Demografischer Schlafwandel

von Christoph Schlegel14.08.2014Gesellschaft & Kultur

Doreen treibt Schuhverkäufer in den Ruin, Anne fühlt sich zu jung für Kinder und Lars flüchtet vor meuternden Rentnern. Willkommen in der wunderbaren Welt des demografischen Wandels. Ein Liveticker.

3. Juni 2014: Dramatische Wende im dünn besiedelten Landkreis Ludwigslust-Parchim: Doreen M. zieht weg. Der Schuhladen hatte noch gehofft. Doreen war eine treue Kundin. Doch nun ist Schluss. Es leben jetzt nur noch zwei Achtzigjährige im Nachbarort – und die haben es nicht so mit Schuhen.

4. Juni 2014: Der stellvertretende Referatsleiter im Bundesinnenministerium (BMI), Thomas K., betrachtet heute erneut die PDF-Datei: „Demografie-Strategie des Bundes“.

5. Juni 2014: In der Seniorenresidenz „ProSenior“ in Boitzenburg kommt es zu tumultartigen Szenen. Rudolf K. und Hans F., zwei ehemalige Flakhelfer, hatten versucht, sich den Weg in den völlig überfüllten Speiseraum freizuschießen. Drei indonesische Pflegehelferinnen konnten im letzten Moment eingreifen.

7. Juni 2014: Große Hoffnung: Die angehende Eventmanagerin Anne-Eva K. ist offenbar schwanger. Sie selbst weiß noch nicht, ob sie „mit der Situation klar kommt“. Sie sei erst 43 und damit noch „recht jung“ für Kinder.

8. Juni 2014: Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) plant eine Reform des Elterngeldes. Künftig bekommt eine monatliche Zuwendung in Höhe von 485 Euro, wer mit seinem Lebenspartner mindestens einmal pro Jahr über das Thema Kinder spricht.

9. Juni 2014: Im BMI zieht Thomas K. in Erwägung, mittelfristig die „Demografie-Strategie“ des Bundes durch den Passus „ … für eine Kultur des deutlich längeren Arbeitens…“ zu ergänzen.

12. Juni 2014: Im TV-Talk „Menschen bei Maischberger“ sitzen Richard von Weizsäcker, Helmut Schmidt und Peter Scholl-Latour. Thema des Abends: „Freizeitangebote für die Jugend“.

Deutschland atmet auf

17. Juni 2014: Das Kreuzfahrtschiff „MS Frohnatur“ wird vom Bundesamt für Seeschifffahrt nicht für die Ostsee zugelassen. Mehrere Hochbetagte rufen zur Meuterei auf. Kapitän Lars M. wirft sich in letzter Sekunde in ein Rettungsboot.

19. Juni 2014: In einer Schlange an der Kasse bei Aldi in Tauberbischofsheim kommt es zum Eklat. Angesichts der Vielzahl an zeternden Rentnern („Können Sie mal eine zweite Kasse aufmachen!!!“) erleidet Filialleiterin Angela T. vor Ort einen Burn-out. Seit zwei Jahren betreut sie die Filiale allein.

20. Juni 2014: In der Kindertagesstätte „Die fröhlichen Zwerge“ in Deggendorf wird der sechsjährige Oskar N. verabschiedet. Er wird nun eingeschult. Oskar war das letzte zu betreuende Kind. Die Kita macht zu, die beiden Erzieherinnen gehen in Rente.

21. Juni 2014: Beim wiederholten Lesen entdeckt Thomas K. einen sachlichen Fehler in der „Demografie-Strategie des Bundes“.

22. Juni 2014: In Reinsdorf schließt der 87-jährige Arzt Erich L. seine Praxis. Seit drei Jahren kam niemand mehr und L. sah sich außerstande, weiter die Hausbesuche in bis zu 68 Kilometer Entfernung mit seinem alten Diamant-Fahrrad zu bewältigen.

23. Juni 2014: Greta von R., die seit 15 Jahren allein eine 340-Quadratmeter-Villa in Berlin-Dahlem bewohnt, lädt zwei Freundinnen zum Tee ein.

28. Juni 2014: Die Deutsche Rentenversicherung will Anreize für die noch arbeitende Bevölkerung schaffen. So soll ab Herbst der „Beitragszahler des 
Monats“ ausgezeichnet werden.

29. Juni 2014: Im BMI plant Thomas K. eine Überarbeitung der „Demografie-Strategie des Bundes“ anzuregen. Ein entsprechender Antrag soll im Laufe des Jahres eingereicht werden. Deutschland atmet auf.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu