Persönliche Daten sind das neue Öl. Andrew Keen

„Hömma, Matussek!"

Matthias Matussek wollte doch nur spielen. Aber aus Spaß wurde Ernst, und jetzt hat er sich verzockt und ist rausgeflogen bei der Welt. Auf Abwege begab er sich schon 2006 – ein Seufzer.

Matthias Matussek hat mich früh begeistert. Der konnte schreiben! Das wollte ich auch. Schon 1993, ich war Abiturient und suchte Kontakt mit ihm. Mehr dazu später im Text.

Dann kam 2006. Deutschland, Dein Sommermärchen, die Welt zu Gast bei Freunden, alle hatten uns so lieb, wie schön. Und Matussek schrieb das Buch dazu: “Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können.” Dachte ich, als ich es kaufte. Aber was für eine Enttäuschung, dieses Buch! Denn Matussek hatte begonnen, statt Texten sich selbst zu inszenieren. Und das bekam den Texten gar nicht.

Wie ein enttäuschter Liebhaber schrieb ich meine Gedanken auf. Als Rezension: „Zur Lage der Nation aus dem Geiste des Kosmöschens.“ Ich schickte sie natürlich nie ab, so beschämt war ich über seinen Quatsch. Aber jetzt passt der Text doch: Nicht als Abgesang, denn der Kerl bleibt uns irgendwo erhalten. Aber so als Seufzer: „Hömma“, wie auch MM so mault: „Damals fingst Du an zu nerven!“ Also, ab in die Vergangenheit – der Rest meines Textes ist Zitat aus 2006.

Zur Lage der Nation aus dem Geiste des Kosmöschens

Matthias Matussek sucht die deutsche Nation: „Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können", erschienen im S. Fischer Verlag, 2006. Sein eigentliches Ziel ist, beim Weitpiss-Wettbewerb der champagner-schlürfenden Chauvinisten anderer Länder endlich mal mithalten zu dürfen – was die Briten dürfen, könnten wir Deutschen doch viel besser! Und vor allem würden wir dabei noch so intelligente Spuren in den Humus der Geschichte pinkeln, wie Matussek an jeder Ecke nachzuweisen versucht. Leider erstreckt sich seine Nation – wie überhaupt die ganze Welt – nur bis ans Ende seines eigenen, auf Gedanken zu Deutschland ausgepressten Freundeskreises, souveräne Jet-Setter immerhin: Gestern Prenzlberg, morgen Montmartre und übermorgen Zuckerhut, da gibt’s jeweils prächtig ahnende Ausblicke auf Deutschland.

Eine Rezension im Stile des besprochenen Werks lautet in etwa so: „Ich denke schon seit Jahren über die deutsche Nation nach, und nicht nur nachts. Immer wieder begegnet mir dabei Matthias Matussek. Als ich 1993 bemerkte, dass dieser kluge Mann neuer Spiegel-Korrespondent in New York wurde, erkannte ich sofort den Bruder im Geiste: wir sind beide aus Stuttgart-Degerloch, besuchten beide das humanistische Karls-Gymnasium, und wir trugen beide Hosenträger. Die deutsche Einheit lag jetzt hinter uns, das Abitur lag ein Jahr vor mir, und es war Zeit, die Zukunft zu gestalten. Ich informierte ihn deshalb in einem Brief von meinem Angebot, in seinem Büro Kaffeetassen zu waschen, wenn er mir das andererseits als Praktikum bescheinigen würde. MM schrieb sehr intelligent zurück, ohne meine Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen.

MM war Siegfried, aber natürlich im Kostüm von Heinrich Heine

Schade – wer weiß, wie viel Deutschland von unserem frühen intellektuellen Austausch profitiert hätte. So mussten erst drei Jahre vergehen, bevor wir uns 1996 etwas ausführlicher unterhalten und die Grundlage seines jetzt erschienenen Werkes legen konnten. Ich interviewte ihn zum Amerikanismus und die do-it-yourself-Mentalität der Amis, die nach MM „nicht immer nur jammern und am Rockzipfel von Mutter Staat hängen.“ (In unser beider Weltbild passte neben „Papas Taschen“ „Mutter Staat“ eigentlich ganz gut. Sein Vater war linker CDU-Sozialbürgermeister in Stuttgart und MM hatte in seiner Schulzeit selbst Streiks gegen das imperialistische System und für niedrigere Brezelpreise organisiert.) Naja, sagte ich im Verlauf unseres Gesprächs, Uncle Sam sei ja immer unverstellt er selbst, den Deutschen sei aber ihr Bemühen anzumerken, gute Demokraten zu werden. Warum seien wir Deutschen so verkrampft in unserer Identität?

