Freiheit ist der Quellcode der Weltgesellschaft

von Christopher Gohl17.05.2016Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Taugt der Liberalismus zur Grundlage einer friedlichen Weltgesellschaft, oder ist er nur ein westliches Projekt? Der Philosoph Claus Dierksmeier lädt zum Mitdenken ein.

Welche Freiheit? Mit dieser Grundfrage lädt der Philosoph Claus Dierksmeier dieser Tage dazu ein, die Idee der Freiheit zur Grundlage der vielfältigen und im Entstehen begriffenen Weltgesellschaft zu machen. In einer Zeit, in der Fundamentalisten, Nationalisten und Autokraten das Projekt der Freiheit derart unter Beschuss nehmen, dass auch bei Freunden der Freiheit die Befürchtung wächst, die Freiheit habe ihre besten Tage wohl schon hinter sich, könnte “sein Buch”:http://www.transcript-verlag.de/leseprobe/?file=http%3A%2F%2Fwww.transcript-verlag.de%2Fmedia%2Fpdf%2F3ea7a60afb4c8e5c1cb8878334f1bbeb.pdf&author=Dierksmeier%2C%20Claus&title=Qualitative%20Freiheit „Qualitative Freiheit. Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung“, “ab 1. Juni im Transcript Verlag”:http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3477-8/qualitative-freiheit, aktueller, wichtiger und zentraler nicht sein.

Denn Dierksmeiers Buch ist eine so bescheidene wie kraftvolle Intervention: Bescheiden, weil Dierksmeier keine finale Theorie der Freiheit verkünden, sondern eine systematische Lesart der liberalen Projekte von Kant über Hayek bis Sen zum Mitdenken und Selbstdenken anbietet. Und kraftvoll, weil diese Lesart das Projekt der Freiheit gegen alle Kritiker klug, selbstbewusst und systematisch verteidigt und dessen soziale wie wirtschaftliche, moralische wie politische Kraft freilegt — als anspruchsvolle, aber historisch bewährte Agenda für ein friedliches, fortschrittliches und weltbürgerliches Miteinander. Das ist klug gedacht, klar strukturiert, gut geschrieben und verständlich formuliert: Eine Lust zu Lesen!

Ein Disclaimer vorab: Als Freund und Kollege von Claus Dierksmeier am Tübinger Weltethos-Institut habe ich die Entstehung dieses Buches in den vergangenen Jahren verfolgen können. Mit dieser und den nächsten Kolumnen will ich den Gewinn meiner eigenen Einsichten zur Diskussion stellen und unverhohlen Lust auf Lektüre machen. Habt Freude an der faszinierenden Idee der Freiheit – und an der Überwindung eigener Vorurteile!

Globalität: wenn Innen- und Außenpolitik identisch sind

Auch wenn sich Claus Dierksmeier auf Einladung der Friedrich Naumann Stiftung, die das Buch finanziell und publizistisch unterstützt, und von Christian Lindner seit über zehn Jahren immer wieder in die deutsche Diskussion zum real existierenden Liberalismus einschaltet: Sein Buch adressiert nicht die konkrete Frage einer erneuerten FDP, sondern die künftige Frage nach der Freiheitlichkeit einer vielfältigen und heute noch vielfach illiberalen Welt. Woraus sich dann für fortschrittliche Parteien und Bewegungen im Herzen Europas vieles Weitere ergibt, prinzipiell wie praktisch.

„Wir leben in einer Welt nicht nur der Globalisierung, sondern der Globalität“, so Dierksmeier, bestimmt von gegenseitigen Abhängigkeiten: Was Chinesen kaufen, schafft oder vernichtet unsere Arbeitsplätze. Was wir an Kohle verheizen, kostet Küste in Bangladesh. Wenn Diktatoren heute Städte bombardieren, haben wir morgen Turnhallen voller Flüchtlinge. Die Welt ist so klein geworden, dass uns Sorg- und Rücksichtslosigkeiten von gestern schon heute wieder einholen. Die „Externalisierung“ von Kosten ist vorbei – ab jetzt ist jeder Tag ein Zahltag.

