It’s the Mittelstand, stupid!

von Christopher Gohl28.06.2014Innenpolitik

Die SPD glaubt, dass die Marktwirtschaft erst durch den Staat sozial wird. Falsch: Denn das Soziale an der Marktwirtschaft leistet der Mittelstand.

Wir brauchen mehr Staat und weniger Markt, weil wirtschaftlicher Erfolg schlecht, staatliche Sorge dagegen gut ist – das ist der sozialdemokratische Grundkonsens der Großen Koalition, geprĂ€gt von den Ministern Nahles und Gabriel. Er ist Ausdruck eines Irrglaubens, der in Deutschland immer weiter um sich greift: Der Markt ist ein wildes Monster, aber der Staat ist eine milde Mutti.

Beispiel Andrea Nahles: Konsequent verfolgt die Arbeitsministerin ihre Vorstellungen einer „demokratischen Marktwirtschaft“. Ihre Logik ist simpel: Unternehmen zahlen nicht genug Lohn – also bestimmt der Staat den allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn. Der Wettbewerb ist unbarmherzig – aber die rettende Rente kommt immer frĂŒher. Die Wirtschaft nutzt flexible Arbeitszeiten zur LohndrĂŒckerei – deshalb muss der Staat „das NormalarbeitsverhĂ€ltnis stĂ€rken“. MĂ€nner diskriminieren – also sorgt der Staat mit einer Quote fĂŒr die Frauen.

Beispiel Sigmar Gabriel: Statt auf einen europĂ€ischen Energiebinnenmarkt setzt er auf die Fortschreibung des EEG, um mit staatlichen Subventionen unrentable Energieerzeugung zu beatmen. In Paris, dem neuen Mekka der deutschen Sozialdemokraten, forderte er kĂŒrzlich die Aufweichung des StabilitĂ€tspaktes: Die europĂ€ischen Staaten sollen das Wirtschaftswachstum mit grĂ¶ĂŸeren Investitionen pushen – als könne der Staat gute ArbeitsplĂ€tze mit Schulden kaufen. Auch dass die erfolgreiche deutsche Wirtschaft einen ExportĂŒberschuss hat, hĂ€lt der Wirtschaftsminister der RĂŒge wert.

Hier Gewinne, da Gerechtigkeit?

Das alles fördert den um sich greifenden Irrglauben, sozial werde die Marktwirtschaft erst dann, wenn der Staat eingreift. Als gĂ€be es zwei Reiche: Hier die Wirtschaft als Wilder Westen des ungerechten, rĂŒcksichtslosen Wettbewerbs, dort das Paradies des Staates als Retter der Menschlichkeit. In dieser Arbeitsteilung macht die Wirtschaft ungerechte Profite, aber der Staat sorgt fĂŒr gerechte VerhĂ€ltnisse.

Nun gibt es dreierlei zu konzedieren: Erstens tun Finanzkapitalisten im Verein mit verschuldeten Staaten und mĂ€chtigen Staatskapitalisten alles dafĂŒr, dem Markt einen schlechten Namen zu geben. Staaten wie Spekulanten blasen die Geldmenge schaumig und schöpfen dann Profite ab. Mit realer Mehrwertschöpfung, einem mĂŒhsamen GeschĂ€ft guter Ideen und harter Arbeit, hat das nichts mehr zu tun.

Dass die Wirtschaft unter Generalverdacht des Unsozialen steht, daran haben aber auch die Wirtschaftswissenschaften eine Mitschuld. Ihr Modell des egoistischen, profitmaximierenden homo oeconomicus gilt zwar weithin als Vereinfachung, die aber den Kern angeblicher „ökonomischer Gesetze“ trifft. Demnach ĂŒberleben im harten VerdrĂ€ngungswettbewerb des Marktes nur die Fitten – soziale Verantwortung jenseits der Sorge um das eigene Humankapital oder den eigenen Ruf erscheint da sogar vielen Wirtschaftsethikern selbst als fremde Zumutung aus einer anderen Welt.

Leider prĂ€gen diese Vorstellungen das Selbstbild ganzer Generationen strebender BWL-Studierender und mĂ€chtiger Wirtschaftsbosse, die Banken, Börsen und Bilanzen fĂŒr ihr Lebensleistungsabenteuer halten. Selbst liberale Freunde der Marktwirtschaft halten wirtschaftliche Freiheit zu hĂ€ufig nur fĂŒr das Recht auf Profitmaximierung.

Drittens hat der Staat selbstverstĂ€ndlich gerade auch fĂŒr Liberale einen Anteil am Erfolg der sozialen Marktwirtschaft. Einerseits setzt er eine Rahmenordnung von Spielregeln, die faire SpielzĂŒge mit zivilisierten Ergebnissen gewĂ€hrleisten sollen. Und andererseits leistet der Staat mit seinen Mitteln einen großen Beitrag zur Gerechtigkeit der Chancen fĂŒr jeden Menschen darauf, wirtschaftlich selbststĂ€ndig zu werden. Über Steuern, Schulen und Gesetze gewĂ€hrleistet er Bildung und Fortbildung, Zugang zum Arbeitsmarkt und Absicherung in der Not.