Damals diagnostizierte MM messerscharf: „Das hängt natürlich mit unserer Geschichte zusammen. Wenn bei den Yankees im Stadion alle aufstehen und die Nationalhymne singen, verblüfft mich das immer wieder. Das ist nicht verkrampft und nicht bedrohlich. Das ist so ein rührender Stolz auf diese verdammt große Nation. Das geht bei uns natürlich nicht mehr." Aber: geht natürlich doch, behauptet jetzt der neue, dazu gelernte MM von 2006 und publizierte die Antwort auf meine Frage in Buchform. Er hat nämlich seither in den Stahlgewittern der britischen Abneigung gegen Deutsche gebadet und ist dem Bad als junger Siegfried entstiegen, einerseits ein edler Held, dabei aber auch – ironisch-dialektische Brechung! – brillant kostümiert als Heini Heine. Denn der ist gleichzeitig „deutschester Deutscher und kosmopolitischster Weltbürger", und darin natürlich so etwas wie ein früher Vorläufer des heutigen MM-Modells. Heine also stellt er sich von Paris zurückverpflanzt nach Berlin vor, wo er MMs Lesegewohnheiten folgt und wie MM allerlei mehr oder weniger interessante Deutsche kennenlernt, von denen er trotz pertinenter Frage-Attacken bis ins Berliner Kult-Lokal „White Trash" hinein nicht wirklich hört, was denn das eigentlich sei: „Deutsch sein“. Was wiederum eine abgeklärte Ratlosigkeit beweist, die Heine bestimmt so selig verzückt hätte wie Matussek, glaubt Matussek. Der darum ein stolzer, kosmopolitischer, sehr Deutscher ist, ein Heine in Vollendung.“

Wir Deutsche so als Bonifatius, Beethoven, Beckenbauer!

Ende der Rezension im Stile Matusseks. Auf 351 Seiten quält er in dieser Tor-Tour sein Privat-Kosmöschen zwischen Heidi Klum, Ariadne von Schirach und Sarah Kuttner dem einzig intelligenten Höhepunkt entgegen, der Begegnung mit dem großen Deutschen und Degerlocher Harald Schmidt, so mit Fragen wie „Wann war Deutschland das tollste Land auf Erden?" oder mit Befehlen à la: „Sagen Sie jetzt einen unverkrampften Satz über Deutschland!" Die wirren Assoziationen wurzeln, wo selten bei den Interviewten, so wenigstens bei einigen Versuchen Matusseks, dann im Humus deutscher Kulturgeschichte: „Wir, die Erben der Römer! Arminius, Karl der Große, heiliger Bonifatius! Barbarossa, Gutenberg, Beethoven, Heine, Bonhoeffer, Lubitsch, Beckenbauer, Heidi Klum!“ Fruchtbarer Boden, sicher, vor allem jenseits des „schwarzen Riegels der Großen Schuld“, Humus auch für ein selbstbewusstes humanistisches Deutschland, an dem man ehrlich Freude haben könnte. Matussek kennt dieses Territorium aber leider nur vom Hören-Sagen, darin ein Siegfried-strahlender Maul-Held. Die Substanz von Heimat und Horizont bleiben für Matussek Senf-Buletten und Kaviar, vereint auf einem Tellerchen, wie er, hach, natürlich nur in Berliner Salons gereicht wird.

Man muss ja den pausbäckigen Patriotismus wirklich nicht immer bis auf seinen nationalistischen Totenschädel röntgen. Aber aus den Wortwolken pittoresk-plüschigen, populär politisiert geplauderten Palavers aller MM-Klone aller Hauptstädte wird eine intelligente – oder wenigstens glückliche – deutsche Nation natürlich niemals hervorgehen. Wir hätten es wissen müssen: Eingangs bittet Matussek darum, bei seinen Ausführungen daran zu denken: „der beißt nicht, der will nur spielen!“ Wer aber nicht beißen will – mindestens: die Zähne zusammen bei den dünnsten, dümmsten Dünkungen –, sollte, bei allem Respekt vor einem zivilen Begriff der Nation, über diese gar nicht erst boulevard-feuilletonisieren.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christopher Gohl: Das Vorbild des republikanischen Populisten

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