien Polemik, kürzlich gegen diese “kontraproduktive Spaltung der Freiheit”:http://www.theeuropean.de/christopher-gohl/8631-die-wiederbelebung-liberalen-denkens in eine positive und eine negative Freiheit, habe ich kluge Freunde vor den Kopf gestoßen, die glauben, ich hätte einen absoluten Anspruch auf Wahrheit in dieser Sache. Dabei will ich eine inhaltliche Auseinandersetzung eröffnen.

Dafür polemisiere ich auch mal, damit der Widerspruch einfacher fällt. Denn zusammen denkt es sich besser. These, Antithese, Synthese – da können wir alle was lernen. Keiner von uns ist ja alleine auf der Welt, sondern wir teilen sie miteinander. Und darüber müssen wir uns in einer unübersichtlichen Zeit verständigen.

Chancen für dich, mich und den Fortschritt

Wenn ich so viel „ich“ sage – was übrigens anstrengend ist, vermutlich auch zu lesen; in kommenden Kolumnen fahre ich das auf ein erträgliches Maß runter – also: Wenn ich so viel „ich“ sage, rede ich also gerade nicht der radikal-konstruktivistischen Subjektivität das Wort.

Denn, und das ist mein vierter Grund, „ich“ zu sagen: Bei den Sozialdemokraten mag das Wir entscheiden (und schon mein Grammatik-Programm zeigt mir an, dass da etwas nicht stimmt). Aber bei mir beginnt mit dem Ich eben der Dialog. Mit Dir, vertraute Leserin, und mit Ihnen, lieber Leser. Antworten Sie mir, damit ich etwas lernen kann. Und damit wir prüfen können, was zwischen uns und anderen als Wahrheit verlässlich ist.

Ich bin bekennender Pragmatist. Wahrheit ist für uns relativ, aber nicht relativistisch. Wahrheit ist, was uns weiterhilft, unsere Probleme zu lösen und die Welt zum Besseren zu verändern. Sie bewährt sich in der Triade zwischen mir, Dir und der Welt. Wir finden die geltende Wahrheit durch gemeinsame „Untersuchungen“, wie John Dewey das nannte – durch experimentelle, dialogische Prozesse, deren notwendige Voraussetzung die Chance des Einzelnen ist, daran teilnehmen zu können.

Dialog zwischen mir und dir

Wahrheiten, die sich bewähren, bewahren wir in Gewohnheiten und Traditionen auf. Wenn sie sich nicht mehr bewähren, müssen Wahrheiten und ihre Gewohnheiten auf den Prüfstand und weiterentwickelt werden. So wie jeder Mensch das macht, der versucht, seine eigenen Talente zu entfalten und seine Anlagen zu kultivieren, um als Persönlichkeit zu wachsen und sein eigenes Leben zu leben.

Oder so, wie Wissenschaftler das bei der Wahrheitssuche machen, und wie die Wirtschaft im Wettbewerb nach besseren Lösungen strebt. Wie Bürger kooperieren, um gemeinsame Anliegen konkret umzusetzen. Und wie demokratische Politiker es tun sollten, wenn sie sich über gemeinsame Regelungen verständigen.

Und wie übrigens die FDP sich derzeit prüft und weiterentwickelt, um in neuer Aufstellung wieder Vertrauen zu verdienen. Wie wir alle als Bürger es tun sollten, damit wir unsere Probleme auch in einer sich verändernden Welt selbst lösen können. Der Fortschritt braucht diesen Dialog zwischen mir und Dir über die Welt. Er beginnt mit der Chance für jedes einzelne Ich – für mich wie für Dich!

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