Digitale Souveränität beginnt in der Schule | The European

Wir haben die Digitalisierung verschlafen

Christoph Meinel8.08.2020Wirtschaft

Wir haben die Digitalisierung verschlafen. Die Corona-Krise aber hat uns gelehrt, dass wir mehr in die digitale Infrastruktur investieren müssen.

14.04.2020, xomx Presse, Geht nach den Osterferien das Homeschooling in die naechste Runde? Bild: Geht nach den Osterferien das Homeschooling in die zweite Runde, oder werden die Schulen nach und nach wieder geoeffnet? Ein junge sitzt an seinem Schreibtisch und erledigt seine Mathe-Aufgaben im Homeschooling. || Nur für redaktionelle Verwendung, picture alliance / HMB Media/Oliver Mueller | HMB Media/Oliver Mueller

14.04.2020, xomx Presse, Geht nach den Osterferien das Homeschooling in die naechste Runde? Bild: Geht nach den Osterferien das Homeschooling in die zweite Runde, oder werden die Schulen nach und nach wieder geoeffnet? Ein junge sitzt an seinem Schreibtisch und erledigt seine Mathe-Aufgaben im Homeschooling. || Nur für redaktionelle Verwendung, picture alliance / HMB Media/Oliver Mueller | HMB Media/Oliver Mueller

Die Covid-19 Krise ist in vielen Bereichen Deutschlands zu einem Beschleuniger der digitalen Transformation geworden. Das ist vielleicht der einzig positive Effekt dieser Krise, dass die in Gesellschaft und Staat bisher weitgehend verschlafene digitale Transformation Fahrt aufgenommen hat. Zumindest ist allen klargeworden, dass in der staatlichen Verwaltung, im Bildungsbereich, im Gesundheitswesen und in vielen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens die Herausforderungen der Krise hätten besser gemeistert werden können, wenn der Einsatz und die Nutzung digitaler Technologien in Deutschland auf dem Stand wären wie in vielen anderen Ländern dieser Welt. So kamen die Interaktionsmöglichkeiten mit Ämtern und Behörden während des Lockdowns flächendeckend zum Erliegen, Personalausweise, Pässe, Führerscheine etc. konnten nicht beantragt und abgeholt werden, weil die gängigen Workflows immer noch persönliches Erscheinen erfordern; auch dort, wo das unter Nutzung digitaler Technologien lange nicht mehr erforderlich wäre.

Ein lehrreiches Beispiel für die verschlafene Digitalisierung bietet der Schulbereich mit seinen kompliziert über alle staatliche Ebenen verteilten Verantwortlichkeiten. In den Sonntagsreden wurden schon seit 15 Jahren die Vorteile von digitalen Technologien und Bildungsangeboten in den Schulen gepriesen, unzählige Pilotprojekte – aus verschiedenen Quellen finanziert – wurden wenig nachhaltig durchgeführt, mit einem Finanzvolumen von 5,5 Milliarden Euro wurde der „DigitalPakt“ Schule von der Bundesregierung ausgelobt, und trotzdem waren die Schulen nicht vorbereitet, während der Corona-bedingten Schulschließungen einfach auf digitale Unterrichtformen umzuschalten. So wurden in vielen Schulen den Schülern die von Lehrern so geliebten Aufgabenblätter nicht über das Internet zugestellt, viele Faxe versendet und elterliche E-Mail-Accounts aktiviert. Unkoordiniert und in jedem Unterrichtsfach andere Programmsysteme wurden installiert und ihr Einsatz unter den Bedingungen des Ernstfalls erprobt, bei entsprechendem Einsatz auf Seiten der Eltern und der Lehrer manchmal sogar mit bemerkenswertem Erfolg. Aber flächendeckend fehlten die Voraussetzungen für einen Einsatz digitaler Technologien und Systeme im Unterricht – Breitband-Internetanbindung, WLAN in den Klassenräumen, adäquate Geräteausstattung der Schüler und Zugriff auf geeignete digitale Lernmedien und -systeme, die einen niederschwelligen und datenschutzkonformen Einsatz digitaler Lernmedien und Lernsoftware im Unterricht ermöglichen.

Aber selbst wenn diese infrastrukturellen Voraussetzungen gegeben gewesen wären, fehlte bisher die Vision und ein größerer Plan, die digitale Transformation in deutschen Schulen voranzubringen, deren pädagogischen Potenziale zu erschließen und die junge Generation gut auf ein Leben in einer Gesellschaft vorzubereiten, die in all ihren Bereichen zunehmend von den Entwicklungen in der digitalen Welt geprägt ist. Im Mittelpunkt der Überlegungen und Diskussionen dazu stehen die Fragen nach der digitalen Souveränität, zum einen als Bildungsziel für unsere Kinder und zum anderen als Selbstverständnis unseres Gemeinwesens.

Digitale Souveränität als Bildungsziel

Schüler und Schülerinnen sind in eine Welt geboren worden, in der die Digitalisierung alle Bereiche des Lebens erfasst hat und diese verändert. Das berufliche, private und gesellschaftliche Leben ist ohne gute Kenntnisse und Fertigkeiten im Bereich der digitalen Technologien und Plattformen nicht mehr zu meistern. Unser Menschenbild ist geprägt von dem Ideal des freien Bürgers, der selbstbestimmt, eigenverantwortlich und souverän sein Leben meistert. In der heutigen Zeit schließt das auch sein Leben und Handeln in der digitalen Welt ein. Aber wird das in der Schule reflektiert? Ist Lehrern und Lehrerinnen bewusst, dass sie in ihrer Bildungsarbeit auch verantwortlich sind, ihre Schüler auf ihren Umgang und ihr Handeln in der digitalen Welt vorzubereiten?

