Motivation mit Knall

von Christoph Schlegel14.05.2013Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Bernd Schlömer hat seine Piraten auf den Wahlkampf eingestellt. Aber, reicht es zur Motivation der eigenen Klientel, wenn man die anderen nur schlechtmacht? Eine Rede-Analyse.

bq. Liebe Piraten, liebe Kollegen, liebe Zuhörer,

Frauen gibt es nicht. Wir sind auf dem Parteitag der Piraten in Neumarkt, irgendwo in der Oberpfalz. Und von den Piraten wissen wir: Sie sind angetreten, um alles anders zu machen. Anders als alle etablierten Parteien.

Und der Parteivorsitzende Bernd Schlömer hat am dritten Sitzungstag gezeigt, was er unter der anderen politischen Kultur versteht. Mit einer donnernden Motivationsrede hat der 42-Jährige seine Parteifreunde auf den kommenden Wahlkampf eingeschworen.

Von den Piraten wissen wir, dass sie oft und gerne Kraftausdrücke verwenden, online und in echt. Dass sie häufig für originell halten, was nur ordinär ist. Dass sie motzen und nölen, als gebe es kein Morgen mehr.

Das Problem bei Kraftausdrücken: Es kann nicht mehr viel kommen. Wenn man rhetorisch janz unten angelangt ist, wenn allet „Scheiße“ ist, wie soll man das noch steigern? Und natürlich gilt auch immer die alte Regel: Je dünner die eigene Argumentation, umso vulgärer die Beschimpfungen des politischen Gegners. Ohnehin gehört das zur rhetorischen Grundausbildung für alle Parlamentarier: Denunziere deinen politischen Gegner, setze ihn herab, beleidige ihn. Das kann man flott lernen, das macht Spaß und die Presse druckt und sendet es gerne.

Wie auch die Invektiven des Herrn Schlömer. Der arbeitet hauptberuflich im Bundesverteidigungsministerium und hat am vergangenen Wochenende in Motivation gemacht.

bq. Die Piratenpartei wird es sein, die Nerven kosten wird, sie wird nämlich einiges infrage stellen. So ist auch das Motto des Parteitages: „Wir stellen das mal infrage“. Und es gibt vieles infrage zu stellen.

In der Tat. Das Infrage-Stellen und das Frage-Stellen sind durchaus sinnvolle Stilmittel bei einer Rede. Eine Frage macht eine Rede dialogisch. Deshalb ist es angebracht und empfehlenswert, immer wieder eine Frage in die Rede zu streuen. Eine rhetorische Frage natürlich. Kein Redner, keine Rednerin erwartet eine Antwort. Zudem ist es eine Form der Rückversicherung. Und nicht zuletzt entfernt man sich vom deutschen Predigtstil, diesem Zu-den-Menschen-Sprechen. Mit vielen Fragen in der Rede startet man eine Form des Dialogs, man spricht mit den Menschen.

Und so spricht Schlömer mit seinen Piraten und fragt sich durch die parlamentarische Konkurrenz.

bq. Was treiben Sie?

Also, die anderen Parteien.

bq. Wann haben es die Christsozialen in den letzten Tagen und Wochen einmal geschafft, uns deutlich zu machen, was Steigerung von Beschäftigung oder Förderung von Innovation bedeutet? Was haben sie eigentlich getan, außer ein paar erfolgreiche Familienunternehmen zu führen? In den eigenen Ministerien?

Im weiteren Verlauf werden ein paar Unionspolitiker inklusive der Kanzlerin als nicht besonders leistungsfähig dargestellt. Schlömer scheint wenig überzeugt von der Arbeit der Regierungskoalition und so mündet es in den Fragen:

bq. Was erlauben Sie sich eigentlich? Was geht in Ihnen vor? Wer gibt Ihnen allen das Recht, sich über das Recht zu stellen? Wer gibt Ihnen das Recht, sich über Eignung, Leistung und Befähigung – und damit Chancengerechtigkeit – hinwegzusetzen? Soll der Ehrliche der Dumme sein?

