Der Metaphern-König

von Christoph Schlegel26.04.2013Innenpolitik

Einen Titel hat Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (SPD) bereits: Er ist der Metaphern-König der deutschen Politik. Seine Reden sind voller Bilder.

Die Bundesregierung „hat viele schöne Schachteln im Schaufenster“. Sie sind „aber leer“. Schöne Schachtel, aber eben leer. Außerdem würden von der Bundesregierung „häufig wahllos und folgenlos Feuerwerkskörper gezündet“, sprich Dinge angekündigt, aber nie umgesetzt. Deshalb hätten Bürger eine Regierung verdient „die keine leere Schachteln ins Schaufenster stellt“, und „die sich nicht in die Furche legt“. Das sagte der Kandidat vor kurzem auf dem SPD-Bundesparteitag in Augsburg.

Das Wirken Peer Steinbrücks als Kanzlerkandidat ist schon auf recht unterschiedliche Weise gewürdigt worden. Was noch nicht ausgesprochen wurde: Er ist der ungekrönte Metaphern-König der deutschen Politik, der King of Metapher, der Sprachbild-Master of the Universe. Einer, der im Gegensatz zu vielen anderen Rednern Metaphern sehr gezielt einsetzt und vor allem einsetzen kann. Kaum ein Redner nutzt so konsequent das Bild.

Bilder müssen laufen lernen

Als Steinbrück im September, etwas überraschend zum Kanzlerkandidaten gekürt wurde, da hat er nicht gesagt: Der linke Flügel, diese ganzen SPD-Altlinken, die Bedenkenträger und Oberlehrer, die sollen jetzt mal schön den Mund halten. Hat er nicht gesagt. Er hat gesagt: „Das Programm muss zum Kandidaten passen, der Kandidat zum Programm. Ihr müsst dem Kandidaten an der einen oder anderen Stelle auch etwas Beinfreiheit einräumen.” Und alle haben verstanden, was er meint. Das ist das Schöne am Bild: Man kann so unkonkret wie möglich und so konkret wie nötig bleiben. Man spricht über enge Sitze und Beinfreiheit, über leere Schachteln und Feuerwerke, und meint etwas ganz anderes. Eine Metapher ist die Chance, über etwas zu sprechen, ohne es auszusprechen.

Wenn wir uns unterhalten, wenn wir anderen vom Urlaub erzählen, von der Arbeit, dann sprechen wir sehr häufig in Bildern. Wenn es allerdings gilt, eine Rede zu verfassen, dann wird’s sperrig, dann wird‘s ernst, dann kehren wir den Gebildeten hervor. Aber: Rede ist gesprochenes Wort – und da müssen die Bilder laufen lernen. Denn einem guten Sprachbild können die Zuhörer immer leicht folgen. Und das heißt auch: Man wird verstanden. Nicht zuletzt ist es eben das Bild, das im Hirn der Hörer hängen bleibt. Für viele Rednerinnen und Redner ist die Metapher allerdings bloßer Redeschmuck, ein Trallala, eine Zierde, die man nicht braucht, unnötiger Ballast. Man hat doch Wichtiges zu sagen. Bedeutendes! Fakten, Zahlen!

Steinbrück, gehört zu denen, die wissen, dass sie ihr Anliegen, ihre Botschaft am besten mit einer Metapher transportieren. Als im September 2008 in New York die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach, eine Finanzkrise ausgelöst wurde und die Welt rätselte, wie es weiter geht und wie das globale Finanzsystem überhaupt noch zu retten sei, gab es im Bundestag eine Debatte zum Finanzmarktstabilisierungsgesetz. Und was sagte der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zum Finanzmarktstabilisierungsgesetz? Er sagte: „An den internationalen Finanzmärkten hat es gebrannt, wir müssen löschen, auch wenn es sich um Brandstiftung gehandelt hat.“

Steinbrück und der Tiger

Ein wunderbares Bild: die Feuerwehr. Diesem Bild können sogar Vorschulkinder folgen. Ein Bild, das mal eben erklärt, warum Deutschland für soundso viele Milliarden Euro bürgen muss. Nebeneffekt: Diese kurze Feuerwehr-Sequenz wurde in nahezu allen Medien, Tagesschau, Zeitungen, Online, Radio aufgegriffen. Die Beiträge enthielten immer das Zitat mit der Feuerwehr. Ohnehin enthalten die in Medien aufgegriffenen Politiker-Zitate meistens Metaphern. Unvergessen bei Steinbrück natürlich auch die Kavallerie, die er Richtung Schweiz losschicken wollte – und nun wieder losschicken will.

Von Steinbrück lernen, heißt Metaphern lernen. In seinen Reden lässt sich viel über die Wirkung von Bildern lernen. Denn gegen ein starkes Bild kann man fast nicht ankommen. Die Betreiber von Private-Equity-Firmen leiden seit Jahren darunter, dass sie 2005 der damalige Bundesarbeitsminister Franz Müntefering zu „Heuschrecken“ degradierte. Diesem Bild konnte bisher nichts Anschauliches entgegengesetzt werden. Auch wenn es natürlich fragwürdig ist, Menschen mit Insekten zu vergleichen.

Steinbrücks Reden sind meistens ein Bilder-Sturm, ein Metaphern-Feuerwerk. Da ist die jüngste Finanzkrise ein „Gezeitenwechsel“. Oder es wundert ihn, „dass der Sprengstoff, dass die Dynamitstange nicht gesehen wird, durch die Vertrauen in unser System, in unsere Gesellschaftsordnung zerstört wird“. Dass Deutschland beim Breitbandausbau hinterherhinkt (auch ein Bild) sei so, „als ob es für unsere tüchtige Automobilindustrie in Deutschland nur Schotterpisten und Waldwege geben würde.“ Bei Steinbrück wird das Bild genommen, wo es sich ergibt. Oder wie Steinbrück es in einer Rede zur „Zähmung des Kapitalismus“ am 8. April in Frankfurt formulierte: „Der Kapitalismus ist kein Tiger, und ich bin weder Siegfried noch Roy.“

Das Kino im Kopf

Die Reden des Kandidaten, der einst selbst als Redenschreiber arbeitete, funktionieren nach dem Motto: Lieber ein Bild zu viel als ein Bild zu wenig, und lieber ein schlechtes Bild als gar kein Bild. Immer wieder präsentiert er etwas für das innere Auge der Zuhörer: „Viele Menschen haben das Gefühl, die großen Banken und Finanzkonzerne sind wie die Bärenführer, die die Politiker wie am Nasenring durch die Manege zerren.“ Im günstigsten Fall stellen sich die Zuhörer gerade vor, wie ein Politiker durch die Manege gezerrt wird, und damit hat es der Redner erreicht: Das Kino im Kopf wird angeworfen. Wer dem Bild folgt, folgt dem Redner, auch bei abstrakteren oder komplexeren Dingen.

Und noch was: Die Metapher bringt Emotion in die Rede. Sie ist ein Gefühlswort. Sie löst ein Gefühl aus. Wie beispielsweise der „Paragrafendschungel“ oder (aktuell) die „Steueroase“, eine Metapher, die gerade Steinbrück derzeit oft und gerne verwendet. Es steht zu erwarten, dass im kommenden Wahlkampf von Seiten des Kandidaten einiges an Metaphern auf uns zurollen wird. Auf uns wartet so zu sagen ein Strauß an Metaphern bzw. ein Arsenal an Sprachbildern aus Steinbrücks Metaphern-Schatzkammer. Werfen wir also das Kino im Kopf an.

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