Schluss mit diesen FIFA-Weltmeisterschaften!

von Christopher Gohl30.05.2015Sport

Die Weltmeisterschaft in Katar, nicht Korruption, ist der eigentliche Skandal des Weltfußballs. Ein offener Brief mit Plan B an den DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach.

Lieber Herr Niersbach,
cc lieber Herr Bach und Kollegen beim IOC zur Kenntnis,

in diesem Moment der Krise und der Chance des Weltfußballs schreibe ich Ihnen als Fußballfan, weil ich in Sorge um die freiheitsstiftende Kraft des Fußballs bin. Jetzt kommt es auf uns Fußballfreunde an – und in erster Linie auf Sie, die Sie als oberster Fußballweltmeister eine besondere Stimme und Verantwortung haben.

Fußball fasziniert – Milliarden von Menschen, die ein Endspiel im Maracana-Stadion verfolgen, ebenso wie drei kleine Kinder, die in einem staubigen Hinterhof in den Metropolen Afrikas oder Asiens auf ein Tor an der Mauer kicken. Sage niemand, die Menschheit habe nichts gemeinsam! Sie hat dieses universale Spiel – ein Spiel für Weltbürger.

Fußball vereint die Kreativität und Vielfalt einzelner Talente mit der Disziplin arbeitsteiliger Teams. Unterschiedliche Spielideen können gedeihen, weil es faire und gleiche Regeln für alle gibt. Die einzigartige Mischung aus Wettbewerb und Kooperation, leidenschaftlicher Leistung und respektvoller Rücksicht ist, mit dem Philosophen Claus Dierksmeier gesprochen, Ausdruck eines globalen Leitwerts – der fair und verantwortlich ausgeübten Freiheit der Einzelnen. “Davon können Weltpolitik und Weltwirtschaft noch viel lernen: Denn so geht Weltbürgerschaft.”:http://www.welt.de/debatte/kommentare/article130083179/Fussball-ist-der-groesste-Volkserzieher.html

Die FIFA ist zum Spielball für Autokraten geworden

Es ist deshalb kein Wunder, dass die FIFA mehr Mitgliedsländer als die UN hat. Sie ist eine globale Macht, eine weltweit tätige und bekannte NGO, die viel Gutes tut – by default, möchte man sagen: Weil es bei diesem Spiel eigentlich gar nicht anders geht.

Aber der weltweite Fußball ist durch die FIFA leider auch zum Spielball mieser Mächte, Monarchen und Monetenschieber geworden. Die nächsten von der FIFA geplanten Weltmeisterschaften in Russland 2018 und Katar 2022 verraten alle Werte und Regeln, die den Fußball so großartig machen. Sie strotzen vor Machtdemonstrationen der herrschenden Autokraten und stinken dabei aus jedem Loch nach Korruption. Aber vor allem sind sie Treiber der systematischen Verletzung von Menschenrechten.

Es ist Zeit, lieber Herr Niersbach, dieses Treiben zu beenden. Durch Boykott? Ich war nie ein Freund der Idee, internationale Sportereignisse zu boykottieren. Denn Spiele bringen Menschen zusammen. Als friedlicher Wettbewerb der Nationen beweisen sie die Möglichkeit einer besseren Welt. Sollte es Missstände im Gastgeberland geben, werden sie durch das Licht der Weltöffentlichkeit offensichtlich und zur Schande für die Gastgeber. Die Gäste aus aller Welt beleben die lokale Wirtschaft und bringen nicht nur neue Ideen, sondern auch neue Sitten ins Land. Menschen machen Erfahrungen und Freundschaften, die unsere Welt schöner, stabiler und friedvoller machen. Sportliche Mega-Events, sollte man glauben, sind Freudenfeste für Weltbürger.

Im schönen Schein der Spiele attackieren Autokraten Menschenrechte

“Aber Human Rights Watch weist schon lange darauf hin”:http://www.hrw.org/world-report/2015/essays/raising-bar, dass sportliche Mega-Events in freiheitsfeindlichen Ländern leider viel zu oft zum Schlachtfest für Menschenrechte werden. Nicht nur verletzen sie Menschenrechte, sondern sie belohnen sogar deren Verletzung systematisch und in fünf Bereichen – wie zu beobachten bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 und in Sotschi 2014 oder in der Mache bei den FIFA-Weltmeisterschaften in Russland 2018 und Katar 2022.

Erstens werden der Planung von Sportstätten routinemäßig Eigentumsrechte geopfert, wenn störende Bewohner ohne angemessene Entschädigung und häufig gegen ihren Willen umgesiedelt werden. Für den Bau neuer Stadien werden zweitens Gastarbeiter ausgebeutet – aktuell zu besichtigen in Katar, wo die Arbeitgeber von Gesetzes wegen auch die Vormundschaft über die Arbeiter übernehmen, sie unter unmenschlichen Bedingungen schuften lassen und dann bei der Lohnzahlung betrügen. Wer gegen soziale und ökologische Folgekosten protestiert, wird drittens ins Gefängnis gesteckt, unter Hausarrest gestellt oder unter tatenloser Aufsicht der Polizei von Nationalisten verprügelt.

