Hotzenplotz mit der Splitterschutzweste

von Christoph Schlegel30.08.2013Innenpolitik

Das Ungeheuer von Loch Ness, der Zwetschgen-Datschi und Dracula – Wahlkampfreden haben es in sich. Besonders die von der FDP. Eine Redeanalyse zum Wahlkampfauftakt in Berlin.

Wahlkampfreden sind ganz einfach: Der Kandidat der Regierung muss nur sagen, wie toll alles ist, was man geleistet hat, und wie beschränkt der politische Gegner ist. Das brüllt man in die Ohren seiner Anhänger, die breitbeinig an Biertischen sitzen und gerne klatschen. Eine Wahlkampfrede löst nicht wirklich was aus, sie verfolgt nur ein Ziel, der Zuhörer soll denken: „Da hat er irgendwie recht!“

So auch beim Wahlkampfauftakt der FDP in Berlin-Dahlem, nicht gerade einem sozialen Brennpunkt der Stadt. Sie feiern ein FDP-Sommerfest in der Bio-Bauernhof Domäne Dahlem, es gibt Spanferkel. Es sprechen der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler und Martin Lindner, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Ein Karussell fährt, und die Wespen kreisen um die gelben Sonnenschirme.

Jürgen Trittin ist eher ein Räuber Hotzenplotz

In der Rede von Rösler sind wir schnell bei der Frage: Robin Hood oder Räuber Hotzenplotz? Philipp Rösler sieht es so: Zwar spiele sich Jürgen Trittin, der Spitzenkandidat der Grünen, als Robin Hood auf, weil er „einigen wenigen“ das Geld nehmen wolle, mit seiner Vermögensabgabe und seinen neuen Steuern, um das Geld dann unter den vielen Bedürftigen im Land aufzuteilen. Der Trittin sei aber kein Robin Hood, wettert Rösler: „Jürgen Trittin ist eher ein Räuber Hotzenplotz, der eine Raubzug durch die Mitte der Gesellschaft plant.“ Törööö!

Die Domäne Dahlem bezeichnet sich als „Freilandmuseum für Agrar- und Ernährungskultur mit ökologischem Schwerpunkt“, ein Bio-Bauernhof mit U-Bahn-Anschluss – und mittendrin die FDP. Das allein ist ja schon subversiv. Doch die FDP ist angekommen. Martin Linder berichtet, wie er neulich hier vorbeigeradelt ist und Zwetschgen geholt hat, aus denen seine Frau dann einen Zwetschgen-Datschi hergestellt hat. Auch das ein Wahlkampfreden-Klassiker: Bekenne dich zu deiner eigenen Familie bzw. erinnere dich daran, dass du noch eine hast. Der zweite Klassiker: Bekenne dich zu deinem Glaube. „Als gläubiger Katholik kann man für das gute Wetter beten.“ Und als gute Politik weiß man, dass Beten … usw. usf.

Glaube, Familie haben wir, aber da fehlt doch noch was? Genau: Das heroische Engagement für die Bundesrepublik Deutschland. „Ich erinnere mich noch gut, wie Philipp und ich damals mit der Splitterschutzweste durch Bagdad gereist sind.“ Sie hätten dort Wirtschaftsbeziehungen aufgebaut. Und wir haben verstanden: Martin Lindner, ein gottesfürchtiger Familienmensch mit Splitterweste, das ist einer, der kämpft für uns, den woll’ma och im Bundestag. So einfach ist das: Splitterschutzweste und Zwetschgen-Datschi – wenn du das hast, muss es rein, in die Wahlkampfrede.

Wer ist schon Hotzenplotz?

Und dann ist jemand bei der FDP auf die Idee mit dem Hotzenplotz gekommen. Schon im Mai 2013, beim Parteitag hatte Rösler Trittin zum Räuber Hotzenplotz gemacht. Das war damals in derselben Rede, in der er SPD-Kandidaten Peer Steinbrück als Nessie, das Steuermonster, bezeichnet hatte. Die Frage ist: Dient „Hotzenplotz“ dazu, um Trittin zu dämonisieren – oder soll es ihn abwerten? Gut, der Räuber Hotzenplotz ist ganz schön clever, wie er die Kaffeemühle klaut, die Großmutter unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auf dem Fahrrad entführt, den Kasper und den Seppel einige Male ordentlich foppt und sich schließlich aus dem Spritzenhaus befreit. Ein gerissener Kerl, eigentlich. Aber einer, vor dem sich erwachsene Wähler fürchten sollen?

Vermutlich ist der Hotzenplotz daher abwertend gemeint: Hotzenplotz? Wer ist schon Hotzenplotz? Ein Gauner mit überschaubarem Grips, der sich letztendlich ja von einem verzauberten Dackel übertölpeln lässt. Die wahren Gewinner, das sind der Kasper und der Seppel, also sozusagen Rösler und Rainer Brüderle, um im Bild zu bleiben. Aber andererseits, so sagt Rösler, will Trittin uns allen 40 Milliarden Euro abknöpfen. Sagt Rösler. Plus die 40 Milliarden, die uns die SPD wohl auch abknöpfen will, wenn Rösler richtig rechnet. Und was Nessi und Hotzenplotz mit den 80 Milliarden vorhaben? Rösler befürchtet da Schlimmes.

Bei der FDP holen sie inzwischen so viele Sachen aus dem Mythen-Schrank: Spitzenkandidat Rainer Brüderle hat Trittin beim Parteitag als „Dracula“ bezeichnet. Wegen des blutsaugerischen Elements. Aber Nessie, Hotzenplotz und Dracula – das klingt doch irgendwie nett, niedlich, ja fast zärtlich. Das ist so subversiv wie ein Tierbildpost auf Facebook. Gut, Hotzenplotz wäre sicher gegen den Veggie-Day gewesen. Wie auch die FDP. Auch ein Hotzenplotz nehme sich die Freiheit, zu entscheiden, wann man Fleisch ist und wann nicht. Gerade Hotzenplotz ließe sich das nicht vorschreiben. Von daher, wäre Hotzenplotz nicht eher ein Liberaler?

Den anderen hilft Beten

Ach, es ist ein sanft verdöster Sommerabend. Rösler ereifert sich noch ein wenig über die „um sich greifende Bevormundung“. Zitat: „Früher kam die Obrigkeit mit Marschmusik und Pickelhaube, heute kommt sie auf leisen Birkenstock-Schuhen.“ Und holt noch einen Brüderle-Klassiker aus dem Rhetorik-Keller: die Schaumweinsteuer. Kaiser Wilhelm hat die Schaumweinsteuer zur Finanzierung der Kriegsmarine eingeführt. Heute gibt es weder die Kriegsmarine noch den Kaiser, wohl aber die Schaumweinsteuer, die ist geblieben. Und deshalb soll jetzt, so die FDP-Logik der Soli gestrichen werden.

Röslers Rede enthält nicht: Wie stelle ich mir das Land vor, in dem wir leben wollen? Röslers Rede enthält: Wir sollen selber denken, selber entscheiden, und Spanferkel essen, wann wir wollen. Der FDP-Wähler in Dahlem weiß nun, da ist meine Stimme in guten Händen. Da kämpft jemand für uns. Der Lindner mit der Splitterschussweste und der Rösler gegen den Hotzenplotz. Den anderen hilft Beten.

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