Der Mittelstand macht die Welt besser

Aber die eigentlichen sozialen, ökologischen, kulturellen und pĂ€dagogischen Leistungen der Marktwirtschaft kommen vom Mittelstand – von den 3,65 Millionen kleinen und mittelgroßen Unternehmen im Lande, die 60 Prozent der sozialversicherungspflichtigen ArbeitsplĂ€tze stellen, die vier von fĂŒnf Auszubildenden in Deutschland beheimaten, und deren Produkte, Innovationen und Exporte Probleme lösen und die Welt besser machen.

95 Prozent des Mittelstands sind Familienunternehmen, in der Regel vom EigentĂŒmer gefĂŒhrt – so wie zum Beispiel die Firma Joma-Polytec in Bodelshausen am Fuße des Hohenzollern unweit von Hechingen am Rande der SchwĂ€bischen Alb. Zusammen mit seinem Bruder Alexander fĂŒhrt Hans-Ernst Maute, ein so zupackender wie nachdenklicher Familienvater mit Doktortitel, die von den Eltern geerbte Firma mit 330 Mitarbeitern. Neben Kunststofflösungen fĂŒr die Automobilbranche und die Fensterbranche baut die Firma ihre Leistungen fĂŒr Medizintechnikhersteller aus.

FĂŒr solche Unternehmer ist der Gewinn kein Selbstzweck. Als nach 2008 die Krise auch die Firma traf, strichen die Mautes alle Sonderzahlungen und Boni, fĂŒr sich selbst an erster Stelle, und versprachen im Gegenzug, alle ArbeitsplĂ€tze zu erhalten. Ein großes persönliches Risiko – aber die Sozialpartnerschaft ging auf, wie bei vielen anderen MittelstĂ€ndlern. WĂ€hrend große deutsche Firmen zwischen 2008 und 2011 2,4 Prozent der ArbeitsplĂ€tze kĂŒrzten, konnte der Mittelstand die BeschĂ€ftigung sogar um 1,6 Prozent steigern. Leistungsgerechte Bezahlung und sichere ArbeitsplĂ€tze: das ist eine soziale Leistung ersten Ranges.

MittelstĂ€ndler wie die Mautes setzen auf Mitarbeiterentwicklung durch Aus- und Fortbildung. Sie kennen ihre Mitarbeiter und deren Talente, ihre Familien und deren Sorgen. Sie bilden die Töchter und Enkel ihrer Mitarbeiter ebenso aus, wie sie sich fĂŒr die Resozialisierung eines straffĂ€llig gewordenen Mitarbeiters oder individuelle Lösungen fĂŒr religiöse BedĂŒrfnisse von Migranten zustĂ€ndig fĂŒhlen. Jeder kriegt bei ihnen eine faire Chance auf Aufstieg durch Leistung – und im Zweifel auch eine zweite.

Der „mighty Mittelstand“ – ein deutsches Erfolgsmodell

Entwicklung von Talenten, Chancen auf Aufstieg, Sozialisierungs- und Integrationsleistungen: auch damit garantiert der Mittelstand die soziale QualitĂ€t der Marktwirtschaft. Aber damit nicht genug: MittelstĂ€ndler suchen kreative, innovative und effiziente Lösungen fĂŒr eine bessere Zukunft. Die Kunststoffe der Firma der Mautes sparen Energie und Gewicht. MittelstĂ€ndische Forschung und Entwicklung, hĂ€ufig in regionaler Kooperation wie im Hechinger Medical Valley, fördern den nachhaltigen Fortschritt.

Und das weltweit. Deutschland 1.307, USA 366, Japan 220, Österreich 128, Frankreich 75, China 68, United Kingdom 67 und alle anderen LĂ€nder zusammen 479 – das waren im Jahr 2012 die Zahlen der WeltmarktfĂŒhrer. Dass Deutschland an der Spitze liegt, verdankt es eben diesem BreitenphĂ€nomen: dem „mighty Mittelstand“ (CNN).

Der mĂ€chtige soziale Mittelstand ist ein deutsches Erfolgsmodell, das lĂ€ngst auch in Asien und Amerika studiert wird – von Forschern wie Prof. Theodore Roosevelt Malloch, der seinen Wechsel von Yale nach Oxford nutzt, um am Weltethos-Institut in TĂŒbingen Station fĂŒr ein Buch ĂŒber den Mittelstand zu machen. DafĂŒr untersucht er insbesondere den Zusammenhang zwischen Ethos und Exzellenz des deutschen Mittelstandes.

Auch Guido Westerwelle, schon immer ein StĂŒck schneller als andere, hat das lĂ€ngst erkannt. Die von ihm gegrĂŒndete Guido Westerwelle Stiftung soll den „German Mittelstand“ zum Exportschlager machen. Es ist an der Zeit, auch fĂŒr die Arbeitsministerin und den Wirtschaftsminister, die sozialen Leistungen der mittelstĂ€ndischen Marktwirtschaft auch in Deutschland stĂ€rker zu wĂŒrdigen: Soziale Marktwirtschaft – das ist in erster Linie mittelstĂ€ndische Marktwirtschaft.

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