Zwei Werte für Alle

von Christopher Gohl15.09.2015Europa, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Zur Willkommenskultur gehört die Ansage, welche Werte in Europa für Gastgeber und Gäste gleichermaßen gelten. Es sind nicht „westliche“, sondern weltbürgerliche Werte.

Die wichtigste Frage im Umgang mit Flüchtlingen wird noch kaum diskutiert geschweige denn klug beantwortet. Dabei hat die Antwort darauf Einfluss auf alles: von der Erstaufnahme über das alltägliche Miteinander bis zur erfolgreichen Integration ins Bildungssystem, in den Arbeitsmarkt und in unsere Städte und Gemeinden.

Die Frage lautet: welche Werte sind verbindlich und prägend für unseren Umgang miteinander? Oder anders gesagt: welche Werte programmieren unser Zusammenleben verbindlich für Gastgeber und Gäste, für Einheimische und Fremde und prägend für alles, was wir voneinander erwarten können?

Ich glaube, die beste Antwort darauf hat nichts mit „deutscher Leitkultur“, „christlich-jüdischen Werten“, „westlichen Werten“ oder Multikulturalismus zu tun. Sondern sie ist einfacher und universaler. “Das zivilisatorische Minimum des Miteinanders n entspringt der menschlichen Erfahrung und der Geschichte.

Die Flüchtlinge sind eine Bewährungsprobe für unsere Werte

Zwei Werte sind es, die für alle Weltbürger gelten sollten. Es sind zwei hart errungene, immer wieder umkämpfte und stets gefährdete Werte. Sie prägen schon heute unsere Verfassungen, staatlichen Institutionen und gesellschaftlichen Konventionen. Ihr Geist durchdringt unsere Gesetze und Gewohnheiten, und sie stecken in den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln dieser halb geborenen europäischen Republik.

Diese zwei Werte haben großen praktischen Wert bewiesen. Denn einerseits lösen sie eine ungeheure politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche Dynamik aus. Andererseits zivilisieren sie diese Dynamik aber auch und kanalisieren sie für humanen Fortschritt. Überall auf der Welt lösen sie Sehnsüchte aus, weil sie eine Absage an Grausamkeit, Angst und Gewalt sind und den Weg zu Chancen für jeden ebnen, ein Leben nach eigenen Vorstellungen führen zu können. Hunderttausende Menschen, die nach Deutschland und Europa fliehen, streben nach diesen Lebenschancen Europas.

Diese Werte sind: die Freiheit und die Würde jedes einzelnen Menschen.

Beides sind Werte für alle Weltbürger, die nur in unserem selbstkritischen Blick „liberal“ oder „westlich“ sind. Denn Freiheit und Menschenwürden entsprechen universalen menschlichen Erfahrungen. Überall auf der Welt schmerzt es, Unfreiheit oder die Verletzung der eigenen Würde zu erfahren. Überall auf der Welt kultivieren Religionen und Kulturen seit Tausenden von Jahren Formen moralischer Autonomie, individueller Verantwortlichkeit und würdevollen Lebens – alles Experimente der Zivilisation, der Zivilisierung menschlichen Zusammenlebens. Und im Labor Europas sind, nach Millionen von Toten, endlich Gesetze und Gewohnheiten entstanden, die dem Geist eines würdevollen selbstbestimmten Lebens emanzipierter Bürger a besonders beispielhaft entsprechen. Perfekt sind sie nicht, aber produktiv. Und der Strom der Flüchtlinge stellt sie auf eine Bewährungsprobe.

Freiheit und Menschenwürde gelten unbedingt für Jeden

Die unbedingte Freiheit jedes einzelnen Menschen und seine unantastbare Würde – diese beiden Werte hängen zusammen. Denn die Freiheit begründet unsere Menschenwürde; die Menschenwürde wiederum verpflichtet uns im Gebrauch unserer Freiheit. Beide Werte schließen andere Werte und Tugenden wie Gleichheit, Solidarität, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit oder Dialogfähigkeit nicht aus, sondern als sekundäre, dienende Werte mit ein. Zusammen könnten sie der Kern des europäischen und zugleich beispielhaft weltbürgerlichen Projekts l sein, wofür mein Kollege am Weltethos-Institut, der Philosoph Claus Dierksmeier, immer wieder wirbt.