So wird Außenpolitik, nicht nur in Europa, zu einer anderen Form von Innenpolitik, und jede innenpolitische Maßnahme muss auch außenpolitisch vertreten werden. Und so werden gelingende Globalität und ziviles Zusammenleben zur entscheidenden Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Wie kommen wir, so lässt sich die Dierksmeier’sche Herausforderung zusammenfassen, “von der Weltrisikogesellschaft”:http://www.begleitschreiben.net/ulrich-beck-weltrisikogesellschaft/ zur Weltchancengesellschaft?

Nur die Freiheit taugt als Leitidee einer globalisierten Welt

Klar: Globalität macht vielen Angst, gerade auch vor der Freiheit und ihren Disruptionen. Wie Berichte des Freedom House oder der britischen Economist Intelligence Unit (EIU) zeigen, wird Freiheit zunehmend unterdrückt – und mit ihr viel zu viele Frauen, gute Ideen und unternehmerische Initiative. Da steht der universale Anspruch des Liberalismus vor der Bewährungsprobe: Taugt er als global geltende, sich selbst verstärkende Leitidee für freie Menschen einer freien Welt von Buenos Aires über Baghdad bis Brisbane? Und was heißt das für den Kontinent zwischen Barcelona und Budapest?

Ohne eine menschenfreundliche Leitidee wird Globalität zum bloßen Überlebenskampf zwischen Starken und Schwachen. Im Licht einer Leitidee wären gegenseitige globale Verflechtungen und Abhängigkeiten zu ordnen, Rechte und Pflichten weltlich verbindlich zu regeln und eine neue Weltordnung zu gestalten. Law, morals and order statt Wilde Welt!

Viele Philosophen sagen, diese Leitidee müsse „Gerechtigkeit“ sein. Das ist seit John Rawls die gefährlich überschätzte und fast alternativlose Default-Antwort. Dierksmeier gibt eine andere: Freiheit. Denn auch Gerechtigkeit brauche zunächst die Freiheit, sich auf akzeptable Maßstäbe zu einigen. Erst also Freiheit, dann Gerechtigkeit. Und deren Maßstab bleibt die Freiheit.

Freiheitsfeinde sagen: Wir lehnen die Freiheit ab. Mit Dierksmeier können wir entgegen halten: Selbst wer die Freiheit ablehnt, nimmt sie wenigstens für die Ablehnung in Anspruch. Es ist deshalb Unrecht für Freiheitsfeinde, Anderen die Freiheit zur Bejahung abzusprechen. Das macht die Freiheit zu einem so besonderen, nicht hintergehbaren Wert. Und auf diese Gewissheit, mit diesem Recht lässt sich auf der Idee der Freiheit auch eine Weltgesellschaft begründen.

Denn Freiheit hat weltweite Strahlkraft

Pah, winken Freiheitsfeinde ab: Alles philosophischer Humbug. In Wirklichkeit ist Freiheit doch nur eine westliche Idee. Und viel zu Viele im Westen glauben das selbst. Aber mit Dierksmeier, dem Direktor des auf ethische Gemeinsamkeiten spezialisierten Weltethos-Instituts, können wir antworten: Schon immer haben viele Kulturen und Religionen die Idee der Freiheit in vielfältigen Formen zu kultivieren versucht – die einen mehr, die anderen weniger überzeugend. Der Kampf um ihre Bedeutung hält an, denn die Idee der Freiheit inspiriert weltweit. Das Streben nach Freiheit ist sogar die treibende Kraft jüngerer Weltgeschichte. Davon zeugt die ungebrochene Attraktivität jener Freiheitsrechte, die als Menschenrechte alles andere sind als nur eine westliche Idee, wie der “Soziologe Hans Joas gezeigt hat”:http://www.deutschlandfunk.de/menschenrechte-europas-geschichtsblindheit.1310.de.html?dram:article_id=316970.

