Hinterglas-Rhetorik

von Christoph Schlegel20.06.2013Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

US-Präsident Barack Obama hat in der Hitze des Tages zu Angela und den anderen Deutschen gesprochen – und das mit Pathos, Emotion und Selbstironie. Eine Rede-Analyse.

Gut, inhaltlich war es überschaubar. Der Präsident feierte in seiner Rede vor dem Brandenburger Tor vor allem Berlin. Also dieses ferne Mauer-Berlin mit seinen freiheitsliebenden Menschen, nicht das Flughafen-S-Bahn-Pleite-Berlin. Später, im Verlauf der Rede hat er dann noch gesagt, dass er so langfristig die Atomwaffen reduzieren will, was logisch ist, denn Atomwaffen sind teuer in der Anschaffung und vor allem teuer in der Wartung, das kostet alles ein Heidengeld. Zumal sich heute ein Krieg viel effektiver und vor allem günstiger mit ein paar Computer-Nerds führen lässt.

Da es also nicht das ganz große Ding war, was da hinter der Glasscheibe veranstaltet wurde, er aber dennoch ein paar der üblichen Obama-Rhetorik-Kniffe angewendet hat, eignet sich die Rede ausgezeichnet als Schulungsmaßnahme deutscher Parlamentarier, gerade jetzt im beginnenden Wahlkampf:

*Lektion 1*

Wenn du Aufmerksamkeit erzielen willst, wenn du willst, dass dir jemand im Saal länger als 5,5 Sekunden zuhört, dann sei selbstironisch. Das ist schwierig, schon klar. Aber: Es wirkt immer! Und je höher dein Amt, je wichtiger dein Posten in der Welt, desto wirkungsvoller ist es, wenn du dich selbst auf die Schippe nimmst. Also: Künftig keine Witzchen mehr am Rednerpult, auch keine alberne Wortspiele. Mach es wie Obama, werde persönlich und übe dich in Selbstironie: „Man kann nicht sagen, dass Angela und ich unseren Vorgängern besonders ähnlich sind.“ Oder: „Meine Frau und meine Töchter sind nicht da, sie wollen nicht schon wieder eine Rede von mir hören.“ Und wenn ein Rosinenbomber-Pilot da steht, sagst du: „Ich hoffe, dass ich mit 92 Jahren auch noch so gut aussehe.“ Würde man einem deutschen Parlamentarier vor einer großen, einer „immens“ wichtigen Rede (also nicht bei einem Bierzeltgemetzel) Sätze dieser Art ins Manuskript hineinschreiben, er wäre mehr als irritiert: „Es ist ein ernstes Thema, ich muss eine ernste Rede halten, ich bin ein ernster Politiker.“ Und so aufgefüllt mit eigener Bedeutung, fielen diese Worte dann sofort dem Rotstift zum Opfer. Und mit ihnen die Aufmerksamkeit der Zuhörer.

*Lektion 2*

Bedanke dich! Amerikanische Redner sind begnadete Bedanker. Kaum haben sie „Hello Berlin!“ gesagt, bedanken sie sich. „Thank you for this“, „Thank you for that“. Immer wird erst mal gedankt. Danke-Sagen ist Teil der US-DNA. Sie feiern ja auch Thanksgiving. Obama hat Angela Merkel unter anderem ja auch für ihren Lebensweg gedankt. Also, lieber Parlamentarier, willst du es etwas amerikanischer, sag mal wieder „Danke“.

*Lektion 3*

Ja, es ist schwer vorstellbar, aber oft reichen nur wenige Worte und deine Rede ist schon etwas anschaulicher: „Die Geschichte redet zu uns.“ „Die Seele erstickt in der Diktatur“, „Die Freiheit atmen“, „Menschen, die die Qual des Hungers erleben“. Würdest du nie machen, solche Formulierungen. Denn, wie heißt deine Standardablehnung: „Viel zu pathetisch! – Das geht hier gar nicht in Deutschland, das kannst du vielleicht in Amerika machen, aber nicht hier.“ Es könnte aber sein, dass genau das deiner Rede fehlt. Denk mal drüber nach.

*Lektion 4*

Ist es dir aufgefallen: Man kann eine Rede auch auf 30 Minuten beschränken. In 30 Minuten Redezeit kann man schon recht viel packen. Denn wir kennen das leidige Problem: Du musst eine große und eine wichtige Rede halten und da ist klar: Du musst Minimum eine Stunde sprechen – auch wenn du gar nicht so viel zu sagen hast. Hier greift die altgermanische Redner-Regel: Je länger, desto bedeutungsvoller. Und da hältst du dich dran. Koste es, was es wolle.

*Lektion 5*

Und so sollst du es nicht machen: Wenn dein Geheimdienst mehr oder weniger jeden Schritt der Menschheit überwachen lässt. Wenn es möglich ist, einen x-beliebigen Namen in ein System einzugeben, daraufhin sämtliche E-Mails, Telefonate, Zugänge zu Kreditkarten und Bankdaten zu erhalten, dann sollte man schon so etwas wie Haltung zeigen. „Wir streben nach Sicherheit und Schutz der Privatsphäre“ und „Eine Regierung steht im Dienste des Individuums und nicht umgekehrt“ klingt gut, erklärt aber nix. Da müsstest du dann schon begründen, warum dieses Ausspähen in irgendeiner Weise Sinn machen soll. Die Zuhörer werden es dir danken.

*Extra-Lektion*

Langsam ist es an der Zeit, dass die vom Fernsehsender Phoenix bereitgestellten Moderatoren Formulierungen wie „Die mit Spannung erwartete Rede“ mal einer Modernisierung unterziehen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu