Statt der Kohle sollten wir Kinder fördern. Guido Westerwelle

Hut genommen, Hut ab

Der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. hat die Welt erschüttert. Die Worte, die er zum Abschied wählte, haben es in sich. Eine Redeanalyse.

Liebe Mitbrüder!

Gut, kann man sagen. Es saßen ja nur Männer um ihn herum. Aber diese Rede, diese in gewisser Weise einmalige Rücktrittsrede, war die nicht an die gesamte katholische Welt gerichtet? Also auch an Frauen? Und sollten die nicht auch irgendwie angesprochen werden? Oder macht ein Papst so was nicht? Papst-Rücktritte sind bisher selten. Aber die Frauen weglassen? Nun, ja. Weiter:

Ich habe euch zu diesem Konsistorium nicht nur wegen drei Heiligsprechungen zusammengerufen, sondern auch, um euch eine Entscheidung von großer Wichtigkeit für das Leben der Kirche mitzuteilen.

Grundsätzlich gut, weil dieser Einstieg hohe Spannung erzeugt: „Entscheidung von großer Wichtigkeit“. Da hören einem die Leute zu. Da muss man nicht mal Papst sein. Viele Redner vergeigen ja den Einstieg, weil sie Dinge sagen, die alle im Raum schon wissen: „Wir haben uns heute hier in der Konklave in Rom zu den drei Heiligsprechungen versammelt“ oder „Wie jedes Jahr begehen wir hier in der Stadthalle Osnabrück unsere Hauptversammlung“. Viele Redner meinen, den Zuhörern zu Beginn sagen zu müssen, wo man ist und was man hier macht – und das immer im ersten Satz. Obwohl alle wissen, wo man ist. Wer so anfängt, dem trauen Zuhörer selten zu, dass es noch interessanter werden kann. Hier ist es komplett anders. „Entscheidung von großer Wichtigkeit.“ Halleluja! Da hat man die maximale Aufmerksamkeit.

Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben.

Ein sehr langer Satz, und viel zu ineinander geschachtelt. Schwierig für Zuhörer, müssen sie doch in einem Bruchteil von Sekunden den Inhalt einer Rede aufnehmen. Zuhörer können nicht „zurücklesen“. Schwierig auch Formulierungen wie „bin ich zur Gewissheit gelangt“. Bei gesprochenem Wort sollte man diese Konstruktionen immer verbal lösen: „Habe ich festgestellt“. Das macht die Rede sofort aktiver, lebendiger. Wir Deutschen haben ohnehin das Problem: zu viele Substantive in der Rede – und dann werden die immer auch noch betont: GEWISSHEIT. Das macht Reden immer so schwer, so dumpf, so bedeutend im negativen Sinne. Natürlich sollte man, auch als Papst, auf „dass“-Sätze verzichten. Das Wichtige kommt nicht in Nebensätze. Hier gilt die alte Tucholsky-Rederegel: Hauptsätze. Hauptsätze, Hauptsätze. Lange Sätze muss man auflösen. Mit Punkten oder gedachten Doppelpunkten: „Habe festgestellt: Meine Kräfte sind infolge … usw.“

Ich bin mir sehr bewusst, dass dieser Dienst wegen seines geistlichen Wesens nicht nur durch Taten und Worte ausgeübt werden darf, sondern nicht weniger durch Leiden und durch Gebet. Aber die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen.
Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Köpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen.

Lobenswert die Metapher: „Das Schifflein Petri“. Das macht es bildlich, man kann sich etwas vorstellen. Das Kopfkino wird bei den Zuhörern angeworfen, es wird gleich etwas emotionaler. Und die Presse zitiert ohnehin gerne die Metaphern: „Beinfreiheit“ etc. Viele Redner haben eine Scheu vor der Metapher, dabei wirkt sie wohltuend.

Im Bewusstsein des Ernstes dieses Aktes erkläre ich daher mit voller Freiheit, auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, das mir durch die Hand der Kardinäle am 19. April 2005 anvertraut wurde, zu verzichten, sodass ab dem 28. Februar 2013, um 20.00 Uhr, der Bischofssitz von Rom, der Stuhl des heiligen Petrus, vakant sein wird und von denen, in deren Zuständigkeit es fällt, das Konklave zur Wahl des neuen Papstes zusammengerufen werden muss.

Der maximale Spannungsaufbau – auch wenn es wieder ziemlich verschachtelt daherkommt. Aber hier gilt: Jetzt der Hammer. Er wählt zu Beginn den etwas umständlichen, erklärenden Weg. Das ist eine rhetorische Entscheidung. Andere kommen in vergleichbaren Reden schneller zum Punkt, erklären früh den Rücktritt, machen kein langes Gewese. Also erst: „Ich trete zurück“ – und dann die Erklärung, warum. Aber, das kann jeder machen, wie er will.

Liebe Mitbrüder, ich danke euch von ganzem Herzen für alle Liebe und Arbeit, womit ihr mit mir die Last meines Amtes getragen habt, und ich bitte euch um Verzeihung für alle meine Fehler. Nun wollen wir die heilige Kirche der Sorge des höchsten Hirten, unseres Herrn Jesus Christus, anempfehlen. Und bitten wir seine heilige Mutter Maria, damit sie den Kardinälen bei der Wahl des neuen Papstes mit ihrer mütterlichen Güte beistehe. Was mich selbst betrifft, so möchte ich auch in Zukunft der heiligen Kirche Gottes mit ganzem Herzen durch ein Leben im Gebet dienen.

„Ich bitte um Verzeihung aller meiner Fehler“ – absolut beeindruckend. Wenn man an die Rücktritte denkt, in der Politik, da hatten die Rednerinnen und Redner immer diesen beleidigten Grundton, dieses unausgesprochene, aber sich immer in der Miene zeigende: „Eigentlich habe ich das gar nicht verdient. Ich trete nur zurück, weil ihr es wollt, ich bin nicht schuld, die anderen sind schuld.“ Wirkliche Größe zeigt sich dagegen in diesem: „Verzeiht mir meine Fehler.“ Toll.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Schlegel: Martin Schulz und der Leberhaken

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