Viertens legitimieren Autokraten ihre minderheitenfeindliche, homophobe und frauenfeindliche Politik mit großen Spielen. Während in den Stadien die bunte Welt geherzt und gemimt wird, darben Menschenrechtsaktivisten im Gefängnis, Frauen werden von Sport und Stadien ausgeschlossen, und die Funktionäre von IOC und FIFA schlürfen Sekt aus den alten Bewerbungsunterlagen der Gastgeber mit ihren billigen Bekenntnissen zur Nicht-Diskriminierung.

Gastgeber müssen sich an die Spielregeln der Menschenrechte halten

Natürlich leidet darunter, fünftens, die Pressefreiheit. Autokratische Regierungen unterdrücken schlechte Nachrichten und hindern gute Journalisten an der Arbeit – durch Verhaftungen, Einschüchterungen und Zensur. Westliche Medien, die pünktlich zum Beginn der Spiele extrem kurzsichtig auf ihrem Menschenrechtsauge werden, zahlen dann dreistellige Millionenbeträge, um die Propaganda von Autokraten live loben und ausstrahlen zu dürfen.

So darf das nicht weitergehen. Ich will ausdrücklich die einsetzende Hexenjagd auf Josef Blatter und seine FIFA nicht mitmachen – zunächst sind die fraglichen Vorgänge, endlich einmal, Gegenstand rechtsstaatlicher Aufklärung, nicht nur der verbandsinternen Kosmetik. Aber die Zeit ist reif wie nie, jetzt die Rolle der FIFA beim eigentlichen Skandal zu hinterfragen und zu reformieren: mit Autokraten zu tanzen und sich einen schlanken Fuß bei Menschenrechtsverletzungen zu machen.

Autokratisch geführte Länder werden durch den sportlichen Großkontakt eben nicht einfach mit Werten wie Vielfalt, Fairness und Respekt vor der Leistung des Einzelnen infiziert. Vielmehr nutzen sie den schönen Schein der Spiele dafür, die Dunkelheit im eigenen Land zu vertiefen.

Ich meine: Es ist Zeit für einen Strategiewechsel. In Zukunft muss gelten: Wer Weltmeisterschaften ausrichtet, muss sich selbst unbedingt an die Spielregeln der Menschheit halten – an die Menschenrechte. Wer das nicht tut, darf auch nicht teilhaben an den Gewinnen von Frieden, Vielfalt, Kreativität und Kooperation, die auf dem Fundament der Menschenrechte gedeihen. Wer die Menschenrechte foult, foult die Freiheit der Einzelnen – und muss unbedingt aus dem Turnier fliegen.

Plan B: Ein neuer Weltfußballverband

Der Weltfußballverband sollte sogar zur Bedingung der Vergabe machen, dass die Gastgeber aktiv die Praxis der Menschenrechte fördern – zum Beispiel Eigentumsrechte honorieren, faire Löhne zahlen, bürgerrechtliche Kompetenzen bei Justiz und Polizei stärken, Frauensport ermutigen, Diskriminierungen beenden und Pressefreiheit gewährleisten. Der Weltfußballverband könnte dafür die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen wie Freedom House, amnesty international und Transparency International suchen, um schon vor der Vergabe ein entsprechendes Monitoring zu ermöglichen.

Ob dieser Weltfußballverband die FIFA sein kann: Das steht bestenfalls in den Sternen. Denn natürlich muss der Weltfußballverband selbst glaubwürdig und korruptionsfrei sein – und natürlich auch darauf verzichten, seine Milliardengewinne steuerfrei zu stellen.

Jetzt jedenfalls liegt der Ball bei uns, den Fußballfans, GEZ-Zahlern, Merchandise-Käufern, DFB-Mitgliedern und Konsumenten: Wir müssen Druck auf den DFB, die Fußball-Sponsoren und auch auf die UEFA machen – nicht nur die FIFA zu reformieren, sondern auch die Weltmeisterschaften in Russland und Katar neu zu vergeben.

Das heißt im äußersten Fall: Einen neuen Weltfußballverband zu gründen. Diesen Plan B müssen Sie jetzt entwickeln, lieber Herr Niersbach. Denn Konkurrenz belebt das Geschäft – und es muss Schluss sein mit FIFA-Weltmeisterschaften, die Menschenrechte verletzen. Ich spiele den Ball jetzt zu Ihnen, Herr Niersbach: Sie sind unser oberster Weltmeister – und jetzt kommt es auf Sie an: Machen Sie Ernst mit den Menschenrechten! Denn der Fußball, dieses völkerverbindende Faszinosum, hat nichts anderes verdient.

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