Martin Schulz und der Leberhaken

von Christoph Schlegel16.05.2017Innenpolitik

Kurz nach der Wahl sprechen die Sieger und Verlierer in Bildern – und variieren dabei vor allem ein Thema: „Kämpfen“

Leberhaken auf grünem Teppich

Am 22. September 2002 trat Edmund Stoiber im Konrad-Adenauer-Haus ans Mikrofon und sagte: „Eines ist sicher, wir haben die Wahl gewonnen.“ Jedes einzelne Wort betonte Stoiber. Es war 18.47 Uhr, die Bundestagswahl gelaufen und im ganzen Haus jubelt es. Wie sich wenige Stunden später heraus stellte: Hatten sie nicht. Im Laufe des Wahlabends verschoben sich die Stimmen zu Gunsten von Rot-Grün und Gerhard Schröder (SPD) blieb Bundeskanzler. Vom Herausforderer Stoiber (CSU) blieb dagegen außer der Fehleinschätzung noch der Satz, den er zuvor auch noch im Jubel verkündete: „Wir machen nun ein Glas Sekt auf!“ Quasi als Sinnbild für überbordende Freude über den vermeintlichen Wahlsieg.

Das zeigt: Bilder und Metaphern beherrschen die Reden nach einer Wahl, ob nun verloren oder gewonnen. Die Metapher hilft, so konkret wie nötig und so unkonkret wie möglich zu bleiben. Die Metapher ist ein Gefühlswort, das Menschen „mitnimmt“ und mit hoher Wahrscheinlichkeit ist die Metapher immer der Teil der Rede, die in TV, Zeitungen, Online-Plattformen aufgegriffen und zitiert wird. Weil sie im besten Fall das Kino im Kopf anwirft.

Wie beispielsweise der Leberhaken.

Ein neues Sprachbild, das gerade eine erstaunliche Premiere erlebt hat. „Die SPD habe eine Leberhaken“ erhalten, verkündete Martin Schulz, SPD-Chef und Kanzlerkandidat, nach der verlorenen Wahl in Nordrhein-Westfalen. Leberhaken, das passt so gut. Weil bei Martin Schulz immer Sport ist, immer Wettkampf, immer irgendwie Mann gegen Mann, immer Kratzen, Beißen, Hauen, Stechen. Und weil dazu auch verlieren gehört und wieder aufstehen, und eben auch dieses „Nie aufgeben“. Bei diesen ganzen Sport-Metaphern schwingen ja immer legendäre Sport-Ereignisse mit, bei denen das Unmögliche erreicht wurde. Als die Mannschaft nach 0:3 „zurückkam“, der Boxer fast schon ausgeknockt war und trotzdem noch gewann, mit gebrochenem Kiefer und den Augen auf Halbmast.

Unter Boxern ist der Leberhaken jedoch gefürchtet. Er ist nicht nur sehr schmerzhaft, weil sich beim Treffer die Leber zusammenzieht und den Blutdruck stark abfallen lässt. Das wiederum sorgt für Kreislaufprobleme, dem Boxer wird schummrig vor Augen und vor allem: in der Regel ist das Ende des Kampfes nicht mehr weit. Da reichen ein paar Schläge und das war’s für den Getroffenen. Der Leberhaken ist also eher der Vorbote einer Niederlage.

Sprachbilder sind halt so eine Sache. Denkt man sie logisch zu Ende, können sie sich ins Gegenteil verkehren. Und die Frage ist, ob Politiker mit Kampf- und Durchhalte-Metaphern rein sprachlich aufs richtige Pferd setzen (um mal ein Sprachbild anzubringen) – und ob es immer Kampf sein muss, ob immer nur „klare Kante“ gezeigt werden muss, sich Kämpfernaturen offenbaren müssen, ob die Monate bis zur Bundestagswahl tatsächlich nur aus einer „steinigen Wegstrecke“ bestehen, wie das Martin Schulz sagt, und ob es immer nur darum geht, hier noch einen Haken „wegzustecken“, da noch ein „Gegentor aufzuholen“, wieder den „Mund abputzen und weitermachen“? Hannelore Kraft habe „wie eine Löwin“ gekämpft sprachbilderte es aus Schulz. Aber vielleicht wollen die „Wählerinnen und Wähler“ keine Politiker, die ständig nur kämpfen, sondern welche, die mal gewinnen oder noch besser: die überzeugen.

Den Jubel genießen?

Der Wahlsieger in NRW, Armin Laschet (CDU) hat natürlich auch denjenigen gedankt, die bis zur letzten Minute „gekämpft“ haben. Und dann hat er noch jenen gedankt, die mit „im Boot saßen“, also die eher Laschet-kritischen CDU-ler Wolfgang Bosbach und Karl-Josef Laumann. Und jetzt müsse man aber die „Ärmel hochkrempeln“. Weil in dieser permanenten Kampf-Stimmung, in der sich alle offenbar befinden kaum Zeit ist, den Jubel zu genießen. Bis auf Winfried Kretschmann (Grüne), der im März 2016 als Ministerpräsident von Baden-Württemberg bestätigt wurde und eine bemerkenswerte Dankes-Rede kurz nach der Wahl hielt. Die Rede dauerte fünf Minuten, davon wurde ca. drei Minuten lang gejubelt, während Kretschmann zufrieden und schweigend auf seine Anhänger blickte. Gegen Ende präsentierte er dann ein ungewöhnliches Sprachbild: „Der grüne Teppich ist gelandet und zwar in der Mitte unseres Landes“.

Klar, als Sieger ist es einfacher, gute Bilder zu finden.

Martin Schulz hat sich unmittelbar nach der NRW-Wahl in die Boxkampf-Metapher weiter hineingedacht und noch gesagt, am Schluss, also bei der Bundestagswahl im September werde der Ringrichter den richtigen Arm, also den Arm der Sozialdemokraten nach oben heben. Und der Ringrichter ist in Schulzens Metapher der Wähler, der den leberhakengeschädigten Kampflöwen doch noch zur Kanzlerschaft verhilft, so hofft Schulz. Aber vielleicht sollte man bei der SPD in den nächsten Wochen nach Sprach-Bildern suchen, die ein wenig mehr wie Sieg aussehen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu