Wie man das so macht

von Christoph Schlegel22.02.2013Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Joachim Gauck hat in seiner großen Rede zur Europäischen Union das gemacht, was man bei solchen Reden halt macht. Leider nicht mehr.

Für eine vermeintlich gute Rede gibt es in Deutschland zwei Vorgaben. Zum einen gilt immer: Wichtige Texte müssen schwierig sein. Das haben wir so in der Schule gelernt. Das gilt auch und gerade für Reden. Zum anderen orientieren sich viele Rednerinnen und Redner an der Vorgabe, die da lautet: „Wie man das so macht“. Und wenn man jetzt als Bundespräsident, eine große Rede, „seine erste große Rede“ hält, vertraut man gerne diesem: „Wie man das so macht“. Und auch Joachim Gauck folgte dieser Vorgabe, die aus genau vier Regeln besteht:

#1 Mach schlechte Laune, möglichst gleich zu Beginn.
#2 Sei ein Geschichtsbuch bzw. sei ein dickes Geschichtsbuch.
#3 Rede zu den Menschen – aber rede nicht mit den Menschen.
#4 Zeige dich nie als Mensch. Denn: Wir trennen hier ganz, ganz strikt Mensch und Funktion.

Als Bundespräsident kann man in „seiner ersten großen Rede“ beispielsweise gleich zu Beginn den Satz sagen: „Ich stehe hier als bekennender Europäer“. Um dann weiter zu reden, als sei nichts geschehen. Dabei ist das doch genau die Stelle, an der es interessant wird. Wäre es nicht vorstellbar, dass man genau da einhakt und den Redner fragen lässt: Was hat mich zu einem bekennenden Europäer gemacht? Gab es ein Ereignis, ein Erlebnis? Seit wann bin ich ein bekennender Europäer und warum eigentlich?

Von Obama lernen

Auf diese Fragen könnte er doch eingehen. Die Antworten wären hoch spannend, sie könnten beispielgebend sein, nicht zuletzt sorgen sie garantiert für große Aufmerksamkeit. Diese fünf bis zehn Minuten wären vermutlich genau die Passage, die man nicht vergessen würde als Zuhörer, die nachhallt, eben weil sich der Redner als Mensch gezeigt hat, weil er etwas von sich erzählt hat, weil er sich selbst sichtbar gemacht hat. Er könnte mit diesem persönlichen Exkurs auch ein Fundament schaffen für seine weitere Rede-Argumentation, seine Überzeugung, für seine Idee. Es wäre sicher wesentlich interessanter, als auf die Gründung Italiens im Jahr 1861 einzugehen, was Bundespräsident Gauck natürlich gemacht hat, weil er in „seiner ersten großen Rede“ die Regel Nr. 2 strikt eingehalten hat.

Barack Obama hatte vor seiner ersten Wahl zum amerikanischen Präsidenten 2009 in vielen Reden die Ziegenhirten-Geschichte seines Vaters erzählt:

bq. Mein Vater wuchs als Ziegenhirte in Kenia auf… auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges kam mein Vater…zu dem Schluss, dass seine Sehnsucht – sein Traum – jene Freiheit und jene Chancen brauchte, die der Westen versprach. Und darum schrieb er Brief um Brief an Universitäten überall in Amerika… Darum bin ich hier. Und ihr seid hier, weil auch ihr diese Sehnsucht kennt.

Er hat das erzählt, um sich zu zeigen, aber eben auch um zu zeigen, was in Amerika möglich ist, und dass er es versteht, sich in die emotionale Lage seiner Zuhörer zu versetzen. Und so könnte die „identitätsstiftenden Erzählung Europas“ (deren Fehlen Gauck bestätigte) doch auch aus einer Erzählung des deutschen Bundespräsidenten bestehen und nicht nur aus der Forderung nach einer.

Stattdessen ziehen wir Regel Nr. 2. Also, erzähl‘ noch mal alles, was es zu Europa zu sagen gibt: Wie viele Mitgliedstaaten, seit wann, dann das „Tandem Frankreich-Deutschland“, Jean Monnet natürlich, der Euro, den Fall der Mauer nicht vergessen usw. Aber soll eine Rede ein Geschichtsbuch sein? Rede ist doch immer Gegenwart, Rede ist Leben, ist gesprochenes Wort, ist Jetzt. Hinter dem historischen Exkurs ahnt der Zuhörer die ungern gehörte Formulierung: „Bevor ich zum eigentlichen Thema des Tages kommen, erzähle ich Ihnen noch einmal die Geschichte von der Gründung der Europäischen Gemeinschaft.“ Schade, dass nur wenige Redner sich vorher fragen: Wollen meine Zuhörer das überhaupt hören? Könnte es nicht auch sein, dass sie das alles schon wissen? Wäre es nicht schöner, in der Gegenwart zu bleiben, den Zuhörern unter Umständen sogar etwas Neues zu erzählen und so etwas wie dem echten Leben mehr Platz einzuräumen? Warum ist gelebtes Leben immer so viel raumgreifender in einer Rede als gegenwärtiges oder gar zukünftiges Leben? Antwort: Weil man es so macht.

Erzählung aus dem Leben

Welch hohe Kraft eine Erzählung aus dem echten Leben hat, zeigt auch der Bundespräsident:

bq. Gerade habe ich an der Universität Regensburg einen Studenten getroffen, der als Pole in Deutschland aufwuchs, mit Polnisch als Muttersprache und bei Sportereignissen die polnische Fahne trug. Aber erst, als er ein Semester in Polen studierte und seine Kommilitonen ihn als Deutschen wahrnahmen, wurden auch ihm diese Teile der Identität bewusst. Es ging ihm wie vielen: Oft nehmen wir unsere Identität durch die Unterscheidung gegenüber anderen wahr.

Wunderbar: Eine erlebte Geschichte des Präsidenten, man kann sich etwas vorstellen, man kann sich den polnischen Studenten vorstellen, ein Bild erscheint, es ist keine Floskel, sondern Leben – und dann noch ein wunderbarer Gedanke am Ende: „Oft nehmen wir unsere Identität durch die Unterscheidung gegenüber anderen wahr“. Ein großartiges Element. Und so viel stärker in der Wirkung als ein Zitat eines Schweizer Philosophen. Man hätte mit der Geschichte des polnischen Studenten auch die Rede einleiten können.

Stattdessen fielen in der ersten Minute der großen Europa-Rede folgende Wörter: „Verdruss“, „Klage“, „Krise“, „Misstrauen“, „Machtlosigkeit“, „Einflusslosigkeit, „Frustration“, „Sparmaßnehmen“, „Krise des Vertrauens“. Jedes einzelne Wort, egal in welchem Kontext es gebraucht wird, ist geeignet, Zuhörer mental nach unten zu ziehen.

Man sollte die Wirkung von Wörtern nicht unterschätzen. Und wenn ich die Ouvertüre zu einer Rede, die ich eigentlich als Lobpreisung auf Europa verstanden wissen will, mit einem komplett niederschmetternden Vokabular beginne, wie wahrscheinlich ist es, dass es für die Zuhörer ein Vergnügen wird, sich mit dem europäischen Gedanken anzufreunden? Warum nicht mit den Vorteilen starten, mit dem gigantischen Freiheitsgewinn durch Europa? Warum das nicht alles zu Beginn, wenn die Aufmerksamkeit noch hoch ist, und die Gedanken noch halbwegs beim Redner sind? Warum da nicht das Feuer der Begeisterung entfachen?

Antwort: Weil man es so macht.

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