Davon zeugt aber auch das Wirken von Friedensnobelpreisträgern aus der ganzen Welt, die sich der Idee der Freiheit verschrieben haben – so der Russe Andrei Sacharow, der Inder Kailash Satyarthi, die Burmesin Aung San Suu Kyi, der Dalai Lama aus Tibet, der Chinese Liu Xiaobo, Carlos Filipe Ximenes Belo und José Ramos-Horta aus Ost-Timor, Albert Lutuli aus Zimbabwe, der Südafrikaner Nelson Mandela, Ellen Johnson Sirleaf und Leymah Gbowee aus Liberia, die Jemenitin Tawakkol Karman oder die Iranerin Shirin Ebadi. Ganz zu schweigen von Wirtschaftsnobelpreisträgern wie Mohammad Yunus aus Bangladesh oder Amartya Sen aus Indien, die Wirtschaft stets unter dem Leitstern der Freiheit verstanden haben.

Die so heftig attackierte Idee der Freiheit hat weltbürgerliche Tradition und Strahlkraft; auch ein Grund, warum sie von den Putins, Erdogans und Orbans so attackiert, von Schein-Liberalen wie der FPÖ so missbraucht und von islamischen Fundamentalisten in ihrer Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam von 1990 so verdreht wird. An diese Tradition und Strahlkraft erinnert uns Dierksmeier.

Welche Idee der Freiheit kann weltweit begeistern?

Aber wer sind nun die Freiheits-Vordenker einer neuen globalisierten Welt – und was sind ihre Argumente? Unterhalb der ehrwürdigen Idee des Freihandels bleibt die Diskussion unter Liberalen seltsam national begrenzt, gestrig, neoklassisch und männlich. Ein Lichtblick immerhin: Die “Students for Liberty”:http://www.offene-grenzen.net/2016/02/17/optimismus-statt-krisenrhetorik/ engagieren sich für offene Grenzen, also in einem Ausschnitt aus der größeren Diskussion über gelingende freiheitliche Globalität – mit Argumenten, die immerhin zur Entfremdung der Generationen und zum Bruch der Hayek-Gesellschaft letzten Sommer beigetragen haben.

Die Sprachlosigkeit liberaler Aktivisten mag, demonstriert Dierksmeier, auch an der Ratlosigkeit der liberalen Nachdenker liegen. Zwar sind sich die Akademiker einig, dass die von Isaiah Berlin popularisierte Unterscheidung von negativer und positiver Freiheit praktisch nur noch in ideologische Fallen und Verteilungskämpfe führt – womit sie Recht haben: Liberale und Libertäre streiten genau in diesen Kategorien untereinander herzlich weiter und sprechen sich gegenseitig Liberalität ab wie früher K-Gruppen ihre historische Daseinsberechtigung.

Aber wo bleibt in all dieser Ratlosigkeit die Idee einer Freiheit, die Kapitalisten aus Chicago ebenso wie Mikrounternehmerinnen in Uganda begeistern könnte, die auf Zuspruch stößt bei Argentiniern und Aborigines ebenso wie bei Zyprioten und Zulus, die Muslime und Buddhisten ebenso wie Christen und Atheisten akzeptieren können, in der sich neugierige Hayekianer und ratlose Rawlsianer, bleeding heart libertarians und vielleicht sogar Bernie Sanders und seine Fans alle zusammen wieder finden könnten? Eine Idee der Freiheit, die zum Kern einer neuen, weltweiten Freiheitsbewegung werden sollte?

Der Liberalismus irrt zwischen Egoisten und Weltbürgern

Ach, manchen ist die Frage schon zu groß. Sollen sie sich doch eine kleinere Welt suchen! Wobei, nun ja, die Welt schon immer kleiner wird. Andere halten die Frage für träumerischen Idealismus. Häufig die, die ihre Geschichts- und Leidenschaftslosigkeit und ihre strategische Inkompetenz für ein ganz besonderes Zeichen von Realitätstüchtigkeit halten – bis die Geschichte, ganz real, von Anderen geschrieben wird.

