Der HĂ€userkampf hat begonnen

von Christopher Gohl19.10.2015Innenpolitik

Wir stehen vor einem Guerillakrieg der Hysteriker und Hasser gegen die Demokratie. DialogfĂ€hig oder nicht – das ist die alles entscheidende Frage.

Als der kalte Stahl den nackten Hals traf, ging die Saat des Hasses auf. Der feige Anschlag gegen die Kölner OB-Kandidatin Henriette Reker am Samstag morgen war nicht der erste, und wird lange nicht der letzte Gewaltausbruch sein, der in den kommenden Monaten und Jahren noch prominentere Opfer treffen wird – und unsere Demokratie ins Wanken bringen soll.

Der arbeitslose AttentĂ€ter von Köln sah – wie viele gefĂŒhlte Verlierer – in der Gewalt einen einfachen Weg, um zum Helden zu werden. Seinen Mordversuch verstand er offenbar als rechtsnationalen Widerstand gegen die Aufgabe der Sozialdezernentin Reker, FlĂŒchtlinge in Köln menschenwĂŒrdig unter zu bringen. Ohne Zweifel haben ihn der Haß und die Hysterie ermutigt, die derzeit in Deutschland kultiviert werden. Demonstranten stellen auf den MarktplĂ€tzen der Republik wieder Galgen und Guillotine auf. Da blĂŒhen blutige Umsturzfantasien.

Hysterie und Hass stecken hinter vielen Masken

Das macht den Kölner Mordgesellen zu einem BannertrĂ€ger der Zivilisationsfeinde. Denn das ist es, was Hysteriker und Hasser attackieren: ZivilitĂ€t als Form, Zivilisation als Ziel. Sie tragen viele unterschiedliche Masken: Als KreuzzĂŒgler und Islamisten, als rechtsextreme Nationalisten oder linksextreme Terroristen, als AttentĂ€ter und Arsonisten, als Masse und als Mob. Sie tun so, als bekĂ€mpften sie einander, aber in Wahrheit bekĂ€mpfen sie alle Manifestationen gelingender Menschlichkeit.

Das ist kein neues PhĂ€nomen, sondern das geht so seit Jahrhunderten. Darauf hat schon Stefan Zweig hingewiesen, der in einer der leidenschaftlichsten Freiheitsschriften der Moderne, seinem „Castellio gegen Calvin“ 1936 von einem Kampf sprach, „der unter anderen Namen und unter anderen Formen immer neu“ ausgekĂ€mpft werde: „GleichgĂŒltig, wie man die Pole dieser stĂ€ndigen Spannung benennen will – ob Toleranz gegen Intoleranz, Freiheit gegen Bevormundung, HumanitĂ€t gegen Fanatismus, IndividualitĂ€t gegen Mechanisierung, das “Gewissen gegen die Gewalt”:http://www.theeuropean.de/christopher-gohl/10262-offener-brief-an-den-saudischen-botschafter –, alle diese Namen drĂŒcken im Grunde eine letzte allerinnerlichste und persönlichste Entscheidung aus, was wichtiger sei fĂŒr jeden einzelnen – das Humane oder das Politische, das Ethos oder der Logos, die Persönlichkeit oder die Gemeinsamkeit.“

Neu ist aber, dass Hass und Hysterie in vielen Masken zugleich kommt. Denn wir stehen nicht vor einem Kulturkampf, wie wir ihn aus der Vergangenheit kennen: König gegen Klerus, Deutsche gegen Fremde, Christentum gegen Islam oder GlĂ€ubige gegen UnglĂ€ubige. Der Kleister angeblicher Kulturkollektive verdeckt die eigentlichen zivilisatorischen “Konfliktlinien”:http://www.theeuropean.de/christopher-gohl/8850-das-zivilisatorische-minimum-freier-gesellschaften – und verstellt den Blick darauf, dass hier der Salafist Pierre Vogel, der Pegida-Erfinder Lutz Bachmann und der Antisemit Ken Jebsen und andere „gefĂ€hrliche BĂŒrger“ (Christoph Giesa) Seite an Seite stehen mit nationalistischen Hooligans und tĂŒrkischen Grauen Wölfen. Sie alle sind GuerillakĂ€mpfer gegen HumanitĂ€t, Freisinn und Demokratie.