Jetzt, an dieser Stelle könnte man sagen: Nun ist aber mal genug gefragt worden. Fragen schön und gut, aber nur Fragen?

Wobei:

bq. Liebe FDP. Was machen wir mit Ihnen?

Und so arbeitet sich Schlömer auch an der FDP ab. Am Lobbyismus, und dass die FDP quasi nur im Auftrag von Mövenpick im Bundestag sitzt. Gegen Ende des FDP-Bashings spricht er einen Bundesminister direkt an:

bq. Wie verstrahlt müssen Sie eigentlich sein, Herr Niebel?

Jau, so sprechen die 42-Jährigen von heute. Das ist der neue Ansatz, das sind nette Gesprächseröffnungen, das ist Piraten-Style.

bq. Sie führen Ihre eigene Klientel in den warmen Schoß der öffentlichen Beschäftigung und der sicheren Pension? Sie trauen wohl Ihren eigenen Hosenträgern nicht mehr! Am 22. September um 18:00 Uhr verlassen Sie bitte Ihr Ministerium, sonst knallt’s – aber ganz gewaltig!

Du gehst – sonst knallt’s.

Wohlmeinend könnte man sagen, Schlömer führt hier einen netten Tarantino-Aspekt in seiner Rede ein. Weniger wohlmeinend, könnte man es für typisches politisches Großmäulertum halten, das sich wenig schert um Humanität oder Fairness, das sich nicht unterscheidet von den anderen – und das bei Zuhörern, die sich nicht Piraten nennen, kaum Freude und Stimmabgabe-Drang auslöst. Doch so geht es weiter: Die anderen sind gaga. Sie können es alle nicht. Was sie machen, ist Käse.

bq. Die Grünen „predigen Wein und schenken nur Wasser aus“. Außerdem zeigen sie „in der politischen Praxis beim familiengerechten Arbeiten eine Bruchlandung! Die Zukunft geht anders, liebe Grünen – auch mal an Details denken! Nicht nur das Grobe machen!“

Genau, auch mal so elegant und ziseliert formulieren wie der Herr Schlömer.

bq. Und schließlich, liebe Sozialdemokraten, mal abgesehen davon, dass es mit dem Ideenwunder „Mr-120-km/h-Sigmar-Gabriel“ und dem Vortragsreisenden Steinbrück nicht wirklich einfacher geworden ist? […] Es gibt im Bereich der Netzpolitik kaum schädlichere Gesetze in Deutschland, denen Sie frei von jeglichem Wissen zugestimmt oder die Sie initiiert haben.

Nun geht es um Leistungsschutzrecht und den Jugendmedienstaatsvertrag, bei denen sich die SPD nach Meinung Schlömers nicht besonders clever angestellt hat:

bq. Sie arbeiten substanzlos! Hören Sie auf damit! Lassen Sie es einfach sein!

Die gesamte Rede, gut 15 Minuten, beschäftigt sich Schlömer mit der Dürftigkeit des politischen Personals in Deutschland. Das darf er machen. Die Frage ist: Reicht das? Reicht das für die Motivation der eigenen Leute? Wenn ich ein Feuer entfachen will, wäre es da nicht angemessen, zu sagen, wofür ich brenne, was ich und meine Partei besser machen, was wir sind, was uns ausmacht, was wir besser können und wie wir es besser machen, und das so leidenschaftlich wie möglich? Wie motivierend ist es, nur zu hören, dass die anderen schlecht sind. Oder, um mit Schlömer zu sprechen:

bq. Um als tadelloses Schaf in einer Schafsherde bestehen zu können, muss man vor allen Dingen eines sein: man muss ein Schaf sein! Entlassen wir diese Schafe der Demokratie auf ihre wohlverdiente grüne Wiese.

Und wenn dann alle Schafe entlassen sind, wenn es bei Niebel geknallt hat, und die SPD endgültig aufgehört hat zu existieren – dann wird endlich alles gut, mit Schlömers Piraten.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu