Wirtschaftliches Denken ist eine Metapher, die wir gerne überdehnen. John Lanchester

Mythos IS

Aus einer Mücke soll man keinen Elefanten machen. So verhält es sich auch im Falle des IS. Eine realistischere Analyse dessen durch Medien und Politik wäre angebracht.

Auf einer ihrer vielen Reisen verirren sich Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer in der Wüste. Am Horizont erblicken beide einen Riesen. Je näher sie ihm jedoch kommen, desto kleiner wird er und stellt sich schließlich als Mann von normaler Statur heraus. Ähnlich lässt sich das Phänomen ISIS bewerten.

Nach den Eroberungszügen durch Irak und Syrien im Sommer 2014 geisterten Schlagworte wie die „Neuordnung des Nahen Ostens“ oder das „Ende von Sykes-Picot“ durch die Berichterstattung.
Doch weder hat diese Neuordnung stattgefunden, noch sind die von den ehemaligen Kolonialmächten gezogenen Grenzen in Auflösung begriffen.

Die Schwäche der anderen ist des IS Stärke

Oft ist der Diskurs um die Terrorgruppe von schnelllebigen Schlagzeilen geprägt, die sich bei näherer Betrachtung als nicht eindeutig belegbare oder schlichte Falschmeldungen erweisen. Nach der Einnahme Mosuls im Juni vorigen Jahres, so wurde anfangs berichtet, hätte IS Gold und Devisen im Wert von etwa 2 Milliarden US Dollar erbeutet. Der ehemalige Bürgermeister von Mosul korrigierte diese Zahl später auf 450 Millionen – zweifelsohne noch sehr viel Geld für eine nicht-staatliche Organisation, jedoch weit entfernt von der ursprünglichen Behauptung. Das macht den IS jedoch nicht zu einem außergewöhnlich mächtigen Akteur, sondern vergrößert lediglich sein potenzielles Handlungsfeld.

Dieses wäre jedoch selbst ohne die vorhandenen finanziellen Mittel von großem Ausmaß. Nach dem Abzug der US-Truppen aus dem Irak wurde das dysfunktionale politische System vom Ringen um Partikularinteressen gelähmt. Der Islamische Staat im Irak (ISIS) als Vorläuferorganisation vom IS konnte sich daher reorganisieren und nutzte das staatliche Vakuum in Teilen Syriens, ausgelöst durch den Bürgerkrieg, um dort ohne großen Widerstand quasi-staatliche Strukturen zu errichten.

Auch im Irak war es in erster Linie die Schwäche der irakischen Sicherheitskräfte und der Zentralregierung, die der Gruppe einen schnellen Vormarsch im Sommer vergangenen Jahres ermöglichten und nur sehr begrenzt eigene Stärken. Dies bezeugt alleine schon der Fakt, dass es mit den kurdischen Peshmerga eine leicht ausgerüstete Infanterietruppe schaffte, den Vormarsch von ISIS im Nordirak zu stoppen.

Etwaige Scheinriesen enttarnen

Auch intern ist die Gruppe weniger resilient als angenommen. Zwangsrekrutierungen und lang anhaltende Stromausfälle in den besetzten Gebieten bereiten ihr Probleme. Europäische Freiwillige sind oft nicht mehr als Kanonenfutter und die Schlacht um Kobane hat viele Dschihadisten das Leben gekostet, so werden neue Rekruten in den Kämpfen in Syrien und Irak dringend benötigt. Um die Loyalität der Bevölkerung in den besetzten Gebiete langfristig aufrecht zu erhalten, können Zwangsrekrutierungen jedoch nur im begrenzten Maße erfolgen. Versorgungsprobleme mit Elektrizität sind der Zerstörung der Infrastruktur zuzuschreiben. In beiden Fällen muss IS eine praktikable Lösung finden, die die Bevölkerung nicht über die Maßen belastet. Absehbar ist das bisher nicht.

Zweifelsohne ist IS eine schlagkräftige Organisation, die in Teilen Syriens und Iraks herrscht. Gleichzeitig muss man sich jedoch im Klaren darüber sein, dass ihre Macht auch deutliche Grenzen hat – seien das die kurdischen Milizen oder Probleme, die mit der Regierungsführung zusammenhängen. Hier liegt es an uns selbst, bestehende sensationalistische Narrative gezielt zu hinterfragen und kritisch mit Meldungen umzugehen, die einfache Antworten auf komplexe Fragen parat haben und etwaige Scheinriesen zu enttarnen. Oder, um es mit Lukas dem Lokomotivführer zu sagen: „Wenn man Angst hat, sieht meistens alles viel schlimmer aus, als es in Wirklichkeit ist.“

Der Beitrag ist Teil einer Kooperation mit IFAIR.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Belkis Wille, Joachim Nikolaus Steinhöfel, Dennis Schmidt-Bordemann.

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