Der Verlust des Fremden

Christoph Wulf28.12.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Im Zeitalter der Globalisierung ist Bildung mehr denn je auch interkultureller Auftrag. Wir stehen vor der Aufgabe, uns selbst und unser Wissen ständig hinterfragen zu müssen. Je mehr Informationen zur Verfügung stehen, desto kritischer müssen wir mit ihnen umgehen.

Angesichts von Globalisierung und Europäisierung ist Bildung heute mehr denn je eine die Grenzen der eigenen Kultur überschreitende interkulturelle Aufgabe. Bei dieser kommt es darauf an, Perspektiven kultureller Diversität mit Perspektiven zu verbinden, die die Situation der Menschheit insgesamt betreffen. Eine Vermittlung zwischen diesen beiden Bezugspunkten ist nicht einfach und stellt eine erhebliche Herausforderung an Erziehung und Bildung dar. Zu den großen die Menschheit insgesamt betreffenden globalen Problemen gehören die Erhaltung des Friedens, der Umgang mit kultureller Diversität und die Bildung für Nachhaltigkeit, die eng miteinander verschränkt sind und von deren konstruktiver Bearbeitung die Zukunft der Menschheit mitbestimmt wird. Die Komplexität des Verhältnisses zwischen dem Ich und dem anderen besteht darin, dass das Ich und der andere sich nicht als zwei voneinander abgeschlossene Entitäten gegenüberstehen, sondern dass der andere in vielfältigen Formen in die Genese des Ichs eingeht. Der andere ist nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb des Individuums. Der im Ich internalisierte andere erschwert den Umgang mit dem anderen außen. Aufgrund dieser Konstellation gibt es keinen festen Standpunkt diesseits oder jenseits des anderen. In vielen Ausprägungen des Ichs ist der andere immer schon enthalten.

Wenn der Mensch sich nur noch selbst begegnet

Angesichts der auf die Entzauberung der Welt und das Verschwinden des Exotischen zielenden gesellschaftlichen Entwicklung besteht die Gefahr, dass in Zukunft sich die Menschen in der Welt nur noch selbst begegnen und es ihnen an einem Fremden fehlt, mittels dem sie sich in Auseinandersetzungen entwickeln können. Wenn der Verlust des Fremden eine Gefährdung menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten bewirkt, dann kommt seinem Schutz, d. h. der Entfremdung des Bekannten und der Bewahrung der Selbstfremdheit, Bedeutung zu. Bemühungen um die Erhaltung des Fremden im menschlichen Innern und in der Außenwelt wären dann notwendige Gegenbewegungen gegen eine die Differenzen nivellierende Globalisierung. Nur zu leicht kann das Schwinden des Fremden auch zum Verlust des Individuellen führen, das sich aus der spezifischen Verarbeitung des Fremden konstituiert. Die Unhintergehbarkeit des Individuums greift das in jedem Individuum wirkende Bedürfnis nach Selbstvergewisserung auf. Selbstvergewisserung zielt auf ein Wissen darüber, was das Individuum geworden ist, was es ist und was es werden will.

Individuelle Reflexion und Entscheidung

Ein Bewusstsein von der Nichtidentität des Individuums bildet eine wichtige Voraussetzung für die Offenheit gegenüber dem anderen. In der Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, mit dem anderen in der eigenen Kultur und dem Fremden in der eigenen Person, soll die Fähigkeit entwickelt werden, vom Fremden bzw. vom anderen her wahrzunehmen und zu denken. Durch diesen Perspektivenwechsel gilt es, die Reduktion des Fremden auf das Eigene zu vermeiden. Versucht werden soll, das Eigene zu suspendieren und es vom anderen her zu sehen und zu erfahren. Ziel ist die Entwicklung heterologischen Denkens. In seinem Mittelpunkt steht das Verhältnis von Vertrautem und Fremdem, von Wissen und Nichtwissen, von Gewissheit und Ungewissheit. Infolge von Enttraditionalisierung und Individualisierung, Differenzierung und Globalisierung sind viele Selbstverständlichkeiten des alltäglichen Lebens fragwürdig geworden und erfordern individuelle Reflexion und Entscheidung.

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