Jeder Flüchtling, aber auch jeder besorgte Bürger und jeder Fremdenhasser muss wissen, was diese Verpflichtung auf Freiheit und Menschenwürde der Einzelnen heißt – bis hin zum Bruch mit bisherigen Gewiss- und Gewohnheiten. Nämlich zum Beispiel:

• Menschenrechte hat jeder Mensch, nicht nur Deutsche, christliche Europäer oder Männer. Menschenrechte sind auch Frauenrechte

• Männer und Frauen, Christen, Muslime, Juden, Hinduisten und Atheisten mögen glauben, was sie selbst verantworten können, so lange sie es niemand anderem aufzwingen; schon gar nicht staatlich.

• Die Vielfalt religiöser und kultureller Traditionen ist für eine offene Bürgergesellschaft nicht nur selbstverständlich, sondern auch eine Stärke. Gleichzeitig messen wir diese Traditionen auch an ihrem Beitrag zur würdevollen Selbstbestimmung jedes einzelnen Menschen.

Pressefreiheit gilt auch für Karikaturen , aber niemand muss sie witzig oder geschmackvoll finden oder eine Satirezeitschrift kaufen.

• Die Justiz ist unabhängig, das Gewaltmonopol liegt beim Staat, eine Todesstrafe oder Selbstjustiz gibt es nicht.

• Töchter und Ehefrauen haben ein Recht auf eigene Bildung und Berufswahl, Freundschaften und Freizügigkeit – sie müssen nicht so leben, wie es Väter, Brüder, Freunde, Lehrer oder Geistliche bestimmen wollen.

• Jede Frau hat selbstverständlich das Recht, selbst zu entscheiden, ob sie Kopftuch oder Jeans oder Hotpants trägt.

• Männer dürfen Männer und Frauen dürfen Frauen küssen, auch in der Öffentlichkeit.

• Jeder darf essen und trinken, was er selbst verantworten will – auch Alkohol,
Schweinefleisch oder rituell geschlachtete Tiere.

• Toleranz ist kein Zeichen von Schwäche, sondern der kluge Umgang mit Differenzen, der uns Zivilität sichert und zivilisatorisch weiterbringt.

• Der Widerspruch im Namen der Freiheit und Menschenwürde gehört zur zivilen öffentlichen Kritik an Religionen, tradierten Überzeugungen und kulturellen Praktiken. Im fairen und offenen Dialog darüber können wir alle gewinnen.

Lebenschancen für Jeden treiben den Fortschritt für alle

Freiheit und Menschenwürde: Beide Werte zusammen haben unseren Kontinent in Europa so weitgehend wie noch nie zivilisiert – und treiben noch stets die Suche nach besseren Lösungen für ein menschliches Miteinander. Sie ermöglichen das, was hunderttausende Menschen jetzt in Europa suchen und was für uns selbstverständlich ist: echte Chancen, das eigene Leben in Würde zu führen. „Lebenschancen“, wie Ralf Dahrendorf, der deutsch-britische Soziologe, sie nannte – oder „capabilities“, wie Amartya Sen, der indische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger, sie nennt.

In der Bundesrepublik prägen diese beiden Werte das Grundgesetz und die formalen Institutionen und Gesetze des liberalen Rechtsstaats, der sozialen Marktwirtschaft und der parlamentarischen Demokratie. Aber sie prägen auch die informellen Konventionen und Gewohnheiten unserer offenen Bürgergesellschaft. Sie sind die Treiber einer beispiellosen friedlichen Vielfalt der Lebensentwürfe, der Produktivität unserer Volkswirtschaften, der Kreativität und der Toleranz unserer Städte.

Die persönliche Chance auf ein Leben in Freiheit und Würde macht uns alle besser. Sie verpflichtet uns zugleich zur Sorge um die Freiheit und Würde aller Anderen und damit zum sorgsamen Umgang mit Unterschieden. So sorgen plurale Gesellschaften für Fortschritt. Das fest zu stellen, ist kein Idealismus, sondern nüchterner Realismus . Und es sollte, so meine ich, nicht nur der unverhandelbare Kern unseres Angebots an die Flüchtlinge sein, sondern auch der Quellcode unseres europäischen Gesellschaftsvertrags – für eine europäische Weltbürgerrepublik.

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