Dabei ist der Liberalismus in Ansätzen schon gut vorbereitet. Eine universal ansprechende und global akzeptable Vorstellung von Freiheit, bei der um der Freiheit selbst willen die Vielfalt der Freiheit und die Selbstkorrektur freiheitlicher Projekte stets Programm bleibt, hat Tradition. Geschichtsmächtig stärker sind freilich andere von Liberalen vertretene Vorstellungen gewesen, so der Reaganomics-geprägte Washington Consensus oder die von zu vielen Liberalen mitvertretene Vision einer neokonservativ Weltordnung.

Dass und wie Liberalismus weltweit wirkt, zeigen nicht nur Freiheit, Frieden und Wohlstand der westlichen Welt, sondern auch die Entwicklung armer Länder. Aber der Blick auf die ganze Welt zeigt eben auch, dass eine einseitige Dynamik der Freiheit nicht für alle befreiend wirkt; dass Freiheitsgewinne oft eingestrichen, aber Freiheitsinvestitionen verweigert und Freiheitskosten in fremde Länder und ferne Generationen exportiert werden. Dass die Fahne der Freiheit zu oft von rücksichtslosen Egoisten getragen wird, die ihren Egoismus auch noch für ein liberales Prinzip halten.

Daraus ist zu lernen. Zum Beispiel: Wo Liberale die Idee der Freiheit nur auf eine eigene, gegenüber anderen angeblich privilegierte Form reduzieren – zum Beispiel auf negative statt positive, auf wirtschaftliche statt soziale, auf äußere statt innere, auf die bestehende statt die künftige Freiheit – da machen sie die Idee der Freiheit klein. Und ignorieren unter Gefahr der Engstirnigkeit und Engherzigkeit die vielfältigen Formen, Erfahrungen und Erfordernisse eines freiheitlichen Miteinanders. – Heißt das dann anything goes? Ach was! Siehe nächste Kolumne.

Das Angebot: Der freien Welt einen Quellcode!

Eine solche Analyse – natürlich viel differenzierter – begründet den ideengeschichtlichen Streifzug Dierksmeiers. Unbestritten dürfte schon jetzt sein Verdienst sein, die deutsche Diskussion um Vordenker und Ideen jenseits der usual suspects zu erweitern. Und ich teile sogar die Einschätzung von Dieter Schnaas von der Wirtschaftswoche, einem anderen frühen Leser des Buches: „Zum Bonmot verkürzt: Claus Dierksmeier befreit die Freiheit.“ Auch wenn es eher heißen müsste: „Wer Dierksmeier liest, befreit das eigene Freiheitsdenken.“ Das Bonmot ist natürlich poppiger.

Schnaas schreibt weiter: „Die drei Grundfragen seiner Untersuchung lauten: Was heißt ‘Freiheit’ in weltbürgerlicher Absicht? Wie lässt sich ‘Freiheit’ zu einem Leitbegriff universalisieren, der ‘Gleichheit’ und ‘Gerechtigkeit’ einschließt? Welche Entgrenzungen und Bindungen braucht die ‘freie Marktwirtschaft’, um als Ethos der Mitmenschlichkeit weltweit Anerkennung und Vertrauen zu genießen?“ Die Antwort darauf begeistert Schnaas: „Das erhellende Ergebnis: Mit dem Begriff der ‘qualitativen Freiheit’ teilt Dierksmeier nicht etwa das Unteilbare. Sondern er öffnet der Freiheit eine Perspektive, die von vernunftbegabten Menschen weltweit geteilt werden kann: von den Börsenmaklern an der Wall Street in New York so gut wie von den Arbeitern in den Sweat Shops von Dhaka.“

Freiheit, qualitativ ausbuchstabiert: Das wäre der Quellcode einer freien Welt freier Bürger, sozusagen die DNA von Frieden und Fortschritt, Zivilität und Zivilisation. Wie man sich das mit Dierksmeier vorzustellen hat? Dazu nächstes Mal mehr.

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