Thomas de MaiziÚre macht Hysterie mehrheitsfÀhig

Neu ist auch, dass die bunten Mobbanden der Hasser die Massen anzustecken beginnen. Denn viele Menschen sind verunsichert. Seit Beginn des neuen Jahrtausends durchleben wir Krisen und Kriege, Wirtschafts- und WĂ€hrungseinbrĂŒche, Separatismus und Sektierertum, Terror und Tribalismus, und schließlich Fundamentalismus und Flucht. Der Finanzkrise folgte die Euro- und die Griechenlandkrise, der Krim-Krise die Ukraine-Krise, den Kriegen im Nahen Osten die FlĂŒchtlingskrise.

Diese Krisen machen Angst. Sie entzĂŒnden Konflikte, die den Konsens unserer Freiheitsordnungen anfressen und Vertrauen aufzehren. Wo die Krise zum Normalzustand wird, wird Angst zu Hysterie und Hass. Das beginnt hinten bei der gesellschaftlichen Nachhut, den Ewiggestrigen. Es frisst sich links und rechts an den RĂ€ndern entlang und dann langsam Richtung Mitte. GefĂŒhle werden mĂ€chtiger als die Vernunft, die Spirale der Gewalt ist abschĂŒssig, und Pessimismus macht sich breit.

Hinter ihren verschiedenen Masken fĂŒhren die Hasser einen HĂ€userkampf gegen die Demokratie als humanste Form der Zivilisation. Sie quartieren sich ein in die Mitte der BĂŒrger, in die Untergeschosse der Kommentarspalten genauso wie in den OberstĂŒbchen unpolitischer Menschen. Die noch ungeformten Sorgen der BĂŒrger werden zur Beute der ideologisch entschlossenen Hasser, deren gestanzte Sprechblasen die Sprachlosigkeit vieler BĂŒrger ersetzt.

DialogfÀhigkeit trennt Demokraten von Hassern

Und wie reagieren die demokratischen Parteien, die am Werk des Parlamentarismus mitwirken? AfD und Teile der Linken sowie der CSU werden zu SteigbĂŒgelhaltern der Extremisten, deren Wahrheit sie nichts entgegen setzen und deren Furor sie auf die eigenen MĂŒhlen zu lenken glauben, aber letztlich wie ein Kamin nur anfachen und mehrheitsfĂ€hig machen. So schwappt die Hysterie von den Kommentarspalten in die Überschriften und findet Eingang in die Redetexte von Horst Seehofer und Innenminister Thomas de MaiziĂšre.

Alle Demokraten, rechts wie links und in der Mitte sowieso, sollten wissen: Die Hysteriker und Hasser bekĂ€mpfen unsere Demokratie. Nicht die Herrschaft der Mehrheit ĂŒber die Minderheit, sondern Demokratie als Ordnung unserer politischen Freiheit und Vielfalt – als Formenlehre des Dialogs, der zivilen VerstĂ€ndigung, der klugen Beratung und der gemeinsam abgestimmten VerĂ€nderung. Die Feinde der rechtsstaatlichen Demokratie, der gewaltfreien Suche nach besseren Lösungen, der Toleranz anderer Meinungen: Sie verweigern den Dialog. Sie sind nicht dialogfĂ€hig. Das trennt uns Demokraten von der dummen Gewalt der Hysteriker und Hasser.

Dialog ist eine FĂŒhrungsaufgabe fĂŒr Demokraten

“DialogfĂ€hig”:http://www.theeuropean.de/christopher-gohl/9454-warum-wir-spott-fuer-die-gesellschaft-brauchen oder nicht – das ist die alles entscheidende Frage. DialogunfĂ€hige Nationalisten, Islamisten, Pegidisten und Linksextreme stehen gegen dialogfĂ€hige Patrioten, Christen, Muslime, Atheisten, Konservative, Liberale und Sozialisten, fĂŒr die die Wahrheit sich am Widerspruch schĂ€rft, das Argument sich am Gegenargument verbessert und die PrioritĂ€ten sich an konkreten Problemen ausrichten. Wir dialogfĂ€higen Demokraten dĂŒrfen – und mĂŒssen zugleich – mehr Vertrauen in die LernfĂ€higkeit unserer Demokratie vorleben. Auch wenn wir ĂŒber Wege streiten – an der HumanitĂ€t, an ZivilitĂ€t als Form und Zivilisierung als Ziel mĂŒssen wir gemeinsam festhalten.