Über viele Jahre wurde allein darüber gestritten, wer für die Digitalisierung in den Schulen verantwortlich ist, der Schulträger oder das Land, ob jedes Bundesland eine eigene digitale Lernumgebung braucht, oder ob eine einheitliche digitale Cloud-Infrastruktur aufgebaut und dann für jedes Bundesland angepasst wird. So waren die Schulen nicht vorbereitet oder in der Lage, auf die mit dem Lockdown verbundenen Schulschließungen angemessen zu reagieren.

In diesen Ausstattungsdiskussionen ganz außen vor ist die Frage, wie Schüler und Schülerinnen denn befähigt werden, den Anforderungen einer durch die digitale Transformation vollkommen veränderten Lebens- und Arbeitswelt gerecht zu werden und sich in der neuen digitalen Welt souverän zu bewegen. Niemandem nützt schnelles Internet und das Recht auf die Verfügungsgewalt über eigene Daten, wenn er/sie nicht mit der Digitalisierung selbst umgehen kann. Es ist noch keine digitale Kompetenz, schnell etwas auf Facebook zu posten oder bei TikTok hochzuladen. Die Digitalisierung hat eine Welt mit eigenen Gesetzen erschaffen, die anders sind als die der bisherigen Welt. Daten wohnt ein erheblicher Wert inne, Wachstumsprozesse verlaufen für Menschen nur schwer  erfassbar, exponentiell ab. Im Internet spielt Zeit keine Rolle, alles geht sofort. Das millionenfache Teilen einer Bilddatei im Netz ist einfacher als einen Ausdruck in der analogen Welt zu erstellen.

Um sich erfolgreich in der digitalen Welt zu bewegen, braucht es digitale Kompetenzen. Die digitale Welt im geschützten Raum der Schule zu entdecken, war aus den schon diskutierten Gründen bisher nicht möglich. Erst mit dem jetzigen Schub der Digitalisierung, ausgelöst durch die Corona-Krise, kommt Bewegung in die Szene. Auf breiter Front haben Lehrer und Lehrerinnen entdeckt, digitale Lernprogramme und -systeme in ihrem Unterricht zu nutzen. In der Krisensituation oft noch in einem datenschutzrechtlich unzulässigen Setting wächst das Verständnis, dass die Nutzung einzelner Lernprogramme im Unterricht nur sinnvoll aus einer geschützten digitalen Lern- und Arbeitsumgebung wie der HPI Schul-Cloud erfolgen kann, um die Vorteile digitaler Lernsysteme nutzen und den Abfluss der dabei anfallenden personenbezogenen Daten verhindern zu können.

Digitale Souveränität unseres Gemeinwesens

Die Forderung nach digitaler Kompetenz und Souveränität bezieht sich aber auch auf die verschiedenen Ebenen staatlichen Handelns. Selbstbestimmtes Handeln und wirtschaftlich unabhängige Entscheidungen setzen digitale Kompetenz voraus. Dazu gehört die Kenntnis der gesetzlichen Rahmenbedingungen, z.B. in Bezug auf den Datenschutz, ein Verständnis über die Konsequenzen des Einsatzes Cloud-basierter Produkte ausländischer Anbieter – sowohl im Hinblick auf die Verarbeitung als auch die Datenspeicherung – und das sogenannte Vendor Lock-in, also die dauerhafte Abhängigkeit vom Hersteller bei der Entscheidung für seine Systeme. Um Letzteres zu vermeiden, macht es im öffentlichen Bereich Sinn, wo immer möglich sogenannte Open-Source Software, also Quellcode-offene Software einzusetzen. Damit kann man sicherstellen, dass die Systeme keine unerwünschten Nebenwirkungen haben – der Quellcode kann von jedem gecheckt werden. Investitionen und Anpassungsentwicklungen sind so nachhaltig gesichert. Die Systeme mit ihren dahinterliegenden komplexen Datenstrukturen müssen nicht ausgetauscht werden, wenn man mit dem Betreiber unzufrieden ist. Dieser kann einfach durch Neuausschreibung ausgetauscht werden, ohne dass die Nutzer sich an die Oberflächen eines neuen Systems gewöhnen und seine Bedienung neu erlernen müssen.

Digitale Souveränität beginnt tatsächlich in der Schule, wo Schüler digitale Kompetenzen erwerben, beispielsweise gemeinsam an Projekten und in sozialen Netzwerken arbeiten, wie später im Beruf verlangt. Gemeinsam auf maßgeschneiderten Plattformen entdecken und erfahren, wie die neue digitale Welt funktioniert, wo digitales Arbeiten Vorteile gegenüber analogem Arbeiten bringt, ist heute wichtiger denn je. Es entscheidet über unsere Zukunft.

Prof. Dr. Christoph Meinel ist seit über 15 Jahren Direktor des Hasso-Plattner-­Institutes (HPI) for Digital Engineering und seit 1992 Inhaber des Lehrstuhls für ­Internet-Technologien und Systeme. Das HPI ist das führende Exzellenzzentrum für ­Digitalisierung in Deutschland.

 

 

 

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