Besorgten BĂŒrgern sollten wir deshalb nicht mit paternalistischem Gestus die Sorgen von den Lippen ablesen oder in die Hirne hineindichten, sondern wir sollten das “GesprĂ€ch”:http://www.theeuropean.de/christopher-gohl/9417-souveraene-demokratie-heisst-dialog suchen. Unsere demokratischen Parteien sind Deklarationen gewöhnt, die ĂŒber Massenmedien verbreitet werden und Positionierungen markieren. Aber im HĂ€userkampf um die Herzen der BĂŒrger ist die beste Waffe nicht die Deklaration, sondern der Dialog. Der Sorgen ernst nimmt, aber nicht alleine stehen lĂ€sst. Der gemeinsame Hoffnungen anspricht und konkret wird.

Dass sich Menschen Sorgen machen, ist normal. Welche Sorgen sie sich machen, sollten wir wissen. Wo Sorgen aber unberechtigt sind, weil Angst die Vernunft verdrĂ€ngt, mĂŒssen wir widersprechen. Denn Dialog beginnt mit Widerspruch. Und Dialoge zu fĂŒhren, ist genau das: Eine “FĂŒhrungsaufgabe fĂŒr Demokraten”:http://www.cicero.de/blog/stiftung-neue-verantwortung/2012-06-15/gute-beteiligung-ist-die-machtfrage-der-zukunft. Und die beste Versicherung fĂŒr ZivilitĂ€t als Form und Zivilisation als Ziel.

Der Schulterschluss der Demokraten am Samstag Abend in Köln war richtig und wichtig. Er darf Selbstkritik unter Demokraten nicht ersetzen. Aber er sendet das richtige Signal: Gegen Gewalt stehen Demokraten immer zusammen!

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die erstaunlichen GeschÀfte der Greta Thunberg-Lobby

Greta Thunberg bricht mit einem Segelboot in die USA auf. Das globale Medienspektakel um die KlimaschĂŒtzerin erreicht einen neuen Höhepunkt. Doch im Hintergrund ziehen Profis ihre PR-Strippen und machen erstaunliche GeschĂ€fte.

"Ganz klar die AuslÀnderkriminalitÀt."

Vor einigen Wochen stellte Friedrich Merz völlig zu Recht - aber natĂŒrlich auch völlig entsetzt - fest, dass sehr viele Polizisten und Soldaten mittlerweile UnterstĂŒtzer der Alternative fĂŒr Deutschland sind.

Der Rest der Welt hĂ€lt Deutschland fĂŒr verblödet

Deutschland ist nur fĂŒr kaum mehr als 1 % des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, wĂ€hrend China, der grĂ¶ĂŸte Emittent, vom Pariser Klimaschutzabkommen das Recht auf Steigerung seiner CO2-Emissionen eingerĂ€umt bekommen hat. Die politisch herbeigefĂŒhrte Verelendung der deutschen Bevölk

Die SPD tut eigentlich sehr viel fĂŒr die Menschen

Die Halbzeitbilanz entscheide ĂŒber den Verbleib der SPD in der GroKo, sagt die kommissarische Parteichefin Schwesig. Was sie weiter saghte, sehen Sie hier!

Unsere Positionen sind keineswegs AfD-nah

Gern unterstellen unsere Gegner der WerteUnion, unsere Positionen seien AfD-nah. Die RealitĂ€t ist aber, dass die WerteUnion Positionen vertritt, die ĂŒber Jahrzehnte unbestritten Positionen der CDU/CSU waren. Leider hat die alte ParteifĂŒhrung diese Positionen in den letzten Jahren aber ĂŒber Bord

Warum Sie aus der Klimakirche austreten sollten

Es gibt in der Wissenschaft unterschiedliche Meinungen darĂŒber, ob es eine allgemeine KlimaerwĂ€rmung gibt und welchen Anteil der Mensch daran hat. Diese unterschiedlichen Positionen werden von Politik und Systemmedien nicht offen diskutiert; vielmehr wird wahrheitswidrig behauptet, dass nur ein un

Mobile Sliding Menu